E-Scooter: Der König der Straße und wo er parkt

    4. Oktober 2018, 17:47
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    E-Scooter machen sich in Wien breit. Sie zu starten ist intuitiv, doch wo man sie parkt, darüber ist man sich uneinig. Eine Ausfahrt

    Auffindbar ist er nicht so einfach, der Leihscooter. Ein kleines grünes Symbol zeigt in der Lime-App, wo er stehen soll, in der Realität reihen sich an der Landstraßer Hauptstraße nur Fahrräder aneinander. Treten? Heute nicht.

    Stadteinwärts sollen gleich dutzende Roller stehen, sagt die App. Und tatsächlich, um die nächste Ecke, zwischen Fahrrädern und übriggebliebenen Fahrradrahmen ist einer: weiße Tretfläche, schwarze Lenkstange und in einem kleinen grünen Kasten das Herzstück, der Motor. Groß ist er, der E-Scooter, größer als die Tretroller, mit denen man als Kind unterwegs war. Und schwerer.

    Knapp 500 Roller im Umlauf

    Zwei Anbieter, beide aus den USA, gibt es aktuell in Wien, die E-Scooter verleihen. Am 22. September starete der Anbieter Bird, Betreiber Lime zog knapp eine Woche später nach. Jedem von ihnen ist es erlaubt – das hat die Stadt Wien mit 1. August verordnet –, 1500 E-Scooter zu verleihen.

    Bird entwickelte gemeinsam mit der Stadt Wien einen "nachhaltigen Start", heißt es vom Unternehmen, man begann mit 100 Rollern. Erst wenn jeder davon dreimal täglich ausgeliehen wird, wird aufgestockt. Aktuell sind 180 Stück im Umlauf. 300 Stück wurden von Lime verteilt, auch dort betont man den engen Austausch mit der Stadt.

    Die Trägheit des Körpers

    Ist erst der QR-Code an der Lenkstange gescannt und die Kreditkartennummer angegeben, wird gestartet. Ungewöhnlich ist das für den Körper: erst ein Schubs mit dem linken Fuß, um den Scooter anlaufen zu lassen, dann ein Druck auf den Gashebel mit dem rechten Daumen, damit er von selbst läuft.

    Doch schon Isaac Newton wusste: Ist ein Körper erst in Bewegung, gewöhnt er sich daran. Nach den ersten unbeholfenen Metern ist der E-Scooter-Fahrer der König der Straße. Der Wind zieht ihm um die Ohren, Häuserreihen an seinen Augenwinkeln vorbei, während er selbst keinen Fuß rührt. Doch mit der ersten Kreuzung kommt die Unsicherheit: Wie blinkt ein E-Scooter-Fahrer? Um den Arm rauszustrecken, dafür ist man noch zu unsicher. Weitere Knöpfe, oder Hebel gibt es nicht – nur eine Klingel. Die Notlösung also: absteigen und gemeinsam mit dem Fußvolk über den Zebrastreifen laufen.

    Für den Gehsteig zu schnell und für die Straße zu langsam fühlt sich der Radweg als der richtige Ort für den Elektroroller an. Ob er das auch rechtlich ist, darüber herrschte zu Beginn des E-Scooter-Booms Uneinigkeit: Die Polizei klassifizierte ihn als "fahrzeugähnliches Kinderspielzeug", die Stadt und der ÖAMTC sahen ihn als Fahrrad. Nun hat man sich geeinigt: Der E-Scooter ist ein Rad.

    Abstellen am Gehsteig erlaubt

    Bis zu 24 Kilometer pro Stunde erreicht der E-Scooter von Lime, bergauf, über die Brücke zum Prater verliert er an Zug. Jogger lässt er trotzdem hinter sich, auch an gemächlichen Radfahrern zieht er vorbei. Doch weicht der glatte Asphalt einem Kopfsteinpflaster, kommen die Tücken: Die Sicht verschwimmt, wenn der ganze Körper zittert. Der König der Straße wünscht, er hätte nicht gelogen, als die App ihn fragte, ob er einen Helm dabei hat.

    Erst wenige Wochen ist es her, als Wien sich selbst von den Leihfahrrädern säuberte. Nachdem sich die beiden Anbieter Ofo und Obike aus der Stadt zurückzogen, sammelte die MA 48 rund 1000 Räder ein, mittlerweile gingen die meisten davon in den Besitz der Stadt über.

    Ärger in der Innenstadt

    Der Bezirksvorsteher der Inneren Stadt, Markus Figl (ÖVP), berichtet nun von zahlreichen unbedacht abgestellten E-Rollern, die Gehsteige blockieren würden, und warnt: "Wenn das so weitergeht, wird das noch viel schlimmer als das Chaos mit den Leihrädern." Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou begrüßt das neue Angebot und die damit gewonnene neue "Form der Freiheit", betont aber, dass Regeln gelten müssen.

    Die E-Scooter dürfen wie Fahrräder auf dem Gehsteig abgestellt werden, solange sie nicht behindern. Steht der Roller, wird die Fahrt – sie kostet sechs Euro für eine Dreiviertelstunde – per App beendet und der User aufgefordert, ein Foto vom Standort gemacht. Der nächste Benutzer soll es leichter haben. (Georg Pichler, Gabriele Scherndl, 4.10.2018)

    • Wien steckt das vergangene Leihradfiasko noch in den Knochen. Mit Leihelektroscootern will man es besser machen.  In einem "sanften Start" beginnen zwei US-Unternehmen, die Nachfrage zu decken.
      foto: apa/philippe huguen

      Wien steckt das vergangene Leihradfiasko noch in den Knochen. Mit Leihelektroscootern will man es besser machen. In einem "sanften Start" beginnen zwei US-Unternehmen, die Nachfrage zu decken.

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