Amazon Go ausprobiert: Einkaufen unter Totalüberwachung

    19. Oktober 2018, 11:06
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    Die Zukunft des Supermarkts kommt ganz ohne Kassa aus. Sie nährt aber auch grundlegende Bedenken

    Habe ich gerade Ladendiebstahl begangen? Eine Frage, die nach dem ersten Einkauf bei Amazon Go nicht so recht aus dem Kopf zu bekommen ist. Einfach aus dem Laden gehen statt sich an der Kassa anzustellen: Das ist ungewohnt. Also wird schnell einmal stehen geblieben und die eigene Inbox gecheckt: Nichts. Die Verunsicherung steigt. Erst ein paar Minuten später dann doch noch die Bestätigung. Via Mail trudelt die Rechnung ein, und siehe da: Es wurden tatsächlich sämtliche eingesteckten Produkte korrekt verbucht.

    Wie klappt das?

    Der Ablauf eines solchen Einkaufs ist dabei denkbar einfach: Vorab musst die zugehörige App für Android oder iPhones heruntergeladen werden. Diese liefert in Kombination mit dem eigenen Amazon-Account einen QR-Code, mit dem bei den Zugangsschranken Einlass gewährt wird. Anschließend gilt es eigentlich nur mehr Zuzugreifen, Einzupacken – und wieder zu gehen. "Just walk out" steht denn auch auf an mehreren Stellen im Laden geschrieben. Ein System, das einen verblüffend schnellen und reibungsfreien Ablauf garantiert, der aktuell nur an einer Stelle durchbrochen wird: Wer ein Papiersackerl haben will, muss dieses in der App manuell verbuchen.

    Was für manche nach schwarzer Magie klingen mag, hat einen durchaus nachvollziehbaren technischen Hintergrund. Über den Amazon-Go-Store sind hunderte Kameras verteilt, die jede noch so kleine Ecke des Ladens erfassen können. Mit deren Hilfe – und einer guten Portion Maschinenlernen – werden sowohl die einzelnen Käufer durch den Laden verfolgt als auch die Produkte, die sie aus den Regalen nehmen, identifiziert.

    foto: andreas proschofsky / der standard
    Die Regale sind wohlsortiert, was der Technik hilft. Die befindet sich übrigens vornehmlich an der Decke: Wer genau schaut, sieht hier unzählige Kameras.

    Ausfallsicherheit

    Auf Gesichtserkennung setzt man dabei übrigens laut Amazon nicht. Die Dichte der Kameras erlaubt es auch so, einzelne Person quer durch den gesamten Laden zu verfolgen und exakt festzuhalten, was sie einstecken. Selbst wenn einzelne Kameras ausfallen, funktioniere das System weiter reibungslos, versichert Amazon. Und natürlich wird die defekte Kamera so schnell wie möglich ausgewechselt.

    Die Produkte werden an ihrem Aussehen und ihrer Position in den Regalen identifiziert, nur bei einzelnen Angeboten – wie etwa frisch zubereiteten Salaten – sind Muster aufgedruckt, die das Tracken erleichtern sollen. Ist sich das System unsicher, kann aber auch das frühere Einkaufsverhalten der jeweiligen Person herangezogen werden, um eine Einschätzung zu treffen. Immerhin weiß Amazon Go immer sehr genau, wer hier gerade einkaufen geht – dazu dient der QR Code beim Eingang.

    Kein Anspruch auf Perfektion

    Perfekt ist dieses System natürlich nicht, aber das muss es auch gar nicht sein. Amazon braucht lediglich eine Fehlerrate, die niedrig genug ist, um damit leben zu können. Immerhin kommt es auch an der Kasse bei einem klassischen Supermarkt immer wieder zu Fehlbuchungen. Dazu kommt noch, dass Ladendiebstahl hier kaum mehr möglich ist – und wenn, dann nur mehr mit roher Gewalt. Einfach unauffällig mal etwas in der Tasche verschwinden lassen geht hier nicht, wie einige Tester bereits feststellen mussten: Die Kameras von Amazon übersehen nämlich praktisch nichts und verbuchen das Produkt einfach.

    Angestellte gibt es in diesem System übrigens sehr wohl noch: Diese sind allerdings mit anderen Aufgaben als dem Kassieren beschäftigt. Sie befüllen regelmäßig die Regale, und sorgen auch dafür, dass alles wohlsortiert ist, um die Erkennung zu erleichtern. Wer Zugriff auf alkoholische Getränke haben will, muss ebenfalls mit einem Mitarbeiter interagieren. Immerhin will man verhindern, dass hier Minderjährige Zugriff haben.

    foto: andreas proschofsky / der standard
    Die Sicherheitsschranken: Beim Betreten des Ladens muss ein QR-Code vorgezeigt werden, der eine eindeutige Identifizierung erlaubt. Zum Abkassieren reicht es hingegen, einfach das Geschäft zu verlassen.

    Faszination mit einem großen "Aber"

    Aktuell versteht sich Amazon Go noch als eine Art Experiment. So gibt es derzeit nur fünf Filialen, von denen drei in der Nähe des Amazon-Hauptquartiers in Seattle angesiedelt sind. Und doch zeigt sich hier bereits eine faszinierende Vorschau auf eine zum Greifen nahe scheinende Zukunft. Doch so beeindruckend all das auch sein mag, gibt es doch eine reichlich problematische Kehrseite. Zeichnet sich eben diese Zukunft doch durch eine Totalüberwachung der Konsumenten aus. Amazon weiß haargenau wer was wann kauft, wie er sich durch den Laden bewegt, wie lange vor dem Griff zum gewünschten Produkt gezögert wird.

    Nun kann man natürlich den – etwas zynischen – Standpunkt einnehmen, dass all dies ohnehin eine unaufhaltbare Entwicklung ist. Einerseits sammeln Supermärkte über Vorteilskarten schon seit Jahren präzise Daten über das Kaufverhalten ihrer Kunden, andererseits experimentieren auch andere Anbieter mit Kamerasystemen, die eine Analyse des Geschehens zulassen. Und natürlich könnte man auch herausstreichen, dass es sich bei all dem eigentlich nur um eine konsequente Umlegung des Online-Kaufs auf den realen Raum handelt. Gibt man doch beim Shoppen auf amazon.com ebenfalls eine Vielzahl an Daten her. Das ändert aber alles nichts daran, dass hier ein zusätzlicher Raum unter eine lückenlose Überwachung gestellt wird. Bei einem normalen Supermarkt besteht zumindest die Möglichkeit bar zu zahlen und so keine Datenspuren zu hinterlassen – das geht in diesem System nicht mehr.

    Realismus

    Ob solche Bedenken den Erfolg von Amazon Go – und ähnlicher System – bremsen können, ist allerdings zweifelhaft. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass sich eine breite Mehrheit reichlich wenig für grundlegende Privacy-Überlegungen interessiert, solange ein neuer Dienst nur ein Stück bequemer ist. Und das ist Amazon Go fraglos. Bei Amazon ist man jedenfalls davon überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein: Laut einem aktuellen Bericht von Bloomberg will das Unternehmen bis zum Jahr 2021 alleine in den USA bis zu 3.000 Amazon-Go-Stores eröffnen. (Andreas Proschofsky, 19.10.2018)

    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise zu einem Produkt-Launch in Seattle, in dessen Rahmen auch Amazon Go ausprobiert wurde, erfolgte auf Einladung von Amazon.

    Link

    Amazon Go

    Nachlese

    Shoppen ohne anstellen: Amazon plant tausende kassalose Filialen

    Schlimmer als Uber: Wie Amazon den Handel in Wien aufmischen will

    • Bisher gibt es nur vier Amazon-Go-Filialen, wir haben uns eine davon in Seattle angesehen.
      foto: andreas proschofsky / der standard

      Bisher gibt es nur vier Amazon-Go-Filialen, wir haben uns eine davon in Seattle angesehen.

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