Grazer Musikprotokoll mit undogmatischen Klang-News zur Moderne

    4. Oktober 2018, 18:04
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    Das Traditionsfestival läuft von 4. bis 7. Oktober

    Es wäre verlockend, das Musikprotokoll-Festival, welches vom Steirischen Herbst ummantelt wird, als eine Art Präludium von Wien Modern zu betrachten – jener großdimensionierten Reihe, die im Konzerthaus Ende Oktober startet. Es wäre allerdings ein etwas respektloser Umgang mit dem Grazer Traditionsfestival.

    Das Musikprotokoll setzte ja Impulse schon zu einer Zeit, da es Wien Modern noch gar nicht gab. Zudem weist es als Hort des Neuen – durch die Vielfalt seiner Programme – individuelle Merkmale auf: Das Musikprotokoll ist nämlich im besten Sinne eklektisch, also undogmatisch. Es spielt damit besonders unbeschwert mit der Buntheit des zeitgenössischen Musikschaffens.

    Da ist etwa Opulentes zu hören: Die beiden bedeutenden Moderne-Klangkörper des Landes, das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien und das Klangforum, werden zusammen das neue, groß besetzte Werk Murales von Bernd Richard Deutsch uraufführen (5. 10., Helmut-List-Halle). Das Klangforum Wien wird daneben auch die Neuheit Kurzzeit von Friedrich Cerha präsentieren.

    Da ist aber auch Kammermusik eines Herren, der sich zu Recht "Songwriter, Komponist, Multiinstrumentalist" nennt, aber Wesentliches auch im Bereich der Improvisation leistet: Avantgardist Fred Frith, der u. a. schon mit Brian Eno und John Zorn zusammengearbeitet hat, wird mit der Komponistin und Elektronikmusikerin Bérangère Maximin im Duo experimentell aufspielen.

    Neues von Haas

    Frisch komponierte Neuheiten verkündet auch das New Yorker Talea Ensemble: Es interpretiert u. a. ein Stück von Georg Friedrich Haas: Sein Monolog für Graz sei "eine lose Aneinanderreihung von persönlichen Erfahrungen und Gedanken, die sich im Laufe der Jahrzehnte in mir angesammelt haben", so Haas, den man zu den international arrivierten Vertreter des zeitgenössische Schaffens zählen kann, das auch in Österreich seine Wurzeln hat. Österreich? Es ist vom Klischee her das "Land der Musik".

    Dieses recht kitschige Selbstverständnis seziert The Land of Music, eine Orchestersuite von Christian von Borries. Kompositionen, die mit heimischer Identität verbunden werden, werden Objekt der Bearbeitung; Sampling und Neuarrangements bewirkten eine Art "Neujahrskonzert"-Collage. Ja, Beethoven, Gustav Mahler und Schani Strauß kommen vor, aber auch das Verdrängte: Es erklingt Musik von Erwin Schulhoff, der von den Nazis ermordet wurde. (tos, 4.10.2018)

    Bis 7.10.

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    Musikprotokoll

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