Overtourism: Wenn Hotels wie Schwammerln aus dem Boden schießen

    9. Oktober 2018, 09:00
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    In europäischen Städten boomt der Tourismus. Entwickler und Investoren reagieren darauf und bauen immer neue Hotels

    Im vergangenen Jahr wurden in Südtirol 355 Baukonzessionen für Hotels vergeben – "für ein kleines Land wie Südtirol ist das eine hohe Zahl", sagt Manuel Benedikter, Architekt in Bozen. "Wenn wir bei einem Bauunternehmer bezüglich eines Wohnbaus anfragen, heißt es immer: 'Tut mir leid, zuerst muss ich das Hotel fertig machen.'" Lang ist die Wartezeit allerdings nicht. Ein Hotel entstehe im Durchschnitt in 80 Tagen, "aber eher in 50 als in 90", so Benedikter.

    Doch nicht nur in Südtirol schießen Hotels wie Schwammerln aus dem Boden. Zu viele gibt es dennoch kaum irgendwo, "höchstens in Hardcore-Ferienregionen, wie etwa an der spanischen Küste", sagt Martin Schaffer, Partner bei MRP Hotels. Im Rest von Europa gebe es eher zu wenige. Schaffer: "In vielen Städten haben die Hotels eine Jahresauslastung von über 80 Prozent."

    Vor allem dort, in den europäischen Städten, boomt der Tourismus, etwa in Barcelona, Dubrovnik, Amsterdam oder Venedig. Immer wieder ist auch von "Overtourism" die Rede, also von Touristen, die zum Störfaktor werden. Laut Jürgen Schmude vom Lehrstuhl für Wirtschaftsgeografie und Tourismusforschung an der Universität München wächst der Tourismus bis 2030 um 50 Prozent. "Da kommen kaum noch neue Destinationen dazu, man kann ja schon überall hinfahren. Deshalb müssen vorhandene weiterentwickelt werden."

    Henne oder Ei?

    Doch was war zuerst da? Es ist wie die berühmte "Henne oder Ei?"-Frage. Kommen die Touristen, weil es Hotels gibt, oder gibt es Hotels, weil die Touristen kommen? Es sei ein bisschen von beidem, sagt Schaffer: "Neue Hotelprodukte generieren auch neue Gäste. Würde etwa eine asiatische Hotelkette nach Wien kommen, würde das wieder einen neuen Markt aufbauen." Generell, so sagt auch UBM-COO Martin Löcker, sei besonders in der Stadthotellerie die Nachfrage grundsätzlich zuerst da. Auf dem Land sei es etwas anders, sagt er und nennt ein Beispiel: "Wer ist nach Berchtesgaden gefahren, bevor es dort ein Hotel gegeben hat?"

    Neue Hotels können den Tourismus also zusätzlich befeuern. Schmude: "Investoren wollen so viel Tourismus generieren, wie es geht." Dennoch betreffe der Übertourismus auch sie. "Man zählt als Hotelentwickler schließlich auch auf intakte Destinationen und Natur, zu viel Tourismus ist eine Gefahr. Es kommt zu einer Veränderung der Innenstädte, sie bekommen einen anderen Charakter, wenn es nur mehr Souvenirgeschäfte und keine Büros mit Einheimischen mehr gibt", so Schaffer. Auch zu wenig Platz und mangelnder Wohnraum – etwa durch Entwicklungen wie Airbnb – sind weitere Folgen, so Schmude.

    Mögliche Lösungen zur Entschärfung des Problems kommen von der Politik. Lenkungen und Verbote sind eine Option. In Barcelona etwa sind in bestimmten Stadtregionen Vermietungen über Airbnb nicht mehr zulässig, in anderen Städten darf nur mehr an 90 Tagen im Jahr vermietet werden, so Schmude. Schaffer erzählt: "In Amsterdam, Barcelona und auch Salzburg gibt es Verbote, wonach in den Innenstädten keine neuen Hotels mehr gebaut werden dürfen."

    Geht es um den Umgang mit Übertourismus, müsse für jede Destination separat entschieden werden, welche Optionen sinnvoll sind, so Schmude. "Generell sollte die Politik einen Dialog mit der Bevölkerung suchen."

    Begehrte neue Ziele

    Neben den klassischen Touristenstädten werden zunehmend auch Regionen wie etwa Südtirol und B- und C-Destinationen in Deutschland, etwa Würzburg und Augsburg, bei Touristen und somit bei Hotelentwicklern beliebter, so Schaffer. Laut Löcker holt aktuell auch Frankreich, was die Übernachtungszahlen angeht, wieder auf, nachdem es durch den Terrorismus in den vergangenen Jahren einen Einbruch gab. Und: "In großen deutschen Städten kommen die Touristen immer mehr auch zum Freizeitvergnügen, nicht mehr nur als Business-Gäste. Das gilt auch für Polen, dort besonders für Warschau, Danzig, Krakau und Breslau."

    Zu viel Tourismus sei dort allerdings nicht zu befürchten, da sind alle Experten einer Meinung: Denn das Phänomen tritt sowohl räumlich als auch zeitlich eingeschränkt auf. Außerdem: Übertourismus betrifft immer nur Hotspots und nie die ganze Stadt.

    Übertourismus ist vor allem in Hotspots ein Problem – Venedig ist einer davon. Auch Destinationen in Polen holen auf, etwa Warschau. (Bernadette Redl, 9.10.2018)

    • Übertourismus ist vor allem in Hotspots ein Problem – Venedig ist einer davon.
      foto: istock

      Übertourismus ist vor allem in Hotspots ein Problem – Venedig ist einer davon.

    • Auch Destinationen in Polen auf, etwa Warschau.
      foto: istock

      Auch Destinationen in Polen auf, etwa Warschau.

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