David Lama: Leben und Leiden für die Erstbesteigung

    8. Oktober 2018, 09:00
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    Zwei Jahre nach dem Herzinfarkt seines Kletterpartners kehrt Lama zum Lunag Ri zurück

    David Lama ist ein Mensch, der mit simplen Worten und sehr viel Selbstverständlichkeit kluge Sätze sagt. Er tut das unauffällig, fädelt sie ein in seine Erklärungen über das Klettern und das Leben, was für ihn fast ein und dasselbe ist. "Man hat nur hundert Prozent vom Leben, die muss man aufteilen. Im Moment habe ich einen sehr großen Teil dem Klettern verschrieben – und das passt für mich zu hundert Prozent", sagt Lama und lacht. Er lacht nicht oft, zumindest nicht in einem Innsbrucker Café. Am Berg wäre das vielleicht eine andere Geschichte.

    m.ferrigato / the north face
    In Action.

    David Lama ist nämlich auch ein sehr guter Kletterer, Bergsteiger, Alpinist. Der 28-jährige Sohn einer Innsbruckerin und eines nepalesischen Sherpas flog vergangenen Montag in die Heimat seines Vaters, um als erster Mensch den Lunag Ri zu besteigen. Das versuchte er schon 2015 und 2016: "Es zu einem Abschluss zu bringen wäre etwas Schönes." David Lama und "der Lunag", wie er mit Tiroler Einschlag sagt, das ist eine Geschichte in vier Akten.

    ERSTER AKT: Mühsal

    David Lamas On-off-Beziehung mit dem Berg an der nepalesisch-tibetischen Grenze begann in Alaska. Lama traf einen Bergsteigerkollegen, der erzählte vom Lunag Ri: 6.895 Meter, unbestiegen. Lama war angefixt. Im November 2015 stand der damals 25-Jährige im am Fuß des Berges. Neben ihm: Conrad Anker, 52, ein unrasierter Outdoormensch mit drei Jahrzehnten Klettererfahrung und tausenden Tricks.

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    Am Weg.

    "Wir sind nicht hingefahren und haben gesagt: 'Locker, Schnitzel.' Aber die Herausforderungen, die der Berg für uns bereitgehalten hat, waren unvorhergesehen", sagt Lama drei Jahre später. Schlechter Schnee, starker Wind, stechende Kälte – grimmige Bedingungen zum Bergsteigen. Der Großteil der Höhenmeter ist gleich zu Beginn mit einer Kletterei auf den Grat zu erledigen. Lama war von einer schnellen Einstiegslinie überzeugt, Anker war diese zu sehr Stein- und Eisschlag ausgesetzt. "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Conrads Linie nicht sicherer ist als meine", sagt der Tiroler. Er sagt aber auch: "Das ist etwas, das ein gutes Team ausmacht: Es muss nicht immer alles ausdiskutiert werden." Also Ankers Linie.

    Lama und Anker plagten sich bis zum Grat, mussten dann mehrere hundert Meter entlang des Gebirgskamms klettern. Links eine gewaltige Fallhöhe, rechts eine gewaltige Fallhöhe. Sicherungen waren in dem lockeren Schnee kaum anzubringen, also mussten Lama und Anker an gegenüberliegenden Seiten klettern, den Grat und das Gewicht des Gegenübers als Sicherung nutzen. Erst nach Sonnenuntergang erreichten sie den Biwakplatz, nach einer kalten Nacht ging es weiter, langsamer als geplant. Viel langsamer.

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    Im Zelt.

    David Lama spricht nicht gerne über Gefühle, vor allem wenn es ums Klettern geht. Es seien zu viele, um ihnen gerecht zu werden. Da wäre die Ausgesetztheit, aber auch Vertrauen und Sicherheit. Da sei Leiden, aber auch Spaß, Freude. Am Ende des zweiten Tages sagte Lama: "Ich sage es ungern, aber wir sollten umkehren." Anker stimmte zu. Die Expedition war gescheitert. Und doch: "Der Sonnenuntergang beim Abseilen – das war einfach gewaltig", sagt Lama. Das Leiden, die Freude.

    ZWEITER AKT: Ruhe

    "Der Berg ist größer, härter als wir", hatte Anker zurück im Camp gesagt, so wie das nur jemand sagen kann, der ein ganzes Leben lang Armdrücken gegen die Natur betrieben hat. Also war der nächste Anlauf im Herbst 2016 unvermeidlich. Die Bedingungen waren angenehmer, Lama und Anker besser vorbereitet: "Es war echt guat."

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    Der Berg.

    Lama kletterte vor. "Conrad hat extrem lange gebraucht. Ich habe gemerkt, irgendwas passt überhaupt nicht." Bei nächster Gelegenheit legte sich Anker hin und klagte über Brustschmerzen. "Conrad geht's nicht so gut. Wir seilen jetzt ab und kommen zurück ins ABC", funkte Lama. Sein Kletterpartner hatte auf 6.000 Metern einen Herzinfarkt erlitten.

    Zurück im ABC, dem auf etwa 5.500 Metern gelegenen Advanced Base Camp, rief Lama den Rettungshelikopter. Nach Ankers Abholung baute Lama das ABC ab und trug alles über 400 Höhenmeter ins Basislager zurück. "Ich habe gedacht: Gut, das war's jetzt."

    DRITTER AKT: Beharrlichkeit

    "Die Höhe verändert die Persönlichkeit nicht. Und es ist die Persönlichkeit, die entscheidet, ob man weitermacht oder umdreht." Das ist einer dieser klugen Sätze, deren Leuchten man manchmal erst beim zweiten Hören erkennt. Im Basislager erfuhr Lama, dass Anker nach einer Not-OP wohlauf war. "Dann habe ich erst angefangen, über einen Soloversuch nachzudenken." Ein Tag Bedenkzeit, ein Tag, um das Material zu überprüfen, "zu schauen, ob das für einen Soloversuch reicht". Die Höhe verändert die Persönlichkeit nicht. "Um Mitternacht bin ich gestartet."

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    Der Blick.

    Alpinisten packen für eine Solobesteigung ganz anders als für eine Seilschaft. "Man kämpft eben gegen die Schwerkraft. Gewicht ist da ein extremer Faktor", sagt Lama. Lassen sich Dinge wie Gaskocher und Zelt auf zwei Rucksäcke aufteilen, kann das Restmaterial mehr wiegen. Lama war auf eine Zweierexpedition vorbereitet, musste improvisieren und mit einem zu schweren Rucksack klettern – viele Strecken doppelt: ohne Rucksack rauf, Sicherung einrichten, runter, mit Rucksack gesichert wieder rauf über glatten Fels, Eis, manchmal Schnee. Zwei Tage in Folge. "Der scheiß Rucksack macht mich fertig", funkte Lama. Der Bergfex litt zudem am von trockener Luft und Eiseskälte verursachten "Khumbu Cough", hustete heftig.

    "Ich war körperlich am Ende. Als ich am zweiten Tag das Zelt aufgestellt habe, habe ich gewusst: Ich kann jetzt keine Entscheidung für mich treffen. Ich muss erst etwas essen und trinken, dann mache ich mir meine Gedanken, ob ich weitergehe oder nicht." Frisch verpflegt sprach Lama in seine Kamera. "Da jetzt weiterzugehen ...", beginnt er. Eine lange Pause. Kopfschütteln, erst suchender, dann erstarrter Blick. "Das wär halt echt wahrscheinlich Selbstmord." Lama kehrte keine zweihundert Höhenmeter vor dem Gipfel um.

    david lama
    Die Dokumentation über die ersten Versuche.

    VIERTER AKT: Hoffnung

    "Ich wollte brutal gern mit Conrad zurück. Ich habe ihm gesagt, er soll sich Zeit lassen, der Berg läuft nicht davon", sagt Lama. Also ein Jahr Pause. "Im Frühling hat er gesagt, dass er das gegenüber seiner Frau und seinen Kindern nicht vertreten kann. In dem Moment habe ich gewusst: Okay, dann wird's heuer der Lunag."

    Lama hat ein jugendliches Gesicht. Einige Züge erkennt man auf Kindheitsfotos sofort wieder, die wachen Augen täuschen über seine 28 Jahre hinweg. Bis Lama spricht. Dann klingt durch, dass er viel erlebt hat, mit Extremen und Anfeindungen kämpfte, ein nicht überall geliebtes Wunderkind war, mit 15 Jahren seinen ersten Kletterweltcup gewann. Erfahrungen, Eindrücke. Nun spricht er mit einer inneren Ruhe, die ansteckt. Als würden alle Sorgen ruhen, solange man mit David Lama an einem Tisch sitzt. Wer sich auf sechstausend Metern Gedanken über Leben und Tod machen muss, hat auf sechshundert Metern ruhend Reden.

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    Das Lächeln.

    Also 2018. Abflug 1. Oktober, Akklimatisierung, dann der nächste Anlauf. Solo. Lama hat getüftelt, Materialdetails verändert, Gramm für Gramm reduziert. "Ich kann mehr seilfrei klettern, weil ich leichter unterwegs sein werde." Lama ist überzeugt, das spürt man in jedem Satz. Und die Erinnerungen? Der Herzinfarkt? "Conrad geht es gut, ich habe eine sehr intensive Erfahrung gehabt. Klar, die Situation war zach. Aber zach ist nicht unbedingt schlecht."

    Der Tiroler trainierte in den heimischen Bergen, die mentale Vorbereitung "passiert nebenbei. Wenn du physisch fit bist, spiegelt sich das in mentaler Stärke wider." Lama spricht viel über Überzeugung, die man vor allem für Soloprojekte brauche. "Mit einem Partner kann man sich gegenseitig hinterfragen. Alleine muss man zu hundert Prozent überzeugt sein."

    Lama hat bei den ersten drei Versuchen viel gesehen, aber nicht alles. "Man muss nicht immer im Vorhinein alle Antworten parat haben", sagt er, und man hört den klugen Satz mit den simplen Worten schon kommen. "Bergsteigen lebt auch von der Ungewissheit." (Martin Schauhuber, 8.10.2018)

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