Notfallpaket gegen Verspätungen und Flugausfälle

    5. Oktober 2018, 13:37
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    Wetter, fehlende Kapazitäten und Kostendruck: Nach dem Chaos-Sommer in der Luftfahrt wurde ein Maßnahmenpaket geschnürt

    Frankfurt – Deutlich mehr Verspätungen und Flugausfälle haben zahlreichen Urlaubern heuer die Reise in den Sommerurlaub vermiest. Das gilt sowohl für deutsche Reisende als auch für jene aus Österreich.

    Nun will die Branche mit einem Paket von Maßnahmen so massive Störungen wie heuer künftig verhindern. Bei einem Luftfahrt-Gipfel in Hamburg haben Vertreter aus Wirtschaft und Politik am Freitag eine Reihe von Maßnahmen gegen Verspätungen und Flugausfälle beschlossen. 25 Maßnahmen sollen dazu führen, "dass sich das System Luftverkehr in Deutschland verbessert", sagt der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). "Wir können Luftverkehr, und das wollen wir unter Beweis stellen." Die Probleme im Luftverkehr seien dabei kein rein deutsches Problem, sondern eine europäische Herausforderung, denn: "Am Himmel wird's eng."

    Die Flugsicherung solle personell besser ausgestattet werden, die Airlines wollten Flugpläne verbessern und künftig frühzeitig die Kunden informieren, und die Flughäfen Engpässe bei Sicherheitskontrollen vermeiden, wie aus der gemeinsamen Erklärung der Branche und der Politik hervorging. "Das Ausmaß der in diesem Jahr aufgetretenen Flugausfälle und Verspätungen muss in Zukunft reduziert werden", hieß es in dem Papier. Es sei ein zentrales Interesse aller, "die Zuverlässigkeit des Luftverkehrs zu gewährleisten". Scheuer erklärte die Erklärung sei ein guter erster Schritt. Zu Beginn des Sommerflugplans im März soll es einen weiteren Fluggipfel geben, um die Umsetzung zu überprüfen.

    Die Probleme liegen an vielen Stellen.

    Kosten sparen:

    Flughäfen und Airlines versuchen wegen des harten internationalen Wettbewerbs, die Kosten möglichst niedrig zu halten. Für Deutschland hat die Gewerkschaft folgenden Erklärungsversuch: Verdi beklagt, dass am Boden immer weniger Personal, das immer unzureichender ausgebildet sei, immer mehr sicherheitsrelevante Aufgaben übernehmen müsse. So seien Sicherheitspannen wie am Münchner Flughafen im Juli programmiert. Damals war der Flugverkehr mitten in der Ferienzeit für mehrere Stunden ausgefallen, zehntausende Passagiere konnten nicht fliegen. Niedrige Gehälter und schlechte Arbeitsbedingungen sind auch der Auslöser für Streiks am Boden sowie beim Kabinenpersonal und den Piloten.

    Auch die Gewerkschaft der Flugsicherung beklagt Personalmangel, der durch zu niedrige Gebührenvorgaben der EU auf Druck der Airlines verschlimmert worden sei. Demnach konnte die Deutsche Flugsicherung wegen der geringeren Einnahmen nicht genügend neue Lotsen ausbilden und musste wichtige technische Investitionen aufschieben, was sich jetzt räche. Der Flugsicherung sind laut eigener Statistik heuer mehr als ein Fünftel aller Verspätungen zuzuschreiben – deutlich mehr als im vergangenen Jahr. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht: Die Ausbildung zum Fluglotsen dauert zwischen drei und fünf Jahren.

    Wetter:

    Stürme sind einer der häufigsten Gründe für Verspätungen. Durch den Klimawandel werden sie heftiger und schwerer vorhersagbar. Diesen Sommer gab es in Mitteleuropa laut der europäischen Flugsicherung Eurocontrol deutlich mehr und länger andauernde Sturmzellen in Flughöhe als im Vorjahr. In den USA ist die Luftfahrtbranche an extremes Wetter gewöhnt und kommt deshalb laut Eurocontrol deutlich besser damit zurecht.

    Fehlkalkulationen:

    Die Zeit zwischen Landung und Start eines Flugzeugs kalkulieren die Airlines möglichst knapp, weil sie nur etwas verdienen, wenn die Maschinen in der Luft sind. So haben sie aber keinen Puffer, wenn die Maschinen sich verspäten. Vorangegangene Verspätungen sind aber bei fast jedem zweiten verspäteten Flug der Grund für die Verzögerung.

    Verkalkuliert haben sich einige Airlines auch bei der Übernahme von vakant gewordenen Start- und Landerechten an Flughäfen im Zuge der Air-Berlin-Pleite. Sie griffen im großen Stil zu, selbst wenn sie die nötigen Maschinen samt Besatzung zur Nutzung nicht hatten. Da aufgrund der hohen Nachfrage an Flugzeugen jedoch das Angebot an gebrauchten oder Leasing-Maschinen zu gering ist, lassen viele Fluggesellschaften laut Schadenersatz-Portal Airhelp lieber Flüge ausfallen und legen aufeinanderfolgende Verbindungen zusammen. Dadurch können die Airlines ihre Slots zwar halten, doch ihre Passagiere sehen sich mit Verspätungen und Flugausfällen konfrontiert.

    Fehlende Kapazitäten und Beschränkungen:

    Der Flugverkehr steigt, hierzulande und auch anderswo. Im ersten Halbjahr ist etwa der deutsche Luftverkehr erneut um 2,3 Prozent gestiegen und zahlreiche Flughäfen arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze. Der Flughafen Wien hadert schon seit Jahren damit, dass das Genehmigungsverfahren für die dritte Piste immer weiter in die Länge gezogen wird. In Deutschland kommen weitre Faktoren dazu. Nachtflugverbote etwa in Frankfurt am Main und Lärmschutzvorgaben etwa in Düsseldorf schränken das Wachstum ebenfalls ein. Auch in München wird seit Jahren ergebnislos über den Bau einer dritten Startbahn gestritten. Und der neue Berliner Flughafen sollte eigentlich schon seit Jahren laufen, die Eröffnung verzögert sich jedoch immer weiter – außerdem ist er zu klein für die erwarteten Passagierströme. (APA/red, 5.10.2018)

    • Solche und ähnliche Bilder waren im Sommer keine Seltenheit.
      foto: apa/dpa/matthias balk

      Solche und ähnliche Bilder waren im Sommer keine Seltenheit.

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