Einsteins legendärer "atheistischer Gottesbrief" wird versteigert

    5. Oktober 2018, 12:09
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    In dem Schreiben äußerte sich der Physiker kritisch über Gott, die Bibel und das Judentum. Nun kommt der Brief wieder unter den Hammer

    foto: christie’s
    Der Beginn jenes Schreibens, das auf einen Wert von ein bis eineinhalb Million Dollar geschätzt wird.

    Wenn es um Gott und Einstein geht, denken viele vermutlich an sein Diktum "Gott würfelt nicht". Ein anderer, oft zitierter Sager des großen Physikers lautet gar: "Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind." Doch auch wenn sich Einstein zum Zionismus und zum Judentum bekannte und er sogar gefragt wurde, zweiter Präsident Israels zu werden, so war er alles andere als ein gläubiger Jude.

    Besonders klar wird das in einem seiner ganz späten Briefe, den er am 3. Jänner 1954 dem jüdischen, deutsch-amerikanischen Religionsphilosophen Eric(h) Gutkind schickte, und in dem sich der "Chefingenieur des Universums" ein Jahr vor seinem Tod noch expliziter als sonst vom Begriff "Gott" und der Bibel distanzierte:

    foto: christie’s
    Der zweite Absatz des Schreibens mit den berühmten Aussagen über Gott, die Bibel und das Judentum
    "Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann (für mich) etwas daran ändern."

    "Incarnation des primitiven Aberglaubens"

    Aber auch das Judentum kommt in dem Brief nicht wirklich gut weg:

    "Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen eine Incarnation des primitiven Aberglaubens. Und das jüdische Volk, zu dem ich gerne gehöre und mit dessen Mentalität ich tief verwachsen bin, hat für mich doch keine andersartige Originalität als alle anderen Völker. Soweit meine Erfahrung reicht ist es auch um nichts besser als andere menschliche Gruppen wenn es auch durch Mangel an Macht gegen die schlimmsten Auswüchse gesichert ist. Somit kann ich nichts ‘Auserwähltes‘ an ihm wahrnehmen."

    foto: christie’s
    Teil 3 des Briefs...

    Der Brief, der in den vergangenen Jahren einige Karriere machte und demnächst wieder versteigert werden soll, war Einsteins Antwort auf Gutkinds Buch "Choose Life: The Biblical Call to Revolt" (1952), das der Physiker nur auf Anraten des befreundeten niederländischen Mathematikers Luitzen E. J. Brouwers las, da es für Einstein "in einer für mich unzugänglichen Sprache geschrieben ist". Immerhin sah Einstein aber doch auch eine ganze Menge Gemeinsamkeiten mit Gutkinds Denken.

    foto: christie’s
    ...und das Ende.

    Der womöglich dennoch nicht allzu geschmeichelte Gutkind verkaufte den Brief ein Jahr später. Danach blieb das Schreiben über 50 Jahre lang in Privatbesitz. 2008 wurde das knapp eineinhalbseitige Schreiben dann erstmals vom Auktionshaus Bloomsbury versteigert, geschätzt wurde der Brief auf läppische 8000 Pfund.

    Erstaunlicher Wertzuwachs

    Bei der Auktion bot nicht ganz überraschend auch der Evolutionsbiologe Richard Dawkins mit, der bekannteste Atheist der Gegenwart. Denn letztlich wurden 170.000 Pfund geboten, Dawkins schaute durch die Finger und war etwas enttäuscht, zugleich aber in gewisser Weise erfreut – dass nämlich so ein Brief für so wertvoll befunden wurde, wie er der Zeitung "The Guardian" damals mitteilte

    Da wusste er freilich noch nicht, dass der Brief über das Auktionshaus Auction Cause in Los Angeles als "Einstein’s God Letter" vier Jahre später bei Ebay für mindestens 3 Millionen US-Dollar angeboten werden würde. Verkauft wurde er schließlich um genau 100 Dollar mehr.

    Neuerliche Versteigerung

    Weitere sechs Jahre später kommt Einsteins "atheistischer Gottesbrief" nun abermals unter den Hammer, diesmal beim Auktionshaus Christie’s, und zwar am 4. Dezember. Wer sich vorher das Original ansehen will, kann dies ab Ende September in San Francisco und ab 30. November in New York bei Christie’s tun. Oder man begnügt sich hier mit den Fotos davon sowie mit dem Transkript etwas weiter unten – völlig gratis natürlich.

    Christie's verkaufte bereits einen maschinengeschriebenen Brief von Albert Einstein an Präsident Franklin D. Roosevelt für etwas mehr als 2 Millionen Dollar. Diesmal ist man bei den Schätzungen freilich etwas zurückhaltender und gibt 1 bis 1,5 Millionen Dollar als Schätzwert an. Und womöglich macht ja Richard Dawkins wieder mit beim Wettbieten.

    Kein persönlicher Gott

    Woran aber glaubte Einstein nun tatsächlich? Das zeigte ein Brief, den er gut drei Monate nach dem nun zum Verkauf angebotenen Schreiben verfasste. Da heißt es:

    "Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann."

    (tasch, 5.10.2018)


    Der Brief im Originalwortlaut:

    Princeton, 3.1. 54

    Lieber Herr Gutkind!

    Angeregt durch wiederholte Anregung (Aufforderungen) Bouwers habe ich in den letzten Tagen viel gelesen in Ihrem Buche, für dessen Sendung ich Ihnen sehr danke. Was mir dabei besonders auffiel war dies. Wir sind einander inbezug auf die faktischen Einstellung zum Leben und zur menschlichen Gemeinschaft weitgehend identisch: Ihr Ideal mit dem Streben nach Befreiung vom ich-gesteuerten Wünschen, Streben nach Verschönerung und Veredelung des Daseins mit Betonung des rein Menschlichen, wobei das leblose Ding nur als Mittel anzusehen ist, dem keine lohnenswerte Funktion angerechnet werden darf (Diese Einstellung ist es besonders, die uns als echt "unamerican attitude" verbindet.)

    Trotzdem hätte ich mich ohne Brouwers Ermunterung nie dazu gebracht, mich irgendwie eingehend mit Ihrem Buch zu befassen, weil es in einer für mich unzugänglichen Sprache geschrieben ist. Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann (für mich) etwas daran ändern. Diese verfeinerten Auslegungen sind naturgemäss höchst mannigfaltig und haben so gut wie nichts mit diesem Urtext zu schaffen. Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen eine Incarnation des primitiven Aberglaubens. Und das jüdische Volk, zu dem ich gerne gehöre und mit dessen Mentalität ich tief verwachsen bin, hat für mich doch keine andersartige Dignität als alle anderen Völker. Soweit meine Erfahrung reicht ist es auch um nichts besser als andere menschliche Gruppen wenn es auch durch Mangel an Macht gegen die schlimmsten Auswüchse gesichert ist. Somit kann ich nichts "Auserwähltes" an ihm wahrnehmen.

    Überhaupt empfände ich es schmerzlich, dass Sie eine privilegierte Stellung beanspruchen und sie durch zwei Mauern des Stolzes zu verteidigen suchen, eine äussere als Mensch und eine innere als Jude. Als Mensch beanspruchen Sie gewissermassen einen Dispens von der sonst akzeptierten Kausalität, als Jude ein Privileg für Monotheismus. Aber eine begrenzte Kausalität ist überhaupt keine Kausalität mehr, wie wohl quasi unser wunderbarer Spinoza mit aller Schärfe erkannt hat. Und die animistische Auffassung der Naturreligionen ist im Prinzip durch Monopolisierung nicht aufgehoben. Durch solche Mauern können wir nur zu einer gewissen Selbsttäuschung gelangen; aber unsere moralischen Bemühungen werden durch sie nicht gefördert. Eher das Gegenteil.

    Nachdem ich Ihnen nun ganz offen unsere Differenzen in den intellektuellen Überlegungen ausgesprochen habe, ist es nun doch klar, dass wir uns im Wesentlichen ganz nahe stehen. nämlich in den Bewertungen menschlichen Verhaltens. Das Trennende ist nur intellektuelles Beiwerk oder die "Rationalisierung" in Freud'scher Sprache. Deshalb denke ich, dass wir uns recht wohl verstehen würden, wenn wir uns über konkrete Dinge unterhielten.

    Mit freundlichem Dank und besten Wünschen,

    Ihr

    A. Einstein.


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    • Albert Einstein im Juli 1954, wenige Monate nach Verfassen des "Gottesbriefs" und wenige Monate vor seinem Tod.
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