Deutscher Buchpreis: Maria Cecilia Barbetta betreibt Phrasendrescherei

    6. Oktober 2018, 12:00
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    Schiefe Bilder, enervierende Metaphern – die Autorin lässt in ihrem Roman "Nachtleuchten" den Sprachfluten allzu freien Lauf. Er ist unter den letzten sechs Titeln im Wettbewerb

    Das Nachtleuchten in María Cecilia Barbettas gleichnamigem Roman kommt von einer kleinen, mit fluoreszierender Farbe bemalten Plastikmadonna. Ein billiger Trick, aber das Figurenpersonal des Romans kann jeden Hoffnungsschimmer gebrauchen: Sie leben Mitte der 1970er-Jahre, am Vorabend der argentinischen Militärdiktatur, in Ballester, einem Einwandererviertel von Buenos Aires.

    Barbetta, 1972 in Buenos Aires geboren, hat, bevor sie 1996 nach Berlin kam, die wechselhafte argentinische Geschichte miterlebt: Perón- und Evita-Kult, Terrorismus und Militärdiktatur. Nachtleuchten ist ihr zweiter Roman, den sie auf Deutsch verfasst hat und der es nun auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat. Warum, ist jedoch rätselhaft.

    Beeindruckendes Figurenpanoptikum

    Nicht, dass Nachtleuchten ein schlechtes Buch wäre. Mit einem beeindruckenden Figurenpanoptikum erzählt Barbetta auf über 500 Seiten, in dreimal 33 Kapiteln plus einem Zusatzkapitel (das Buch ist voller Zahlenmagie und Wortspielereien) davon, wie die Menschen diese Zeit der Unsicherheit und des Umbruches erleben. Sie tut das so üppig und fantasievoll, dass sie bereits mit Julio Cortázar oder Jorge Luis Borges verglichen wurde.

    Das erste Kapitel, "Bloody Mary", spielt vor allem in der Privatschule Instituto Santa Ana. Hier kommt die zwölfjährige Teresa durch den Einfluss der jungen Schwester María zum Schluss, sie müsse ihren Glauben hinaus in die Welt tragen. Bald gibt sie die Plastikmadonna als "Madonna von Ballester" wie eine Art Wanderpokal in Privathäusern ab, in der Hoffnung, sie möge die Menschen dort spirituell stärken. Im zweiten Teil begegnet man der politisierenden Männertruppe der Autowerkstatt Autopia, im dritten Teil geht es in spiritistische Zirkel. Was sich draußen im Land und in der Politik abspielt, erfährt man von den Figuren selbst: Die müssen sich an Ereignisse der jüngeren argentinischen Geschichte in unnatürlicher Detailfülle erinnern.

    Stilistische Schwäche

    Das Problem dieses Romans liegt aber nicht in dem flirrenden Gewirr aus Menschen, Alltäglichkeiten und Emotionen, das Barbetta mit einiger Kunstfertigkeit aufbaut. Das Problem ist seine sprachliche, stilistische Schwäche, die ausufernde Verwendung von Phrasen, Redewendungen, Metaphern. Es ist, als wäre der ganze Text in einen Synonymetopf gefallen, als dürfte hier kein Zeitwort zweimal vorkommen, müsste jedes Hauptwort von einem Adjektiv begleitet werden.

    Nichts gegen abwechslungsreiche Sprache. Aber auf Dauer wird es enervierend. Es ergäbe noch einen Sinn, wären es die Figuren selbst, die durch ihre Sprache charakterisiert werden. Vor allem die Erzählstimme aber ist es, die in teilweise grenzwertig schiefen Bildern und Phrasen spricht. Da wird "dem aufgezwungenen Ernst ihrer Prozession" ein "Strich durch die Rechnung" gemacht, die Würde geht "flöten", und es gibt haufenweise Sätze wie diesen: "Da es dem Älteren davor bangte, dem Jüngeren übertriebene Hoffnungen zu machen, verkündete jener unmittelbar bevor sie sich anschickten, zu neuen Ufern aufzubrechen, dass man sie pünktlich erwarte, und gab zu verstehen, dass der Hausherr junior ein ziemliches Phänomen sei." Man wünschte sich, die Erzählstimme würde einfach einmal sagen, was ist. Denn es liegt auch an diesem umständlichen, uneigentlichen Sprechen, dass einem die Figuren und ihr Erleben seltsam fremd bleiben.

    Falsche Wahl

    Sie halten sich an ihren kleinen Leben, ihrer Gemeinschaft, den Utopien und Hoffnungen fest. Das ist ein schönes Bild, erst recht in Zeiten wie diesen. Man fühlt es nur nicht, genauso wenig, wie dass "im Lande alles aus den Fugen geriet". Dass es demgegenüber etwa Susanne Fritz, die in Wie kommt der Krieg ins Kind sehr genau und bedacht mit Sprache umgeht, nicht auf die Shortlist geschafft hat, verwundert. Es ist, als würde hier eine Idee ausgezeichnet – und als hätte man vergessen, worum es bei Literatur geht. Nicht um aufsehenerregende Ideen nämlich, sondern um die Sprache, in der Welt und Ideen vermittelt werden. (Andrea Heinz, 6.10.2018)

    Maria Cecilia Barbetta, "Nachtleuchten". € 25,- / 521 Seiten, Fischer, Frankfurt a. M. 2018

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    7309 Verlage aus 102 Ländern in 13 Hallen, 285.000 Besucher, 9800 Journalisten, 4000 Veranstaltungen: Die Zahlen, die die größte Buchmesse der Welt in Frankfurt jeweils vor ihrer Er öffnung publikmacht, sprechen für sich. Doch längst werden bei der viertägigen Messe nicht nur Neuerscheinungen und Verlagsprogramme präsentiert, sondern auch technologische Neuerungen, die im weitesten Sinn mit "Publishing" und (multimedialem) "Storytelling" zu tun haben.

    Im Gegensatz zur Leipziger Messe, die im Frühjahr stattfindet, geht es im herbstlichen Frankfurt vom zehnten bis zum vierzehnten Oktober jedoch nicht nur um Bücher, sondern vor allem ums "Big Business". Etwa wenn kommende Woche 800 Literaturagenten (plus sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr) aus 33 Ländern anreisen, die über lukrative Rechte und Lizenzen verhandeln.

    Eine Art inoffiziellen Startschuss zur Messe, die am Dienstagabend von EU-Außenkommissarin Frederica Mogherini mit einer Rede eröffnet wird, ist die Vergabe des Deutschen Buchpreises am Montag (ab 18 Uhr). Sechs Autoren stehen mit ihren neuen Romanen auf der Shortlist. Die Preisverleihung des Deutschen Buchpreises findet im Frankfurter Römer statt. Unter www.deutscher-buchpreis.de kann man sie am 8. Oktober um 18 Uhr im Videolivestream mitverfolgen.

    Gastland der Messe ist in diesem Jahr Georgien, über dessen Literatur zahlreiche Übersetzungen ins Deutsche Aufschluss geben. Darüber wird kommende Woche an dieser Stelle zu lesen sein. Die Buchmesse, die am Donnerstag und Freitag ausschließlich für Fachbesucher zugänglich und die übrigen Tage auch für Privatpersonen geöffnet ist, endet am Sonntag.

    Der traditionell am Messesonntag vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht heuer an Aleida und Jan Assmann, die, so die Begründung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zusammen ein Werk erschaffen haben, "das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung ist".

    Weitere Rezensionen zu den Titeln auf der Shortlist und weitere Artikel zum Deutschen Buchpreis finden Sie hier.

    • Autorin Maria Cecilia Barbetta.
      foto: marcus höhn

      Autorin Maria Cecilia Barbetta.

    • Maria Cecilia Barbetta, "Nachtleuchten". € 25,- / 521 Seiten, Fischer, Frankfurt a. M. 2018
      foto: fischer

      Maria Cecilia Barbetta, "Nachtleuchten". € 25,- / 521 Seiten, Fischer, Frankfurt a. M. 2018

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