Liebe und Freundschaft: Speeddating im Pensionistenklub

    Video7. Oktober 2018, 09:00
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    Beim Speeddating in einem Wiener Seniorenheim suchen Alleinstehende ab 55 Freundschaft, Liebe oder Sex

    der standard
    200 Speeddater trafen sich zum Austausch in einem Wiener Seniorenheim.

    Charlotte blickt in einen großen Spiegel. Vor ihr türmen sich unzählige Fläschchen und Tuben auf einem Schminktisch. Die 79-Jährige trägt ihre blonden Haare kurz und wellig, dazu eine pinke Kette und kleine, glitzernde Ohrringe. Die Stylistin fährt mit ihrem Pinsel in Charlottes Gesicht und versucht, die Augenringe zu kaschieren.

    Einen Stock darüber ertönt ein Gong. Während Charlotte noch geschminkt wird, startet oben bereits die erste Runde des Speeddatings im Seniorenwohnheim Am Mühlengrund in Wien-Liesing. Viele Besucher kommen allerdings von außerhalb und wohnen nicht im Heim. "Ich habe eigentlich keine Probleme, Männer kennenzulernen", sagt Charlotte. "Ich werde viel angeredet."

    Einsam fühlt sie sich mitunter trotzdem in dem großen Haus, in dem sie allein wohnt. Deshalb ist sie zum Speeddating der Wiener Pensionistenklubs gekommen. Um jemanden zu finden, mit dem sie gemeinsam reisen kann. Denn seit 30 Jahren ist sie geschieden. "Ich suche nach einer Freundschaft, nicht unbedingt nach einer körperlichen Beziehung", sagt sie. Das Angebot, sich vor Ort noch von einer Stylistin aufbrezeln zu lassen, hat sie gerne angenommen.

    foto: christian fischer
    Charlotte und Leopold haben für eine Weile geplaudert.

    Aufruf mit Kochlöffel

    "Wenn jemand schon beim ersten Gespräch seine große Liebe gefunden hat, zwingen wir euch nicht, Tisch zu wechseln", sagt ein Moderator. Die 200 Speeddater lachen, manche werden rot. Nach jeweils fünf Minuten schlägt der Moderator mit einem Kochlöffel auf eine Pfanne und bittet darum, sich umzusetzen. Bereits zum sechsten Mal findet das Speeddating statt. Heute ist Jubiläumstreffen, weil vor einem Jahr das erste über die Bühne ging. Die Besucher sind in der Regel zwischen 55 und 90 Jahre alt. Die meisten sind aber zwischen 70 und 80.

    "Wir müssen auch mit der Zeit gehen", sagt Elisabeth Müller, die sich das Format ausgedacht hat. "Einsamkeit ist ein großes Thema im Alter." Deshalb geht es beim Speeddating nicht nur um die Liebe, sondern auch darum, Freunde zu finden, jemanden fürs Kartenspielen oder Reisen. Man sieht sich nicht als Konkurrenzveranstaltung zu Elizabeth T. Spiras "Liebesgschicht'n und Heiratssachen" – im Gegenteil, die Sendung ist eher Vorbild: "Mein Wunsch ist, dass Frau Spira einmal bei uns vorbeikommt. Vielleicht zum Moderieren", sagt Müller.

    Knapp 20 Prozent der über 60-jährigen Männer leben allein, bei den Frauen sind es 26 Prozent. Bei den über 80-Jährigen leben 23 Prozent der Männer und bereits 59 Prozent der Frauen allein.

    foto: christian fischer
    Beim Speeddating wird einiges geboten: Auf einen Sektempfang folgen Fleischlaberln mit Kartoffelsalat. Im Anschluss wird die Tanzfläche eröffnet.

    Ein Skript, nach dem das Speeddaten ablaufen muss, gibt es nicht. Mit Leopold, der sich zu Charlotte an den Tisch gesetzt hat, entsteht zwar eine nette Plauderei, ob daraus mehr wird, bleibt offen. Aber in der 77-jährigen Elfriede hat Charlotte eine Reisepartnerin gefunden: Sie planen schon, wohin es gehen soll – Steiermark, Kreta oder die Malediven.

    "Es kommen immer mehr Frauen als Männer", sagt Organisatorin Müller. Viele sind verwitwet, Zielgruppe sind Heterosexuelle. Weshalb bei jeder Runde auch immer explizit die Männer aufgefordert werden, Tisch zu wechseln.

    Daran hat sich Fritz – blaues Jackett, Anstecknadel – nicht genau gehalten. Seit einer halben Stunde sitzt er bei Maria. Die beiden haben sich gerade kennengelernt. Es wirkt nicht so, als würden sie sich noch für andere im Raum interessieren. "Man sollte diese Veranstaltung nicht zu ernst nehmen. Mein Ziel ist aber schon, jemanden kennenzulernen", sagt der 74-jährige pensionierte Lokführer. Alle paar Sätze berührt er Maria leicht am Arm.

    Flexibel zu bleiben, fällt oft schwer

    Dann fängt eine Band zum Spielen an. "Tanz mit mir", schmettert die Sängerin in den Raum. Maria tanzt gern. Weil Fritz nicht möchte, wird Maria von jemand anderem aufgefordert. Mit seiner Frau, die vor gut einem Jahr verstorben ist, habe er gerne getanzt, erzählt Fritz, der auch in der Tanzschule war. Wenn sich mit jemand anderem wieder einmal "tiefere Gefühle" entwickeln sollten, werde er vielleicht wieder tanzen. Aber so weit ist er noch nicht.

    Die 73-jährige Sita ist schon zum zweiten Mal dabei. Ihr letztes Speeddating wirkte anfangs vielversprechend: Sie hat mit einer neuen Bekanntschaft Nummern ausgetauscht. Dabei ist es jedoch geblieben, sie hatten danach keinen Kontakt. Warum es für viele nicht leicht ist, im Alter einen neuen Partner zu finden, begründet sie so: "Man hat im Leben Vieles erlebt, ist festgefahren und jemanden Flexibles zu finden ist schwer."

    foto: christian fischer
    Rudi und Maria haben sich bereits vor eineinhalb Jahren gefunden.

    Nicht alle, die gekommen sind, sind noch auf der Suche. Manche sind einfach deshalb hier, um einen netten Nachmittag unter Leuten zu verbringen. Wie Rudi und Maria, die aus dem 13. Bezirk per Auto angereist sind. Sie haben das Programm gesehen und sich gedacht: "Das schauen wir uns einmal an."

    Dass Maria heute ihren Zweiundachzigsten feiert, passte da genau. Die beiden haben sich vor vier Jahren im Pensionistenklub kennengelernt, gefunkt hat es dann vor eineinhalb Jahren. Am Friedhof – beide sind Witwer – sind sie ins Gespräch gekommen. Beim Dating werden sie also nicht mitmachen. "Außer, du willst wen kennenlernen!", sagt Maria zu Rudi und sieht ihn herausfordernd an. "Nein, du reichst mir", sagt der 91-Jährige und lacht.

    Verschiedene Interessen

    Ein paar Tische weiter, eher am Rande des Geschehens sitzt Hans. Mit seiner rechten Hand hält er ein Glas Sekt Orange. Länger ins Gespräch gekommen ist er bisher mit noch niemandem.

    Seit drei Jahren sitzt der 71-Jährige im Rollstuhl. Und seither verlässt er seine Wohnung nurmehr dann, wenn es "unbedingt sein muss". Zwanzig Jahre lang hat er ein Beisl im neunten Bezirk geführt, bevor er in Pension ging. Hans ist ein plauderanter Kerl, rezitiert zwischendurch Nietzsche und erörtert den Zustand der Moral der heutigen Gesellschaft – man kann sich schwer vorstellen, dass er in einer Gruppe nicht im Mittelpunkt stehen würde. Aber er sagt: "Als Krüppel bin ich ein Wegwerfartikel, habe auf der Straße nichts mehr verloren."

    foto: christian fischer
    Hans ist zum zweiten Mal bei einem Speeddating. Mit einer Frau hat er Nummern ausgetauscht.

    Heute ist er trotzdem gekommen. Was er hier suche? "Jemanden wie Lotte Tobisch, nur jünger. Oder Chris Lohner." Er macht keinen Hehl daraus, dass er durchaus an Sex interessiert ist. "Wobei heute wohl auch mehr Kuscheln angesagt ist als früher", sagt er und lacht. "Man wird älter." Auch gut unterhalten will er sich können. Dann spricht er eine Dame im Vorbeigehen an. Sie tauschen Nummern aus. "Fesch" sei sie nämlich. "Was kann man schon verlieren", sagt er und lächelt.

    Meist seien Frauen diejenigen, die offensiver nach Sex suchen würden als die Männer, erzählt Organisatorin Müller. Manchmal treffen sich aber die Interessen. Einmal sei ein Pärchen gleich danach im Hotel verschwunden.

    Indes verklingen die letzten Takte des Songs, den die Band zum Besten gibt. Und Maria legt eine Tanzpause ein und setzt sich wieder an den Tisch – zu Fritz. (Laura Schwärzler, Vanessa Gaigg, Video: Isabella Scholda, 6.10.2018)

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