Was von #MeToo bleiben wird

    Analyse mit Video7. Oktober 2018, 09:00
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    #MeToo war nicht der erste Anlass, bei dem sexuelle Belästigung öffentlich wurde. Die Juristin Anita Hill hat den Weg zum Aufbegehren vor 27 Jahren bereitet

    Es war ein Ereignis, damals 1991. Die US-amerikanische Publizistin und Feministin Andi Zeisler erzählt öfter, wie sie damals vom Campus nach Hause eilte, um die TV-Übertragung der Anhörung des US-Justizausschusses zu sehen. Die schwarze Rechtsprofessorin Anita Hill sprach dort über sexuelle Belästigung durch ihren Ex-Chef Clarence Thomas. Thomas sollte Richter am Obersten Gerichtshof werden, deshalb wollte Hill öffentlich über die Zusammenarbeit mit ihm zehn Jahre davor reden. 26 Jahre vor #MeToo und dem beispiellosen Schwall an Erfahrungsberichten der Art, wie sie Anita Hill vor dem rein männlichen Ausschuss schon damals äußerte. Sachlich und ruhig. Trotz der diffamierenden Fragen, ob sie "eine verschmähte Frau" sei, ob sie plane, ein Buch über all das zu schreiben, und der Anspielungen, dass da wohl ihre Fantasie mit ihr durchgegangen sei. Ein fast absurdes Detail: Thomas und Hill haben in einer staatlichen Agentur zur Verhinderung von Diskriminierung am Arbeitsplatz zusammengearbeitet.

    Heute wie 1991

    Dort habe Thomas sie immer wieder gebeten, mir ihr auszugehen, er beschrieb ihr den Inhalt von Pornofilmen, sprach über die Größe seines Penis und einiges mehr. Deutliche Hinweise von Hill, das zu lassen, nützten nichts, erzählte sie. Letztendlich glaubte man ihr nicht, Thomas wurde in den Supreme Court berufen, wo er bis heute sitzt. Die Vorwürfe bestreitet er nach wie vor. Trotzdem: "Man kann gar nicht genug betonen, wie stark diese Anhörung unser Verständnis von sexueller Belästigung beeinflusst hat", schrieb Zeisler 2015.

    In diesen Tagen, ein Jahr nach den Anfängen von #MeToo, erleben viele ein historisches Déjà-vu. Vor einer Woche stand Christine Blasey Ford vor dem Justizausschuss, diesmal lautete der Vorwurf versuchte Vergewaltigung, die sich in den 1980ern ereignet haben soll. Wie Hill richtete auch die Psychologieprofessorin Ford diese Vorwürfe gegen einen Höchstrichterkandidaten, Brett Kavanaugh. Ob man Ford Glauben schenkt, ist offen, ebenso, wie unabhängig und gründlich die angeordnete FBI-Untersuchung zu den Vorwürfen war. Wie die Abstimmung über Trumps Wunschkandidaten ausgeht, wird sich schon bald zeigen* und damit auch ein Stück weit, ob und was #MeToo bewirkt hat. Immerhin könnte es auch ein gewaltiger Backlash sein. In diesen beiden Anhörungen von 1991 und 2018 bildet sich vieles ab, worüber durch #MeToo plötzlich geredet wurde. Darüber, sexuelle Übergriffe ernst zu nehmen, über das Machtgefälle, das Übergriffe reproduziert oder über die reflexhafte Täter-Opfer-Umkehr.

    vice news

    Anita Hill, die heute übrigens eine Kommission über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz leitet, steht für einen ersten Aufbruch, lange vor #MeToo. Und Christine Blasey Ford für die enormen Fortschritte durch #MeToo? Nicht ganz. Die Anhörung von Ford zeigt zwar, dass der gesellschaftliche Umgang mit sexuellen Übergriffen besser geworden ist, aber auch, dass er noch lange nicht dem entspricht, was ein gesellschaftliches Problem dieser Tragweite verdienen würde. Und das ist inzwischen vielen Menschen bewusst geworden: Tausende demonstrieren in Washington in diesen Stunden gegen die Bestellung Kavanaughs. Das verdankt sich auch dem Ruf nach Veränderung, der vor einem Jahr unüberhörbar wurde.

    Konkret seit dem 5. Oktober 2017. An dem Tag berichtete die New York Times über die systematischen Stillschweigevereinbarungen zwischen Harvey Weinstein und Schauspielerinnen. Es ging um hohe Summe im Tausch gegen Schweigen über sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen. Zehn Tage später rief die US-Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter Menschen dazu auf, unter dem Stichwort #MeToo über ihre Erfahrungen zu schreiben, um das Ausmaß dieses Problems abzubilden. 2006 war genau diese Aufforderung schon von der schwarzen Feministin Tarana Burke gekommen, doch der Aufschrei blieb aus (mehr über die Gründe im ALBUM).

    foto: apa/afp/getty images/spencer pla
    Harvey Weinstein brachte das Fass zum Überlaufen.

    Die Kombination Weinstein/Milano inklusive erster Wortmeldungen bekannter Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow, Ashley Judd oder Evan Rachel Wood über sexuelle Übergriffe in Hollywood bescherte dem Hashtag bis Jänner 2018 täglich bis zu 14.500 Erwähnungen.

    Anonym bis prominent, herabwürdigender Spruch bis physische Gewalt. Die Bandbreite war groß, von kleinen Ärgernissen bis hin zu jahrelangem sexuellem Missbrauch. Doch der gemeinsame Nenner war: Sexuelle Übergriffe passieren in einem erschütternden Ausmaß, und sie betreffen vorwiegend Frauen. Aber auch Männer, wenn es eine Machtschieflage zu ihren Ungunsten gibt.

    Im Grunde lag schon vor #MeToo alles auf dem Tisch: Dass drei von vier Frauen sexuelle Belästigung erleben, dass von zehn Vergewaltigungen nur eine angezeigt wird. Oder dass Aussagen über erlebte sexuelle Übergriffe oft mit Beschämung der Opfer einhergehen. Alles nichts Neues. Feministische Magazine waren im Herbst 2017 daher die einzigen Publikationen, die sich nicht überschlugen – sie schreiben seit Jahrzehnten über all das. Doch jetzt verdichtete sich alles in einer Story, die alles hatte, was Gleichstellungsthemen sonst fehlte: Sex, Macht, Promis. Freilich nicht Sex, sondern Gewalt, aber diese wichtige Unterscheidung rückte auch erst durch #MeToo etwas weiter ins Bewusstsein der Allgemeinheit.

    Medialer Meilenstein

    Medial war #MeToo somit zweifelsohne ein Meilenstein. Auch ließen sich Themen dranhängen, die sich in den letzten Jahren als wahres Diskursgold erwiesen. Feminismus versus Antifeminismus, zum Beispiel. Der Journalist Jens Jessen warnte angesichts von #MeToo vor feministischer Rhetorik im Stile "bolschewistischer Schauprozesse", die Kolumnistin Margarete Stokowski antwortete mit einer Gratulation, dass es ihm trotzdem gelungen war, seine Gedanken direkt aus dem Gulag dieses Political-Correctness-Regimes heraus an die größte deutsche Wochenzeitung zu funken. Von solchen Spitzen der Debatte abgesehen: Die Sorge, dass das alles aus dem Ruder laufen würde, war schnell groß. Übertreibung, Hetzjagd, Vermischung von Kleinigkeiten mit "echter" sexueller Gewalt.

    Schon nach wenigen Wochen war man der "Opferrhetorik" überdrüssig. Wer heute via Websuche nach prominenten Österreicherinnen sucht, die damals etwas zu #MeToo beitrugen, stößt vor allem auf Nina Proll – obwohl sie persönlich, wie sie immer wieder betonte, nie ein Problem mit sexueller Belästigung hatte. Von den statistischen vier Frauen, von denen drei sexuelle Belästigungen erlebt haben, interessierte man sich besonders für die eine, die sie nicht erlebt hat. Wobei das nicht ganz stimmt: Proll erlebte sie auch, sie fand es aber okay. Somit schrammte die Schauspielerin kilometerweit am Thema vorbei. Der Umgang mit Grenzfällen und die Frage, wo gesetzliche Regelungen oder Gesetzesverschärfungen sinnvoll sind, wird seit #MeToo hingegen zu Recht rege diskutiert. Das zeigt, dass #MeToo mehr als Diskurs, mehr als Streit in Talkshows mit wenig Aussicht auf versöhnliche Parteien ist.

    der standard
    Umfrage an der Universität Wien: Das sagen Studentinnen und Studenten zu #MeToo heute.

    Bestrafte Belästigung

    In Frankreich wurde im Zuge von #MeToo ein Gesetz installiert, das sexuelle Belästigung unter Strafe stellt. Erst vor wenigen Tagen gab es ein erstes Urteil. In einem Bus beschimpfte ein Mann eine Frau als "Hure", sagte, sie habe große Brüste, und begrapschte sie. Das Urteil: 300 Euro Bußgeld. Das dürfte viele beruhigen. Es geht nicht um den Spruch, den er für "flott" und sie für übergriffig hält. Es geht um mehr.

    Daran ließen die Enthüllungen vor einem Jahr auch keinen Zweifel. Oft waren es Dutzende, oder zumindest mehrere, die die Vorwürfe gegen jemanden bekräftigten. Sei es gegen den US-Regisseur James Toback, den deutschen Regisseur Dieter Wedel, den Fotografen Terry Richardson oder Kevin Spacey. Bill Cosby wurde inzwischen wegen sexueller Nötigung verurteilt, es ist bisher die einzige Verurteilung eines Prominenten seit #MeToo. Harvey Weinstein wartet noch immer auf seinen Prozess.

    Fast hundert Betroffene meldeten sich aus dem Europaparlament, das sie als "Brutstätte sexueller Belästigung" bezeichneten. Nicola Werdenigg trat durch ihre Geschichte eine Debatte über Missbrauch im Sport los. Die Liste ist lang.

    #MeToo war ein Ereignis. Was es bringen wird, ist ein Jahr später trotzdem unklar. Sicher ist nur, dass sich heute viele mit ihren Erlebnissen nicht so allein fühlen müssen wie damals Anita Hill. (Beate Hausbichler, 7.10.2018)

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