#MeToo: Jammern für alle hilft nur wenigen

    Kommentar der anderen4. Oktober 2018, 16:43
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    Vor einem Jahr hat der Hashtag Frauen weltweit mobilisiert, über sexuelle Übergriffe zu reden. Gebracht hat die Debatte nichts. Statt elitärer Alibidiskussionen braucht es Gesetze für echten Opferschutz

    Nach einem Jahr der vom Hashtag #MeToo angestoßenen Debatte fällt ein Resümee aus feministischer Sicht leider nüchtern aus: Die Bewegung hat nichts gebracht. Es gibt weiterhin nicht mehr Opferschutz. Wie die Anthropologin Tereza Kuldova anhand von Fällen aus Schweden zeigen konnte, werden selbst erkennungsdienstlich überführte Täter von sogenannten Gang-Rapes in den gesellschaftlichen Unterschichten oft nicht polizeilich verfolgt (die unterbesetzte Polizei ist schon mit dem Verfolgen von Morden überlastet).

    Sexualfeindliche Stimmung

    Dafür gibt es eine Alibidiskussion unter den Angehörigen oberer Mittelschichten sowie der politischen Klasse. Man bastelt öffentlichkeitswirksam an der Formulierung von Gesetzestexten, die an Tatbestand und Beweislast nichts verändern, aber den trügerischen Anschein erwecken, die in den Mittelschichten verbreiteten Fälle von im Nachhinein infrage gestellten Sexualkontakten vermeidbar zu machen – also zum Beispiel solche unter alkoholisiertem Konsens oder auch die Fälle unter dem Stichwort "Überraschungssex" ("Was, du findest Hundertwasser gut? Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nie mit dir ins Bett gegangen! Vergewaltigung!").

    Besonders bizarr ist hier der Fall eines Palästinensers namens "Dudu", der von seiner schnell entschlossenen Sexualpartnerin irrtümlich für einen unverheirateten Juden gehalten wurde und, nachdem sich beides als falsch herausgestellt hatte, von einem israelischen Gericht zu einer mehrjährigen Haftstrafe wegen Vergewaltigung verurteilt wurde – obwohl eine Beziehung mit monatelangen einvernehmlichen Sexualkontakten bestanden hatte.

    #MeToo hat das produziert, was der Philosoph Peter Sloterdijk eine "Zornbank" nennt. Viele haben ihre Wut, Empörung, ihre Verletzungen und Enttäuschungen zusammengetragen. Aber nur sehr wenige entscheiden darüber, auf wen sich diese geballte Wut in der Folge richtet. Getroffen hat es in erster Linie linke Politiker und liberale Journalisten, in letzter Zeit auch linke Philosophinnen und Feministinnen. Auffälligerweise hat es so gut wie nie irgendjemanden von der Rechten erwischt.

    #MeToo hat, anstatt mehr Klarheit zu produzieren, das Verständnis der Tatbestände verunklart. Die Kampagne hat den Eindruck verstärkt, es gehe in den zwischenmenschlichen Kontakten um "Grauzonen", die lediglich dem subjektiven Empfinden zugänglich wären. Dabei sind die gravierenden, krassen Fälle von Vergewaltigung und Nötigung, die von vielen #MeToo-Opfern beschrieben wurden (und die sich deutlich vom Schicksal der Hollywood-Schauspielerinnen, die #MeToo ins Leben riefen, unterscheiden), vollkommen objektive Tatbestände, die selbst den abgestumpftesten Tätern klar sind. Das Leid der Frauen wurde damit gesellschaftlich von unten nach oben verteilt: Elitefrauen, die sich über kleine Wehwehchen und "Mikroaggressionen" beklagten, eigneten sich dabei das Leid der vielen wirklich gequälten Unterschichtsfrauen an, die weiterhin ohne Besserung ihrer Lage sowie ohne Öffentlichkeit und Prominenz blieben.

    #MeToo trägt dazu bei, eine sexualfeindliche Stimmung in der Gesellschaft zu schüren. Es stärkt jene sexualfeindlichen, konservativen Feministinnen, die ihre angebliche Verletzlichkeit durch alles Sexuelle gern als Waffe einsetzen. Und es schwächt die fortschrittlichen Feministinnen, die die Sexualität als ein Gut betrachten, das wir Frauen in einem Kampf und in einer Befreiung (von Frauen wie Männern und allen anderen) für uns erobern müssen.

    #MeToo verfemt den Sex, anstatt die Machtverhältnisse zu kritisieren. Es tut so, als ob jeder sexuelle Übergriff die Folge eines Machtgefälles zwischen überlegenen Männern und ausgelieferten Frauen wäre (was nicht stimmt, da viele Übergriffe auch von Underdogs begangen werden). Und es tut so, als ob jedes Machtgefälle sich ausschließlich in sexuellen Übergriffen äußerte (was auch nicht stimmt, da es ja viele andere Formen des Machtmissbrauchs im Beruf gibt, zum Beispiel Abpressung von Mehrarbeit, Demütigung, Mobbing et cetera).

    Das Bild der schwachen Frau

    Der vielleicht schlimmste Schaden für die Sache der Frauen besteht – wie Laura Kipnis und Svenja Flasspöhler erkannt haben – darin, dass #MeToo das Bild einer schwachen Frau zeichnet, die sich immer nur im Nachhinein durch Beschwerde rächen kann. Das verführt Frauen zum Festhalten an einem patriarchalen Verhaltensmuster und zum Opportunismus gegenüber den vorherrschenden sozialen Medien, in denen nachträgliches Gebärden als Opfer weitaus höher honoriert wird als jede Selbstbehauptung. (Auch diese Vorteile kommen freilich nur privilegierten Frauen mit hoher sozialer Vernetzung zugute.)

    Diese Art von Sozialpädagogik verschafft Frauen keine Gleichheit gegenüber Männern und nicht die Macht souveräner Selbstbestimmung, sondern lediglich die hinterhältige Macht, andere zu zerstören. Geschlechtergerechtigkeit sieht anders aus. Ich würde mir wünschen, dass die elitären Alibidiskussionen aufhören und dass wir stattdessen eine Sozialpolitik sowie Gesetze bekommen, die für die Frauen wie auch für alle anderen Sicherheit, Würde und einen echten Opferschutz gewährleisten. (Alexandra Ötzlinger, 4.10.2018)

    Alexandra Ötzlinger ist Betriebswirtin, hat eine Künstleragentur und hat mit Robert Pfaller den Verein "Adults for Adults: Citizens against Patronizing Politics" gegründet.

    Zum Thema

    • #MeToo hat das Leid der Frauen gesellschaftlich von unten nach oben verteilt.
      foto: ap/jae c. hong

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