Polen streiten über Sexualkundebuch

    4. Oktober 2018, 17:05
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    Werk des katholischen Priesters Jean-Benoît Casterman macht Opfer sexueller Gewalt für Übergriffe verantwortlich

    Warschau – Ein Aufklärungsbuch, das Jugendlichen Sexualkunde näherbringen soll, hat in Polen eine Debatte über Täter-Opfer-Umkehr ausgelöst. Das vom katholischen Priester Jean-Benoît Casterman verfasste Werk "Leben am Maximum. Der emotional-sexuelle Ratgeber" empfiehlt Mädchen, sich nicht "provokant" oder "aufreizend" zu kleiden.

    Wörtlich heißt es: "Minirock, Body, bauchfreie Shirts, Hüfthosen, Strings, tiefes Dekolleté, nackter Rücken … sind eine Einladung für etwas mehr. Du wirst als frivoles, zur Verfügung stehendes Mädchen wahrgenommen. Wenn sie dich belästigen, bist du selbst schuld, du forderst das Schicksal heraus." Kleidung voller "Schlichtheit, Würde und Eleganz" sei dagegen ein "Anzeichen einer edlen Seele" und rufe "Respekt und Wertschätzung hervor", berichtet der "Kurier".

    Außerdem könnten sich junge Frauen gegen Übergriffe schützen, wenn sie Männer gut behandeln: "Sei in keinem Fall unhöflich, zeige nicht deine Abneigung: Du wirst ihn demütigen und verletzen, was dazu führen kann, dass er sich rächen will."

    Zudem lernen die Schülerinnen, dass sexuell missbrauchte Kinder für die Täter beten sollen und dass Kondome Frauen nicht zuverlässig vor einer Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten schützen.

    Bürgermeisterin entsetzt

    Warschaus Bürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz zeigte sich entsetzt: "Schlechte Verhaltensweisen sind nicht zu entschuldigen. Sexuelle Belästigung ist immer das, was es ist. Kleidung kann nicht dazu dienen, dieses Verhalten zu tolerieren", schrieb sie auf Twitter.

    Das "Institut für integrierte Prävention", bei dessen Workshop an einer Schule im Warschauer Stadtteil Żoliborz verwendet wurde, erklärte am Montag auf seiner Webseite, man bedauere den Vorfall. Man habe das Personal schon vor drei Jahren angewiesen, das umstrittene Buch nicht mehr im Unterricht zu verwenden. Wer das Material verteilt habe, müsse mit Konsequenzen rechnen.

    "Aus dem Kontext gerissen"

    Der Verlag Wydawnictwo M hat das 2008 erstmals erschienene Werk mittlerweile offenbar aus dem Sortiment genommen: "Das Buch ist nicht mehr erhältlich", war am Donnerstagnachmittag im Webshop zu lesen. Wenig später wurde dort eine Erklärung veröffentlicht: die umstrittenen Zitate seien aus dem Kontext gerissen worden, weshalb man nicht auf die Vorwürfe eingehen wolle, Der Autor habe sich jedenfalls "immer wieder klar und unmissverständlich" gegen sexuelle Belästigung ausgesprochen.

    Bereits im Februar 2017 musste sich die Pariser Schule Notre-Dame de Sainte-Croix bei Eltern entschuldigen, weil das Buch Castermans im Unterricht verwendet worden war, berichtete der britische "Express". (bed, 4.10.2018)

    • Warschauer Schülerinnen lernen, dass Kondome nicht zuverlässig vor einer Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten schützen.
      foto: ap/czarek sokolowski

      Warschauer Schülerinnen lernen, dass Kondome nicht zuverlässig vor einer Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten schützen.

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