Deutscher Buchpreis: Stephan Thome nimmt in Kanonenbooten mit durch China

    7. Oktober 2018, 13:36
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    Der Autor liest mit seinem ebenso bravourösen wie monumentalen Kolonialroman "Gott der Barbaren" unserer eigenen Kultur die Leviten. Er ist unter den letzten sechs im Wettbewerb

    Selbst gefestigte Gemüter kann eine allzu exzessive Bibellektüre – ohne Erläuterung des vielfachen Schriftsinns – in tiefe Verwirrung stürzen. Das ist im Reich der Mitte etwa zur Hälfte des vorletzten Jahrhunderts nicht anders. Über ein paar wenige Häfen strömen Missionare nach China ein: verwegene Abenteurer wie Philipp Johann Neukamp, ein gescheiterter Revolutionär von 1848.

    Der Auftrag zur Bekehrung ist, wie so häufig in der Bände füllenden Kriminalgeschichte des Christentums, ein bloßer Vorwand. In Wahrheit benützen Kolonialmächte wie das britische Empire die majestätischen Ströme Chinas wie den Yangtze, um Opium ins Land zu pumpen.

    Bald schon reisen Sondergesandte von Queen Victoria in Kanonenbooten flußaufwärts und schießen eine der ältesten, dabei fragilsten Zivilisationen der Welt zu Klump. Dabei sind die Schäden, die die nach Schweiß und Unrast duftenden "Barbaren" anrichten, eigentlich bloß kollateraler Natur. Die Hofbeamten der gottgleichen Xianfeng-Kaiser in Peking wenden sich mit Grausen von den Eindringlingen ab. Die trocknen die Tinte auf den erpressten Handelsverträgen mit Schießpulver.

    Verblüffendes Erzählwerk

    Stephan Thomes verblüffendes Erzählwerk "Gott der Barbaren" erschöpft sich jedoch keineswegs in der Auflistung der geläufigen Anklagepunkte, die den Kolonialismus als Regime rücksichtsloser Unterwerfung adressieren. Der Hesse Thome, mittlerweile selbst in Taipeh wohnhaft, spannt auf über 700 Seiten ein haarfeines Kapillarnetz auf.

    Dabei hat sein faktisch untermauertes Erzählen weitaus mehr mit der heutigen Globalisierung zu tun als uns lieb sein kann. Die Bruchlinie des Konflikts trennt nicht etwa die Orientalen von den Okzidentalen, wie die Gin trinkenden, müden, vor Heimweh kranken Lords Ihrer Majestät argwöhnen, die für die verkrüppelten Füße ihrer chinesischen Bettgespielinnen eine angewiderte Faszination empfinden.

    Einige Bekehrte vor Ort ziehen aus dem Studium der Heiligen Schrift reichlich unerwartete Schlüsse. Chinas Konvertiten stellen ihr Wirken nicht nur unter den Schutz Christi. Sie rufen sich selbst zu geweissagten Mitgliedern der Heiligen Familie aus. Figuren wie der "Himmlische König" Hong Xiuquan scharen Hunderttausende Rebellen um sich und empören sich wider die kaiserliche Zentralmacht, indem sie Mittelchina mit Feuer und Schwert verheeren.

    Unvorstellbares Leid

    Unvorstellbares Leid plagt fortan die Provinzen. Die Sendboten Europas, nebst ihnen die vermaledeiten Missionare, weiden sich wie Schaulustige am Unglück des Bürgerkriegs, der sie nur insoferne berührt, als er ihre Handelsinteressen gefährdet. Das immer undurchschaubarer werdende Geschehen lockt Desperados an, Gangster wie aus Quentin-Tarantino-Filmen, deren Glasaugen Unglück verheißen und die an den Ufern der Reisfelder ihre Haschischpfeifen stopfen, ehe sie Einheimische über den Haufen schießen.

    Aus zahlreichen Perspektiven beäugt Thome ein Geschehen, das ins Chaotische tendiert. Eine Kultur zerbricht in tausend Stücke, und niemand ist da, der an ihrer statt etwas Besseres zu installieren wüsste. Der Deutsche Neukamp, ein Missionar ohne Gottesglauben, schwindelt sich ins Camp der nach Erlösung gierenden Aufrührer ("die Langhaarigen"). Als deren Widersacher erscheint der kaiserliche General Zeng Guofan, der, ein Feldherr wider Willen, die kalligraphische Schriftkultur der Väter hochhält und seine Offiziere strafweise Essays über ihre charakterologischen Schwächen schreiben lässt.

    Und da ist Lord Elgin, der alternde Diplomat der Queen, der im Grunde seines guten Herzens voller Empathie steckt und doch von den asiatischen Widersachern nicht das Geringste versteht. Der den "Garten der vollkommenen Klarheit" vor Peking aus Strafgründen niederbrennen lässt. Eine kulturelle Gräueltat, die sogar Victor Hugo im fernen Exil auf einer Kanalinsel fluchen und erschauern lässt.

    Wimmelbuch

    Thomes prächtig durchblutete Figuren können in der einen Sekunde über Hegel und Schelling sprechen und in der nächsten haarfein den Geruch wahrnehmen, den ihre Gastgeber verströmen: nach Zitrone und Kokos. Nie geht es in diesem Wimmelbuch gefühlig, dumm, herablassend oder heroisch zu. Am Horizont meint man Tolstois Epochenbild Krieg und Frieden zu erkennen, niemals riecht es penetrant nach gotischem Schinken wie in Felix Dahns Ein Kampf um Rom.

    Zudem aber stehen die Figuren ihrem eigenen Handeln meist ratlos gegenüber, oder doch wenigstens skeptisch: "Den Weltgeist gab es wirklich, nur dass er kein liebender Gottvater war, sondern eine anonyme Macht, die zwar alles unterwerfen konnte, aber ihr eigenes Tun nicht begriff."

    Nur zu begreifbar sind die folgenden Schritte, die die nächsten Inhaber von Chinas Kaiserthron ins Genick treffen. Die christliche Basis der Taiping-Empörer wird ausgerottet. Quellen sprechen von 30 Millionen Opfern im Zuge der Auseinandersetzungen. Jesu'

    chinesischer Bruder verschwindet stillschweigend aus einer Welt, die für den Empfang seiner Frohbotschaft noch nicht bereit scheint. Lord Elgin taumelt, nach Indien versetzt, wie ein pyknischer Traumtänzer hinein in die Nacht der abendländischen Vernunft. Der Missionar Feldkamp aber schnappt sich einen wirren Erweckungsredner und zieht mit ihm weiter nach Amerika, wo die beiden Häuser aufstellen: "Und mir bleibt noch mehr Zeit, um über das Rätsel des Lebens nachzudenken."

    Hochmut vor der Katastrophe

    Zutiefst nachdenklich stimmt einen Stephan Thomes ebenso plastischer wie dialektisch fintenreicher Roman, der jeden Buchpreis verdient, der sich finden lässt. Während die Europäer die Nasen hoch tragen und von China als dem "kranken Mann von Asien" reden, steuert ihre angeblich überlegene Kultur bereits unaufhaltsam auf die Katastrophe von 1914 zu. Auch wir – im noch jungen 21. Jahrhundert – bedenken Menschen in allen Weltgegenden mit unseren Segnungen. Vieles, was wir als fundamentalistisch von uns weisen, auch weil es aus der Ferne zu uns kommt, sollte uns eher verwandtschaftlich bekannt dünken. Es enthält vielfach das wenig schmeichelhafte Zerrbild von uns selbst. (Ronald Pohl, 7.10.2018)

    Stephan Thome, "Gott der Barbaren". Roman. € 25,70/720 Seiten. Suhrkamp: Berlin 2018.

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    7309 Verlage aus 102 Ländern in 13 Hallen, 285.000 Besucher, 9800 Journalisten, 4000 Veranstaltungen: Die Zahlen, die die größte Buchmesse der Welt in Frankfurt jeweils vor ihrer Er öffnung publikmacht, sprechen für sich. Doch längst werden bei der viertägigen Messe nicht nur Neuerscheinungen und Verlagsprogramme präsentiert, sondern auch technologische Neuerungen, die im weitesten Sinn mit "Publishing" und (multimedialem) "Storytelling" zu tun haben.

    Im Gegensatz zur Leipziger Messe, die im Frühjahr stattfindet, geht es im herbstlichen Frankfurt vom zehnten bis zum vierzehnten Oktober jedoch nicht nur um Bücher, sondern vor allem ums "Big Business". Etwa wenn kommende Woche 800 Literaturagenten (plus sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr) aus 33 Ländern anreisen, die über lukrative Rechte und Lizenzen verhandeln.

    Eine Art inoffiziellen Startschuss zur Messe, die am Dienstagabend von EU-Außenkommissarin Frederica Mogherini mit einer Rede eröffnet wird, ist die Vergabe des Deutschen Buchpreises am Montag (ab 18 Uhr). Sechs Autoren stehen mit ihren neuen Romanen auf der Shortlist. Die Preisverleihung des Deutschen Buchpreises findet im Frankfurter Römer statt. Unter www.deutscher-buchpreis.de kann man sie am 8. Oktober um 18 Uhr im Videolivestream mitverfolgen.

    Gastland der Messe ist in diesem Jahr Georgien, über dessen Literatur zahlreiche Übersetzungen ins Deutsche Aufschluss geben. Darüber wird kommende Woche an dieser Stelle zu lesen sein. Die Buchmesse, die am Donnerstag und Freitag ausschließlich für Fachbesucher zugänglich und die übrigen Tage auch für Privatpersonen geöffnet ist, endet am Sonntag.

    Der traditionell am Messesonntag vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht heuer an Aleida und Jan Assmann, die, so die Begründung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zusammen ein Werk erschaffen haben, "das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung ist".

    Weitere Rezensionen zu den Titeln auf der Shortlist und weitere Artikel zum Deutschen Buchpreis finden Sie hier.

    • Stephan Thome, "Gott der Barbaren". Roman. € 25,70/720 Seiten. Suhrkamp: Berlin 2018.
      foto: suhrkamp

      Stephan Thome, "Gott der Barbaren". Roman. € 25,70/720 Seiten. Suhrkamp: Berlin 2018.

    • Autor Stephan Thome.
      foto: surhkamp

      Autor Stephan Thome.

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