Nichts wie weg vom Balkan

    6. Oktober 2018, 10:52
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    Zehntausende Südosteuropäer verlassen ihre Heimat, weil sie die Unfreiheit, die Abhängigkeit von Parteien und die schlechten Löhne satt haben

    Azra N. bekam gleich nach dem Uni-Abschluss einen Job als Tierärztin an der Universität. Doch nach fünf Jahren wurde eine Kollegin statt ihr eingestellt. N. verlor ihre Arbeit. In Bosnien-Herzegowina – wie in ganz Südosteuropa – werden viele Posten an jene vergeben, die einer einflussreichen Partei nahestehen. Professionalität und Leistung sind zweitrangig. N. jobbte daraufhin für internationale NGOs, die etwa Straßenhunde kastrierten. Eine fixe Arbeitsstelle fand sie nicht mehr. Irgendwann nach zwei Jahren, in denen sie erfolglos Bewerbungsschreiben verschickt hatte, entschloss sie sich, in Deutschland einen Job zu suchen. Diesen fand sie auch. Jetzt wartet sie auf ihr Visum. Dann geht es ins Rheinland.

    Die 38-Jährige ist eine von tausenden Bosniern, die jedes Jahr in die EU auswandern – vor allem nach Njemačka, Deutschland. Es gibt kaum jemanden, der nicht weg will. Auch in Serbien, Montenegro, Mazedonien, Albanien und dem Kosovo ist die Situation ähnlich. Dabei geht es nicht nur um die Massenarbeitslosigkeit – in Bosnien-Herzegowina liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 60 Prozent –, es geht auch nicht nur um die schlecht bezahlten Jobs und die harten Arbeitsbedingungen.

    Kaum individuelle Freiheiten

    Viele Menschen wollen einfach nicht mehr in einer Gesellschaft leben, in der man derart abhängig von Parteien ist, unter starker sozialer Kontrolle steht und wenig individuelle Freiheiten genießen kann. In Südosteuropa bestimmen Familien und deren Konventionen, Zugehörigkeit zu Nationalität und Religion, also kollektive Verbände, das Leben. Die EU-Kommission spricht mittlerweile von "state capture". Parteien und einflussreiche Familien sowie Businessleute haben die staatlichen Strukturen derart unterlaufen, dass der Bürger als Individuum nur bedingt Gerechtigkeit erfährt – in der Verwaltung, aber auch in der Justiz. Nur Angepasste halten das aus.

    Im Jahr 2016 hat Deutschland 19.000 Arbeitsvisa an südosteuropäische Bürger vergeben, im Jahr 2017 waren es knapp 25.500. Heuer werden es ähnlich viele sein. Die Deutschkurse im ganzen Land sind ausgebucht. Allein in der Sprachschule Vokabular in Mostar haben in den vergangenen zwei Jahren 511 Personen Deutsch gelernt. Drei Monate Unterricht kosten 125 Euro. Auf Facebook gibt eine Gruppe mit zehntausenden Mitgliedern, die "Gehen wir nach Deutschland" – "Idemo u Njemačku" – heißt. Es ist auch traurig, dass viele keine andere Perspektive für ihr Leben sehen.

    "Triple Win"

    In den Foren kann man sich über Jobchancen und Ausbildungsbedingungen unterhalten. Viele Südosteuropäer beschweren sich, dass die deutschen Botschaften langsam arbeiten. Aber die deutsche Bürokratie ist mit dem Massenansturm auch zeitlich überfordert. Viele Südosteuropäer haben bereits Arbeitsverträge, aber können nicht ausreisen, weil sie noch kein Visum erhalten haben. Die meisten deutschen Visa wurden in den vergangenen beiden Jahren übrigens an der Botschaft in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina vergeben. Deutschland sucht vor allem Pflegekräfte. Die Auslandsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit kooperiert deshalb mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Rahmen des Programms Triple Win vor Ort, um Leute vom Balkan nach Deutschland zu vermitteln.

    Neben Deutschkenntnissen können auch Pflegefachkurse besucht werden, und es wird bei der Anerkennung von Berufszeugnissen geholfen. Die Vorstellungsgespräche erfolgen dann zum Teil per Skype. Aber nicht nur Pflegekräfte, auch höher Qualifizierte emigrieren massenhaft. Laut der bosnischen Vereinigung für medizinisches Personal haben allein im Jahr 2016 300 Ärzte das Land verlassen. Angesichts dessen, dass die Ausbildung eines Arztes den Staat etwa 150.000 Euro kostet, ist das ein herber Verlust für das Land.

    Lohnangleichung erst nach sechs Generationen

    Für viele geht es um eine einfache Rechnung: Selbst wer das gesamte Arbeitsleben noch vor sich hat, kann nicht damit rechnen, jemals nur annähernd so gut zu verdienen wie in Österreich oder in Deutschland. Laut einer Studie der Weltbank ist mit einer Angleichung der Löhne erst nach sechs Generationen zu rechnen. Wenn alles perfekt läuft, können die Leute vielleicht in zwanzig Jahren auf den EU-Durchschnittsverdienst von heute kommen. Viele Menschen – auch in den Staaten Ost- und Südosteuropas, die bereits in der EU sind – haben damit gerechnet, dass diese Angleichung an den Westen viel schneller erfolgt.

    Sie sind deshalb frustriert, enttäuscht, manchmal auch eifersüchtig und neidig auf die Mittel- und Westeuropäer. Sie denken, dass sie nur durch einen ungerechten Zufall auf der "falschen Seite" Europas geboren wurden. Besonders stark ist dieses Denken in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens verbreitet. Die Bürger dort können es oft nicht verwinden, dass Bulgarien und Rumänien, auf die man jahrzehntelang herabblickte, bereits in der EU sind. In vielen Nachfolgestaaten Jugoslawiens war der Lebensstandard zudem vor 30 Jahren höher als heute.

    Besonders dramatisch ist die Abwanderung aus Bosnien-Herzegowina, wo am Sonntag gewählt wird, mit seinen 3,5 Millionen Einwohner. Viele verließen bereits während des Kriegs das Land, heute lebt mindestens eine Million Bosnier nicht in ihrer Heimat. Viele melden sich aber nicht ab, wenn sie emigrieren. Deshalb gibt es keine präzisen Daten. Die Emigrationsrate liegt aber laut der Weltbank bei 44,5 Prozent und ist damit im regionalen Vergleich am höchsten.

    Renovierungsarbeiten in Wien

    Aus dem Kosovo sind seit 2012 etwa 150.000 Menschen ausgewandert. Laut der Weltbank leben mittlerweile 450.000 Mazedonier nicht mehr in ihrer Heimat. In Wien werden viele Wohnungen mit der Hilfe von Serben renoviert, die die drei Monate, die sie als Touristen bleiben dürfen, für diese Arbeit nützen. Viele Albaner versuchen ihr Glück, indem sie über Frankreich mit Booten nach Großbritannien schippern und dort untertauchen. Sie arbeiten etwa als Installateure oder Elektriker. Auf dem Schwarzmarkt erwerben manche rumänische oder italienische Identitätsausweise.

    Im EU-Land Kroatien nimmt der Exodus mittlerweile für den Staat bedrohliche Ausmaße an. Denn die Kroaten können in Deutschland aufgrund der EU-Mitgliedschaft ohne Visa und ohne bürokratische Hürden arbeiten. Zigtausende haben allein im Vorjahr das Land verlassen. In manchen Bereichen herrscht Arbeitskräftemangel, und es gibt Berechnungen, wonach die Einwohnerzahl bereits unter die Vier-Millionen-Marke gerutscht ist. Laut Eurostat lebt bereits ein Sechstel – 14 Prozent – aller Kroaten in einem anderen EU-Land. Im EU-Durchschnitt wählen nur 3,8 Prozent der Bürger die Auswanderung. Auch weniger qualifizierte Arbeitskräfte aus Kroatien kommen aber in anderen EU-Staaten leichter an Jobs als in ihrer eigenen Heimat. Allein im Jahr 2015 kamen 40.000 Kroaten nach Deutschland.

    Geld aus der Diaspora

    Die Emigration kann kaum aufgehalten werden. Die Expertin Alida Vračić, die dazu kürzlich einen Bericht für den European Council on Foreign Relations geschrieben hat, betont, dass es auch positive Effekte gibt. So ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Leute, die zurückkehren, ein Unternehmen gründen. Auch kommt das im Ausland erworbene Wissen zuweilen wieder ins Land zurück. So werden etwa die allermeisten Patente in den südosteuropäischen Staaten von Emigranten eingereicht. Ganz sicherlich positiv wirken sich die Geldüberweisungen aus der Diaspora aus. Im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina machen sie ein Drittel beziehungsweise 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

    Vračić schlägt ein Modell der Co-Beschäftigung vor – so sollten etwa Arbeitnehmer ein halbes Jahr in Deutschland und ein halbes Jahr in Bosnien-Herzegowina arbeiten. Damit könnte auch die Expertise im Land bleiben. Trotzdem hat die Emigration auch negative Auswirkungen, vor allem auf Freundschaften und Familien. Jene, die zurückbleiben, haben mitunter den Eindruck, sich dafür rechtfertigen zu müssen, nicht auch auszuwandern. "Meine sieben besten Freunde sind voriges Jahr nach Deutschland gegangen", erzählt etwa der 31-jährige Almir H. aus Sarajevo. Er fühlt sich verlassen.

    Agenturen werben Personal an

    Derweil werben Agenturen wie IPP Health gezielt Personal für Gesundheitsdienste an. "Sie sind Gesundheits- und Krankenpfleger und suchen eine neue Herausforderung in Deutschland?", heißt es auf der Homepage. "Durch unsere langjährige Erfahrung im Personalmanagement sind wir kurzfristig in der Lage, Ihnen eine geeignete Stelle anzubieten. Gerne helfen wir Ihnen auch im Vorfeld bei der Erstellung eines aussagekräftigen Lebenslaufes oder beraten Sie unverbindlich hinsichtlich Ihrer beruflichen Möglichkeiten."

    Laut einem Bericht des deutschen Statistikamtes kommen mittlerweile 2,6 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, aus Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Kosovo und Bosnien-Herzegowina. Allein 859.000 haben rumänische Wurzeln. Im Durchschnitt sind diese Migranten jünger als der deutsche Bevölkerungsdurchschnitt. Auch die meisten Migranten in Österreich kamen im letzten Jahrzehnt aus Ost- und Südosteuropa. Laut dem Migrationswissenschafter Mathias Czaika von der Donauuniversität Krems stammten 2017 über 118.000 aus Serbien, 94.000 aus Bosnien-Herzegowina, 92.000 aus Rumänien, 73.000 aus Kroatien, 70.000 aus Ungarn, 38.000 aus der Slowakei und fast 25.000 aus Bulgarien.

    Die Abwanderung aus Ost- und Südosteuropa ist aber keineswegs ein neues Phänomen. Und die Unterschiede in den Verdienstmöglichkeiten waren bereits vor hundert Jahren sehr verschieden, je nachdem, ob man aus dem Osten oder dem Westen kam. Laut Czaika lag 1910 das Pro-Kopf-Einkommen in Osteuropa bei 28 Prozent des Niveaus in West- und Mitteleuropa. Heute liegt es bei 33 Prozent. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 6.10.2018)

    • Im bosnischen Tuzla warten junge Arbeitssuchende darauf, ihre Deutschprüfung abzulegen, die von Arbeitsagenturen organisiert wurde.
      foto: apa/afp/elvis barukcic

      Im bosnischen Tuzla warten junge Arbeitssuchende darauf, ihre Deutschprüfung abzulegen, die von Arbeitsagenturen organisiert wurde.

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