Mit Literatur gegen den Rassismus

    5. Oktober 2018, 06:52
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    Können Romane dabei helfen, Vorurteile zwischen ethnischen Gruppen abzubauen? Ein Projekt an der Universität Klagenfurt will diese Frage beantworten

    Was macht man im schwärzesten aller Schwarzenghettos? Klar, Marihuana anbauen. Und Wassermelonen. Und was macht man, wenn der Vater von Cops erschossen und der schwarze Stadtteil von der Karte getilgt und gentrifiziert wird? Vor Gericht ziehen. Darum kämpfen, dass die Segregation wieder eingeführt wird. Und die Sklaverei. Bis zum US-Höchstgericht. – Die erzählerischen Eckpunkte der tabulosen Literatursatire The Sellout des US-Autors Paul Beatty schneiden sich durch die Eingeweide des politisch korrekten Lesenden, indem sie rassistische Klischees auf zynische Weise aufbereitet.

    "Nichts für Zartbesaitete!", "wuterfüllte Kadenz", "Lachen, das im Hals steckenbleibt", aber auch "brillant" und "ungeheuer unterhaltsam" waren Zuschreibungen in den Rezensionen. Das Buch, das heuer unter dem Titel Der Verräter bei Luchterhand auch auf Deutsch erscheint, wurde 2016 als erster US-Roman mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet.

    Viel Stoff

    Bücher, die ethnische Identitäten und das Verhältnis zwischen ethnischen Gruppen zum Thema haben, werden in und nach der Ära Trump wohl häufiger anzutreffen sein. Es gibt viel zu verarbeiten angesichts eines US-Präsidenten, der laufend diskriminierende Stereotype bedient und zum Vorschein bringt, was trotz aller postrassistischen Illusionen offenbar lange unter der Oberfläche köchelte.

    Dass die Zustände unter Trump von einer ethnisch-amerikanischen Literatur verstärkt aufgegriffen werden, erwartet auch Alexa Weik von Mossner vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Klagenfurt. Im mit Oktober beginnenden Projekt "Narrative Encounters with Ethnic American Literatures", das vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützt wird, untersucht sie mit den Studierenden Marijana Mikic und Mario Grill, welche Perspektiven afroamerikanische, muslimische oder mexikanisch-amerikanische Autoren in den USA anbieten. Auch Beattys Sellout könnte neben Werken von Maceo Montoya, Sheila Abdullah oder Nobelpreisträgerin Toni Morrison zum Gegenstand der Untersuchung werden.

    "Es geht darum, zwei literaturwissenschaftliche Felder zusammenzubringen", erklärt die Amerikanistin, die an der University of California in San Diego promoviert hat, bevor sie nach einer Zwischenstation an der Schweizer Universität Fribourg als Professorin nach Klagenfurt kam. Einerseits geht es um einen kognitiv-narratologischen Ansatz: Man fragt nach einem Wie der Erzählung, welcher Strukturen sie sich bedient, um ihre Effekte zu erzielen. "Man geht dabei von einem stark abstrahierten Leser aus und fragt nach den kognitiven Prozessen, die die Rezeption begleiten", sagt die Wissenschafterin.

    Emotionale Lektüre

    Den Hintergrund geben Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften, die anhand der in den 1990ern erstmals beschriebenen Spiegelneuronen die "Funktionsweise" von Empathie erklären. Demnach löst das Beobachten einer Bewegung eines Gegenübers beim Beobachter ähnliche Aktivitätsmuster im Gehirn aus, wie das beim Ausführenden selbst der Fall ist. Dieses Prinzip lasse sich auch auf die Rezeption von Literatur übertragen.

    Weik von Mossner beruft sich dabei etwa auf die "Embodied Simulation"-Theorie des italienischen Neurowissenschafters Vittorio Gallese. Er geht davon aus, dass unser Gehirn die Welt eines Protagonisten geradezu nachbaut und die gelesenen Erfahrungen simuliert. Das betreffe sowohl körperliche Aktivität als auch Sinneswahrnehmungen und Emotionen. "Deshalb können wir bei der Lektüre eines Buchs weinend dasitzen und alles andere vergessen", veranschaulicht Weik von Mossner.

    Die kognitiven Theorien vernachlässigen allerdings die Charakteristiken realer Lesergruppen oder soziokulturelle Zusammenhänge rund um Entstehung und Rezeption eines Werks. Deshalb sollen sie von kontextbezogenen Ansätzen ergänzt und in größere Strukturen eingebettet werden. "Viele der Autoren bringen bewusst politische Dimensionen in ihre Texte ein und wollen eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnen", betont die Amerikanistin.

    Was Empathie schafft

    "Es geht mir darum, die kognitive Erzähltheorie mit einem genauen Blick auf die amerikanische Gesellschaft zu verbinden und Lücken zwischen den beiden Ansätzen zu schließen." Ein weiterer empirischer Teil, der die tatsächliche Wirkung der Romane auf Leser dies- und jenseits des Atlantiks eruiert, soll das Projekt ergänzen.

    Letzten Endes wird mit dieser Herangehensweise auch die Frage gestellt, wie die Empathie des Lesenden zwischen ethnischen Gruppen vermitteln kann. Wie beeinflusst es das Zusammenleben, wenn sich ein religiöser Midwesterner in einen mexikanischen Erntehelfer hineinversetzt? Wenn sich ein liberaler Westküstenbewohner die Zerrissenheit zwischen Tradition und Aufbruch in einer muslimischen Community erschließt?

    Dass fiktionale Werke Toleranz und Weltoffenheit begünstigen können, dazu muss man nicht auf Harriet Beecher Stowes Onkel Toms Hütte zurückgehen, der als sentimentaler Roman dafür gemacht war, mit den Sklaven in den USA des 19. Jahrhunderts mitzufühlen. Weik von Mossner hat etwa mit ähnlichen literaturwissenschaftlichen Instrumentarien die Werke von Pearl S. Buck bearbeitet, die 1938 mit dem Literaturnobelpreis bedacht wurde.

    "Mitleiden" in Romanen

    Die in China aufgewachsene Tochter von Missionaren aus den USA hat in den 1940er- und 1950er-Jahren sowohl mit ihren Romanen, die durchaus zum "Mitleiden" einluden, als auch mit Sachbüchern die in den USA vorherrschenden Vorstellungen von China geprägt. "Es hat funktioniert, dass die Leute das fremde Land mit neuen Augen sahen", resümiert die Amerikanistin. "Andererseits ist sie von asiatisch-amerikanischen Literaturwissenschaftern durchaus kritisiert worden. Dass sie nicht ethnisch-chinesisch ist, wurde damals auch gegen sie verwendet." (Alois Pumhösel, 5.10.2018)

    • US-Präsident Donald Trump übte Kritik an den Footballspielern Colin Kaepernick (re.) und Eric Reid, die während der amerikanischen Hymne kniend gegen die alltägliche Polizeigewalt gegen Schwarze protestierten.
      foto: ap

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