MeToo – die Diskussion ist noch nicht zu Ende

    Userkommentar5. Oktober 2018, 12:28
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    Die Kampagne hat bei Frauen und Männern Hilflosigkeit ausgelöst. Begleitet wurde sie von vielen Stellvertreterdiskussionen

    In diesen Tagen jährt sich die Debatte um Harvey Weinstein zum ersten Mal. Kurz darauf kam der Hashtag #MeToo. Anlässlich dieses Jubiläums wurde ich diese Woche von Journalisten der österreichischen Zeitung DER STANDARD gebeten, vor der Kamera kurz Stellung zu nehmen. Geht auch nur ganz schnell, hat man mir gesagt. Aber ganz schnell zu #MeToo Stellung nehmen – geht das überhaupt? Ich musste feststellen: Nein. Es gibt so viel zu sagen. Meine Gedanken sind ungeordnet. Selbst nach einem Jahr.

    Die Debatte hat bei mir vor allem Unsicherheit und Verwirrung ausgelöst. Erschüttert oder überrascht war ich nicht. Auch ich habe bereits sexuelle Übergriffe erfahren. Gesprochen habe ich darüber nur wenig und mit wenigen. Ich habe den Hashtag selbst nie verwendet und bin bei der #Metoo-Debatte eher verhalten geblieben. Macht mich das zum schweigenden Opfer, ja gar zur Verräterin? Hätte ich nicht sehr, sehr laut werden müssen?

    Männliche Hilflosigkeit und Überforderung

    Ich befürworte die Solidarisierung und Bewusstseinsänderung, die im Zusammenhang mit #MeToo entstanden sind. Aber was hat sich in diesem Jahr wirklich verändert? Cat-Calling gibt es immer noch, und rein intuitiv würde ich sagen, dass auch die sexuellen Übergriffe nicht abgenommen haben. Neu sind aber sicher die damit verbundene männliche Hilflosigkeit und Überforderung: "Ja, darf man denn jetzt nicht einmal mehr…?!" Viele wittern gar eine feministische Globalverschwörung.

    Dabei geht es überhaupt nicht darum, ob man einer Frau noch die Tür aufhalten darf. Ob man ihr noch Blumen schenken darf. Ob man ihr noch ein Kompliment machen darf. Das sind Stellvertreterdiskussionen. Es geht nicht um Männer und Frauen, sondern um Menschlichkeit. Man nutzt Menschen nicht aus. Man manipuliert sie nicht zum eigenen Vorteil. Man überfällt, erpresst sie nicht. Man vergewaltigt, missbraucht sie nicht. Das sind Grenzüberschreitungen. End of story. Das hat nichts mit Türen, Blumen oder Komplimenten, sondern ausschließlich mit Menschlichkeit zu tun. Deswegen finde ich es auch in Ordnung, wenn mir in Zukunft ein Mann die Tür aufhält. Oder eine Frau. Weil ich das auch für eine Freundin tun würde. Oder einen Freund. Ich würde ihr auch Blumen schenken. Oder ihm. Komplimente mache ich übrigens auch. Das ist nicht sexistisch, sondern aufmerksam und menschlich. So oder so.

    Nicht jede Frau ist Opfer

    In der Debatte geht es auch nicht darum, ewigwährende Opfer- und Täterrollen zwischen den Geschlechtern zu verteilen. Eine weitere Stellvertreterdiskussion. #MeToo macht nicht jede Frau zum Opfer und nicht jeden Mann zum potenziellen Grüsel. Pauschalisierungen haben noch nie geholfen. Eine Frau ist nie gern Opfer. Believe me. Und dies meine ich nicht (nur) im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern auch im Sinne von Selbstzuschreibung. Es ist auch völlig irrelevant, ob man an diesem jenen Abend dies oder das getragen hat, allein nach Hause lief oder ein Glas zu viel gekippt hat. Es geht übrigens auch nicht darum, aus welchem Land der Täter stammt. Das sind nur weitere Stellvertreterdiskussionen.

    #MeToo heißt auch nicht, dass wir alle vergewaltigt wurden. #MeToo hat in erster Linie mit menschlichen und in zweiter Linie mit individuellen Grenzen zu tun. Insofern hat es auch mit Empathie und Respekt zu tun. Es geht darum, zu merken, wenn das Gegenüber sich unwohl fühlt, zögert. Es geht darum, zu merken, ob etwas zu viel ist oder zu schnell, zu weit geht. Es geht darum, zu wissen, dass etwas absolut inkorrekt ist – und sich auch demnach zu verhalten. Aber auch darum, Nein sagen zu können – auch wenn es situationsgemäß noch so schwierig ist. In jedem Fall gäbe es noch so viel zu sagen. Diese Diskussion ist noch nicht zu Ende. Nicht, bis die Welt eine andere, gerechtere ist. (Elena Lynch, 5.10.2018)

    Elena Lynch (26) studiert in Wien Zeitgeschichte und Theaterwissenschaft. Der Text der Schweizerin erscheint auch in der Lokalzeitung "Walliser Bote".

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