Deutscher Buchpreis: Nino Haratischwili hat sich schwer verhoben

    6. Oktober 2018, 14:00
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    Der Roman "Die Katze und der General" ist ein unbeholfenes Tschetschenien-Melodram und steht unter den letzten sechs Titeln im Wettbewerb

    Vor vier Jahren landete die gebürtige Georgierin Nino Haratischwili mit Das achte Leben einen Bestseller. Nun widmet sich die 35-Jährige in Die Katze und der General den wilden Jahren nach dem Zerfall der UdSSR. Den Jahren der Anarchie, als Vory, die "Verbrecher im Gesetz", das Ruder übernahmen.

    Onno Bender, investigativer Journalist aus Berlin, hat über einen von ihnen, den "General", jede Menge Material gesammelt. Obendrein ist er mit ihm persönlich verstrickt, über dessen Tochter Ada nämlich. Dieser General heißt Alexander Orlow und zog 1995 als junger russischer Soldat in den Tschetschenienkrieg.

    Traum von einem anderen Leben

    Um diesen General, der heute in Berlin lebt, webt Haratischwili ihre Geschichte. In einem abgelegenen tschetschenischen Tal, "wo noch die Gesetze der Ahnen herrschen", lebt die wunderschöne, 18-jährige Nura. Diese träumt von einem anderen Leben hinter den hohen Bergen und schaut Telenovelas. Bis es eines Tages heißt: "Hast du noch nichts gehört? Die Russen ..." Der Krieg hat begonnen.

    Der General und drei seiner Kameraden werden sie vergewaltigen, foltern und töten. Das Verbrechen wird sogar angeklagt, aber zu einem Urteil kam es nie. Der General ging frei und wurde zu einem der reichsten Russen, doch diese Schuld ließ ihn nie los. Seine Tochter Ada forderte "so etwas wie Rechenschaft", sie wollte, "dass er seine Unschuld vor der ganzen Welt bewies". Dann brachte sie sich um. Nun will Orlow selbst "die Männer aufsuchen, die mit ihm bei dem Einsatz dabei waren, er will die offenen Rechnungen von damals begleichen".

    Auf einem Plakat in Berlin entdeckt er das Gesicht einer georgischen Theaterschauspielerin, genannt "die Katze" (und selbstverständlich spielt sie gerade in Antigone). Sie sieht der ermordeten Nura verblüffend ähnlich. Dem General schwebt nun vor, sie gegen gutes Geld für ein Video zu engagieren, das er seinen Mittätern zukommen lassen möchte.

    Wozu? Die Frage bleibt offen

    Die Autorin webt ein Netz unzähliger Figuren, die ihrerseits wieder jeweils Mutter, Vater, Tante, Oma haben, die sich ständig an irgendetwas "erinnern". "Was soll das Ganze?", fragt die Autorin einmal selbst. "Wozu diese ganze Erinnerungsflut?" Diese Frage beantwortet sie bis zum dramaturgisch unbefriedigenden Ende nach zähen 750 Seiten nicht. Spätestens beim abschließenden russischen Roulette steht fest: Die Autorin hat sich mit diesem Buch schwer verhoben. "Sie lernte immer tollkühnere, schrillere Geschichten zu erfinden", schreibt sie über ihre tote Heldin Nura, an dieser Vorgabe nahm sie ebenfalls Maß. Der Thrillerplot knirscht gewaltig, alles funktioniert nach dem Motto: "So viel Glück konnte ich unmöglich haben!"

    Wirklich ärgerlich ist die Sprache, die Dialoge haben durchwegs Telenovelaniveau (",Küss mich!', fauchte sie ihn an.") Hingegen gibt es keinen einzigen irgendwie "normalen" Charakter: Malisch, den jungen Soldat, lässt sie überlegen, ob er nicht "nach dem Krieg neben Deutsch und Englisch vielleicht noch Französisch in Angriff nehmen" könnte, und so "nebenbei, ohne Druck, könne er sich in Homer, Shakespeare, Dante und Vergil vertiefen, die Nibelungensage und Minnesang studieren, aber vor allem das Gilgameschepos, das ihn so fasziniert".

    Überhaupt scheint in diesem Buch jeder Zweite "immer schon poetisch veranlagt". Väter brachten ihren Töchtern "grundlegende Maltechniken bei", egal in welch abgelegenem Tal sie auch hausten. Eine russische Lehrerin tingelt vor dem Krieg mit einem VHS-Player durch den Kaukasus, "einem Gefühl oder einer Hoffnung auf der Spur", und begeistert die Kinder mit Visconti-Filmen (und nicht etwa mit Harry und Sally). Die Himmelsmethapern lassen sich am Ende nicht mehr zählen, jedenfalls schaut immer irgendjemand hinauf. Die Autorin war beim Schreiben offenbar "einem Gefühl oder einer Hoffnung auf der Spur". Den nüchternen Blick eines Warlam Schalamov hat sie in all dem Kitsch verloren. (Manfred Rebhandl, 6.10.2018)

    Nino Haratischwili, "Die Katze und der General". € 30,- / 750 Seiten. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2018

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    7309 Verlage aus 102 Ländern in 13 Hallen, 285.000 Besucher, 9800 Journalisten, 4000 Veranstaltungen: Die Zahlen, die die größte Buchmesse der Welt in Frankfurt jeweils vor ihrer Er öffnung publikmacht, sprechen für sich. Doch längst werden bei der viertägigen Messe nicht nur Neuerscheinungen und Verlagsprogramme präsentiert, sondern auch technologische Neuerungen, die im weitesten Sinn mit "Publishing" und (multimedialem) "Storytelling" zu tun haben.

    Im Gegensatz zur Leipziger Messe, die im Frühjahr stattfindet, geht es im herbstlichen Frankfurt vom zehnten bis zum vierzehnten Oktober jedoch nicht nur um Bücher, sondern vor allem ums "Big Business". Etwa wenn kommende Woche 800 Literaturagenten (plus sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr) aus 33 Ländern anreisen, die über lukrative Rechte und Lizenzen verhandeln.

    Eine Art inoffiziellen Startschuss zur Messe, die am Dienstagabend von EU-Außenkommissarin Frederica Mogherini mit einer Rede eröffnet wird, ist die Vergabe des Deutschen Buchpreises am Montag (ab 18 Uhr). Sechs Autoren stehen mit ihren neuen Romanen auf der Shortlist. Die Preisverleihung des Deutschen Buchpreises findet im Frankfurter Römer statt. Unter www.deutscher-buchpreis.de kann man sie am 8. Oktober um 18 Uhr im Videolivestream mitverfolgen.

    Gastland der Messe ist in diesem Jahr Georgien, über dessen Literatur zahlreiche Übersetzungen ins Deutsche Aufschluss geben. Darüber wird kommende Woche an dieser Stelle zu lesen sein. Die Buchmesse, die am Donnerstag und Freitag ausschließlich für Fachbesucher zugänglich und die übrigen Tage auch für Privatpersonen geöffnet ist, endet am Sonntag.

    Der traditionell am Messesonntag vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht heuer an Aleida und Jan Assmann, die, so die Begründung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zusammen ein Werk erschaffen haben, "das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung ist".

    Weitere Rezensionen zu den Titeln auf der Shortlist und weitere Artikel zum Deutschen Buchpreis finden Sie hier.

    • Nino Haratischwili, "Die Katze und der General".  € 30,- / 750 Seiten. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2018
      foto: frankfurter verlagsanstalt

      Nino Haratischwili, "Die Katze und der General". € 30,- / 750 Seiten. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2018

    • Autorin Nino Haratischwili.
      foto: g2 baraniak

      Autorin Nino Haratischwili.

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