"Mr. #MeToo" Ronan Farrow: Der Journalist, der die Weinstein-Affäre ins Rollen brachte

    8. Oktober 2018, 07:00
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    Der Sohn von Mia Farrow und Woody Allen hat mit seinen Recherchen im "New Yorker" den Fall des Hollywood-Moguls Harvey Weinstein und die MeToo-Bewegung wesentlich mitgetragen

    Als Ronan Farrow, zurzeit hauptsächlich als Investigativjournalist tätig, am 6. August dieses Jahres seine Geschichte über den CBS-Boss Leslie Moonves unter dem Titel Trouble at the Top im New Yorker veröffentlichte, war das seine 13. Geschichte, die innerhalb eines knappen Jahres dort erschienen ist. Aber schon mit seinem allerersten großen Investigativstück vom 23. Oktober 2017 unter dem Titel From Aggressive Overtures to Sexual Assault: Harvey Weinstein's Accusers Tell Their Stories, an dem er knapp ein Jahr gearbeitet hat und für das er mit über 3000 Betroffenen gesprochen hatte, hat der Sohn der Schauspielerin Mia Farrow und des Starregisseurs Woody Allen tatsächlich Geschichte geschrieben. Und dafür die höchste Auszeichnung im US-amerikanischen Journalismus erhalten: den Pulitzerpreis. Den musste sich der gerade einmal 31-Jährige zwar mit den Reporterinnen Jodi Kantor und Meghan Twohey teilen, die nur kurz zuvor ihre Weinstein-Recherchen in den New York Times veröffentlicht hatten.

    Da waren die umfassenden Recherchen von Ronan Farrow aber bereits so gut wie in Druck und haben sich seither – und längst überfällig – unter dem Hashtag #MeToo weltweit einen Weg ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gebahnt. Der Hollywoodproduzent Harvey Weinstein und dessen Machenschaften sind mittlerweile zum Synonym eines ganzen Systems männlicher Übergrifflichkeiten geworden. Der bis dato überaus erfolgreiche CBS-Chef Leslie Moonves war im August 2018 übrigens nur ein weiterer aus einer ganzen Reihe mächtiger Männer, die wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung ihren Chefsessel im September räumen mussten.

    Die Allen-Farrow-Beziehung

    Aber ganz von vorne: Ronan Farrow, geboren 1987 in New York, ist der sehr erfolgreiche Spross einer ebenso prominenten wie dysfunktionalen Familie. Je intensiver man sich mit der Figur dieses außergewöhnlichen jungen Mannes beschäftigt, desto mehr scheint es, als hätte #MeToo zumindest einen seiner Ursprünge in der Dynamik der Woody Allen-Mia Farrow-Beziehung. Ronan Farrow, einziger leiblicher Sohn des Paares, wächst mit mehr als einem Dutzend Adoptivgeschwistern auf und hatte schon früh in seinem engsten Umfeld mit Missbrauchsvorwürfen zu tun.

    Zwischen seinen Eltern herrschte schon lange Krieg. Bereits im Jahr 1992 flog auf, dass der damals 55-jährige Woody Allen mit der 20-jährigen Adoptivtochter seiner langjährigen Lebensgefährtin Mia Farrow, Soon-Yi Previn, eine Affäre hatte. Im selben Jahr beschuldigte Ronans um zwei Jahre ältere Adoptivschwester Dylan ihren Adoptivvater Woody Allen, sie sexuell missbraucht zu haben. Dylan ist damals sieben. Die Vorwürfe stehen seither in einer erbitterten Schlammschlacht im öffentlichen Raum. Allen bestreitet bis heute alle Vorwürfe, erklärt sie mit Bitterkeit und Racheakten Mia Farrows wegen seiner neuen Beziehung. Gegen Allen wurde – nach polizeilichen Untersuchungen und medizinischen Gutachten – nie Anklage erhoben. Soon Yi Previn und Woody Allen heirateten 1997, das Paar hat heute selbst zwei Adoptivkinder.

    Prominente Patchworkfamilie

    Durch die zerrüttete prominente Patchworkfamilie gehen schon lange tiefe Risse: Im Jänner des heurigen Jahres und sehr wahrscheinlich im Zuge der #MeToo-Bewegung, die ihr Bruder mitlosgetreten hat, hat Dylan Farrow auf CBS News die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen Woody Allen erstmals in einem TV-Interview noch einmal wiederholt und bekräftigt. Im Mai darauf beschuldigte Ronans Adoptivbruder Moses und sein 4600 Wörter langer offener Brief an die New York Times aber die Mutter, Mia Farrow sei, so Moses, das manipulative Familienmonster – er stellte sich damit auf die Seite von Woody Allen. Alles Stoffe für ein unglaubliches Familiendrama, das daneben selbst Hollywood-Drehbücher verblassen lässt.

    Ronan Farrows Biografie liest sich dennoch oder gerade deshalb ungeheuer vorbildlich – und nebenbei wie eine Neuauflage der US-Comedyserie Doogie Howser M.D. aus den 1990er-Jahren, in der ein hochbegabter Teenager schon mit 16 Jahren als Arzt praktiziert: Der heutige Pulitzerpreisträger und Anwalt verließ mit elf die Schule, das Bard College mit 15 und mit 22 Jahren die Yale Law School. Er war jahrelang Unicef-Jugendsprecher, für Hillary Clinton zugange, wurde 2009 Sonderberater der Obama-Regierung und hat als Gesandter in Afghanistan und Pakistan für den Spitzendiplomaten Richard Holbrook gearbeitet. Gerade erschien – auch ins Deutsche übersetzt – sein erstes Buch, Das Ende der Diplomatie. Warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist.

    Glänzende Vita

    Wer angesichts einer so glänzenden Vita neugierig geworden ist, wird im Netz vielfach fündig. Farrow ist Teil der LGBT-Community, sein Partner seit 2011 ist der Podcast-Moderator und ehemalige Obama-Reden-Schreiber Jon Lovett. Die Fotos, auf denen er häufig mit seiner Mutter Mia zu sehen ist, zeigen einen äußerst attraktiven jungen Mann, der sich in zahlreichen TV-Interviews sehr souverän, weltmännisch, aber mitunter auch selbstironisch gibt. Er selbst, sagt er, sei unter einem "medialen Mikroskop" aufgewachsen, unter ständiger Beobachtung der Öffentlichkeit. Nach und nach wird augenscheinlich, warum es ausgerechnet die Figur eines Ronan Farrow gebraucht hat, um die Figur eines Harvey Weinstein auszuhebeln. Dessen Anwälte hätten dem Journalisten natürlich gedroht: "Aber welche Schmutzwäsche hätten die in meiner Familie noch ans Licht der Öffentlichkeit zerren können?" Eben.

    Zum Beispiel die Enthüllungen seiner Mutter Mia, die in einem Vanity Fair-Interview 2013 durchblicken ließ, dass auch ihr Ex Frank Sinatra der Vater von Ronan sein könnte, quittiert der Sohn via Social Media amüsiert: "Frank Sinatra könnte der Vater von so ziemlich jedem sein!" Der heute 83-jährige Woody Allen ist zumindest offiziell noch immer sein Vater, mit dem Ronan aber seit Jahrzehnten keinen Kontakt pflegt – außer per Twitter: "Happy brother-in-law's-day, wie das in meiner Familie heißt!", schrieb er am Vatertag 2012. Er wirkt stets souverän, fast entspannt, wenn er über die zahllosen "unpleasant things" im Fernsehen, etwa mit seinem New Yorker-Chefredakteur David Remnick, spricht.

    Auf der Seite der Frauen

    Kein Zweifel, Ronan Farrow steht auf der Seite der Frauen. Auch innerhalb seiner Familie. Seine komplexe Herkunftsgeschichte, aus der sich traurigerweise, wenn überhaupt, nur ein Schluss ziehen lässt, nämlich dass es innerhalb einer Familie scheinbar viele verschiedene Wahrheiten gibt, verleiht ihm dennoch ungeheure Glaubwürdigkeit. Den Entschluss seiner Schwester, mit den 25 Jahre alten Anschuldigungen an die Öffentlichkeit zu gehen, hält er für einen "mutigen und richtigen Schritt, der andere Mädchen und Frauen schützt". Im Jänner 2018 hat der Spiegel-Film-Redakteur Philipp Oehmke den alten Woody Allen in einem Interview gefragt, ob er die New Yorker-Enthüllungsgeschichten seines Sohnes gelesen hat? "Nein", antwortete Allen. Die Leute hielten ihn immer für einen Intellektuellen, er sei nicht besonders belesen: "Es liegt nur an dieser Brille."

    Viele haben Farrow nach seiner Motivation gefragt. In einem Interview antwortet er lächelnd: "Ich bin ein Nerd!", und das scheint die einzige Gemeinsamkeit, die er mit Woody Allen noch hat. Ein Nerd, der in seiner Kindheit nur von "High-Profile-Figuren" umgeben war, wie er das nennt. Das Hollywood-Business war schon besetzt. Was also blieb ihm? Der Journalismus. Investigativarbeit in Sachen #MeToo als therapeutischer Moment, um die eigene, traumatische Familiengeschichte zu verarbeiten? Es scheint so und war nicht die schlechteste Idee. Im Frühjahr wurde Farrow auf die Time-Liste der "100 einflussreichsten Menschen der Welt" gewählt. (Mia Eidlhuber, 6.10.2018)

    • Es hat Ronan Farrow gebraucht, um Weinstein auszuhebeln.
      foto: afp/angela weiss

      Es hat Ronan Farrow gebraucht, um Weinstein auszuhebeln.

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