Angst vor Rückfall Brasiliens in die Diktatur

    5. Oktober 2018, 07:03
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    Der rechte Ex-Militär Jair Bolsonaro will kein anderes Ergebnis als seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl akzeptieren

    Sein Markenzeichen ist der Schießfinger. Mit abgespreizten Daumen und Zeigefinger ahmt er einen Revolver nach und zielt damit bevorzugt auf Fotos seiner Gegner. Jair Bolsonaro wird in den Medien als "Brasiliens Donald Trump" bezeichnet – doch der Vergleich ist zu harmlos, denn niemand hetzt so offen gegen Frauen, Homosexuelle und Schwarze. Was sich vor einem Jahr kaum jemand vorstellen konnte, ist jetzt Realität: Der Ex-Fallschirmspringer führt überlegen die Umfragen für die Präsidentschaftswahlen am 7. Oktober in dem wohl turbulentesten Wahlkampf der jungen Demokratie an.

    In einer Stichwahl steht Bolsonaro vermutlich dem Linkspolitiker Fernando Haddad von Ex-Präsident Lula da Silvas Arbeiterpartei PT gegenüber. Bis zur letzten Minute hielt die PT an Lulas Kandidatur fest, obwohl schon lange klar war, dass der wegen Korruption zu zwölf Jahren Haft Verurteilte nicht antreten darf. Haddad, ein Akademiker ohne Lulas volksnahes Charisma, hat in den Umfragen zuletzt aber eine überraschende Aufholjagd hingelegt.

    Krise und Korruption

    Seit drei Jahren hat die Wirtschaftskrise mit einer Arbeitslosigkeit von zwölf Prozent und einer Abwertung der Landeswährung Real Brasilien fest im Griff. Viele sind ratlos, wenn sie an die Wahlen denken. In Umfragen sagen sie, dass die Begriffe "Korruption", "Schande" und "Enttäuschung" ihr Land am besten charakterisieren.

    In diesem zugespitzten Szenario findet der Wahlkampf statt. Bolsonaro wird von seinen Anhängern als Saubermann gefeiert, der nicht in Korruptionsskandale verwickelt ist und wieder Recht und Ordnung in einem der gewalttätigsten Länder Lateinamerikas schaffen will. "Die Politik hat Bolsonaro lange unterschätzt und als vorübergehendes Phänomen abgetan. Das war ein schwerer Irrtum", sagt der Politologe Claudio Couto von der Fundação Getúlio Vargas in São Paulo. Es habe sich "ein Ambiente der Rachsucht und des Hasses" gegen Lulas PT entwickelt. In diesem Fahrwasser schwimmt Bolsonaro.

    Ein von einem offenbar verwirrten Linken verübtes Messerattentat vor drei Wochen hätte Bolsonaro fast das Leben gekostet. Lange musste er im Krankenhaus bleiben. Die täglichen Posts vom Krankenbett haben seine Beliebtheit nochmals hochschnellen lassen. Aus dem Spital verkündete er, dass er nur einen Sieg bei der Wahl akzeptieren werde. Alles andere sei Betrug. Schon oft hat Bolsonaro die Diktatur (1964 bis 1985) als die beste Zeit Brasiliens gerühmt und angekündigt, mit dem Militär zusammen regieren zu wollen. Nicht wenige befürchten deshalb eine Situation wie 1973 in Chile, als das Militär gegen Salvador Allende putschte. "Bolsonaro ist eine echte Bedrohung für die Demokratie. Er zeigt offen seine Verachtung für demokratische Prinzipien wie freie Wahlen", sagt Couto.

    Als Bolsonaros Vize tritt Ex-General Hamilton Mourão an, der diese Befürchtungen noch verbal befeuert. Wenn "Anarchie oder Chaos" herrsche, werde es einen Putsch geben, kündigte er an. Schon früher hatte er Putschpläne gegen die linke Ex-Präsidentin Dilma Rousseff geäußert.

    "Unsere Hoffnung"

    Anders als Europas Rechtspopulisten hat Bolsonaro zwar keine große Partei hinter sich, dafür aber das mächtige Militär. Brasiliens Streitkräfte genießen noch zahlreiche Privilegien, eine Aufarbeitung der Diktaturverbrechen hat so gut wie nicht stattgefunden.

    Bolsonaros Wahlkämpfer gehören zu den lautesten auf São Paulos Hauptstraße Avenida Paulista. "Er ist nicht perfekt, aber er ist unsere Hoffnung", sagt die 59-jährige Hausfrau Cecília Ramos. Vorwürfe, er habe sich abwertend über Frauen geäußert, weist sie energisch zurück. "Er ist ein guter Familienvater und hat nie gesagt, dass Frauen weniger wert sind. Das sind alles Erfindungen seiner Neider", sagt sie. Über die linke Abgeordnete Maria do Rosário sagte Bolsonaro, dass sie es nicht verdiene, vergewaltigt zu werden, weil sie "viel zu hässlich" sei. Eine gleiche Bezahlung von Männern und Frauen lehnt er ab, da Frauen "das Schwangerschaftsrisiko" haben. Auch hätte er "lieber einen toten als einen schwulen Sohn".

    Eine Woche vor der Wahl gingen mehr als 400.000 Frauen in São Paulo, Rio de Janeiro und anderen Großstädten unter dem Motto "#EleNão" ("Er nicht" ) gegen Bolsonaro auf die Straße. Die Demonstrationen wurden von linken Aktivistinnen angeführt, zogen aber Frauen bis weit in das konservative Lager an. Sie alle eint die Angst, dass Brasilien in dunkle Zeiten zurückfallen könnte. (Susann Kreutzmann aus São Paulo, 5.10.2018)

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