Keine Ausreden mehr: #MeToo als Machtfrage

Kommentar5. Oktober 2018, 17:38
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Die globale Debatte über sexuelle Übergriffe war problematisch und wichtig zugleich

Es stimmt ja: #Metoo war im vergangenen Jahr auch eine Pein. Kein Tag verging am Höhepunkt der Kampagne vor einem Jahr, an dem nicht ein wunderschöner Filmstar aufgestanden und, den Hashtag als Zauberformel murmelnd, noch einen ärgeren Übergriff, noch eine schrecklichere Demütigung, noch eine grausigere Szene von der "Besetzungscouch" beisteuerte und die mediale Aufregung noch mehr befeuerte. Die Giganten Hollywoods fielen wie die Zinnsoldaten: Harvey Weinstein, Kevin Spacey, Morgan Freeman – es hatte etwas negativ Faszinierendes, wie ein Autounfall. Du willst nicht hinsehen, aber du kannst auch nicht anders.

Gleichzeitig fragten sich viele mit fortlaufender Debatte: Werden da nicht ständig Ebenen vermischt? Wenn unter demselben Schlagwort Vergewaltigungen und verbale Belästigung, unerwünschte Anmache via SMS gepostet werden – führt das nicht dazu, dass das eine verharmlost und das andere übertrieben wird? Widerspricht die Verhandlung dieses hochkomplexen Themas auf Twitter, in der Atemlosigkeit von 140 Zeichen pro Tweet, überhaupt unserem Rechtsverständnis? Wo bleibt der in einem funktionierenden Rechtssystem heilige Grundsatz der Unschuldsvermutung – bis zum Beweis des Gegenteils? Wenn der Anschuldigung im sozialen Netzwerk die soziale Ächtung folgt – ist das nicht eine Verurteilung ohne offizielle Anklage?

Zudem: Was hat denn all die Aufregung gebracht? Noch immer ist es für Opfer sexueller Übergriffe wahnsinnig schwer, vor Gericht zu ihrem Recht zu kommen. Der Backlash ist allgegenwärtig, wenn etwa der österreichische Innenminister die Mittel für Workshops streicht, in denen Polizisten den adäquaten Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt lernen sollten.

Wenn man ein Problem derart negiert, bleiben die Folgen weiter dramatisch: Drei von vier Frauen erleben, statistisch gesehen, in ihrem Leben mindestens einen sexuellen Übergriff, die Dunkelziffer ist höher. Gesetze helfen hier nicht viel, und es ist fraglich, ob es weniger Probleme gäbe, würden sie verschärft.

Bestimmte Gerüchte halten sich hartnäckig, auch wenn sie die offiziellen Untersuchungen Lügen strafen: Frauen würden, aus welchen Rachegefühlen auch immer, Männer oft falsch beschuldigen, aus einvernehmlichem einen erzwungenen Sex machen. Diese Unterstellung schwelt – ob der Beschuldigte nun Brett Kavanaugh, Cristiano Ronaldo oder Hinz oder Kunz heißt.

Die erste globale Debatte über sexuelle Übergriffe war nicht unproblematisch. Wichtig war sie trotzdem. Denn sie zeigte deutlich auf: Wer seine Macht missbraucht, kommt nicht, wie früher allzu oft, komplett ungeschoren davon. Umgekehrt: Wer keine Macht hat (oder hatte), muss nicht immer der oder die Verliererin sein. Frau kann sich wehren – und Mann auch. Dass auch mächtige Frauen sexuell übergriffig sein können, dass sogar #MeToo-Aktivistinnen wie die italienische Schauspielerin Asia Argento übergriffig sein können, zeigte die Kampagne ebenfalls.

Nach #MeToo gibt es keine Ausreden mehr. Eigentlich muss allen Menschen nun bewusst sein, dass sie mit ihrer Macht – und sei sie noch so gering – sorgsam umgehen müssen. Und jene, die auf der Hierarchieleiter weiter unten stehen, können und sollen sich wehren. Diese Erkenntnis ist eigentlich der größte Erfolg von #MeToo. (Petra Stuiber, 5.10.2018)

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