Dürfen sich Freunde in die Kindererziehung einmischen?

    Kolumne7. Oktober 2018, 17:00
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    Zu lasch oder zu streng: An der Kindererziehung anderer haben viele etwas auszusetzen. Aber was, wenn es die eigenen Freunde sind, die sich einmischen?

    Frage:

    "Wir fahren gerne gemeinsam mit befreundeten Familien in den Urlaub. So auch diesen Sommer. Normalerweise klappt das gut, weil sich die Kinder, in diesem Fall drei Einzelkinder, aneinander freuen und die ganze Zeit am Spielen sind – und wir Eltern freuen uns auch, dass wir mehr Zeit für Erwachsenengespräche haben. Doch diesmal war es weniger entspannt. Nicht unbedingt wegen der Kinder, sondern wegen der Freunde, die in Erziehungsfragen mitreden wollten. Konkret ging es um unseren dreijährigen Sohn, der diesen Sommer dabei war, sich von seinen Windeln zu lösen. Leider lief dieser Abschied nicht ganz reibungsfrei ab. Dazu kam, dass unsere Freunde wenig zurückhaltend mit gut gemeinten Ratschlägen waren und genau wussten, wie wir als Eltern reagieren sollten. Mir ging diese Einmischung auf die Nerven. Und ich bin unsicher geworden. Ist es okay, wenn Freunde das Erziehungsverhalten kommentieren und sich ungefragt einmischen?"

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    Einmischen oder raushalten? Familien haben unterschiedliche Erziehungsvorstellungen.

    Antwort von Katharina Weiner:

    Mit dieser für Sie neuen Erfahrung bietet sich eine wunderbare Gelegenheit, einen vermeintlichen Konflikt in eine Chance zu verwandeln. Es ist grundsätzlich natürlich nicht okay, wenn sich andere ungefragt in unsere Familie oder Erziehung einmischen.

    Was Sie tun können, ist, Ihre befreundeten Familien darauf aufmerksam zu machen. Denken Sie allerdings dabei daran, dass Sie Ihrer Freundin mit dem gleichen Respekt und der gleichen Empfindsamkeit begegnen, wie Sie sich den Umgang miteinander vorstellen.

    In etwa so: "Ich möchte euch etwas zu unserem letzten Urlaub sagen, das mich sehr beschäftigt. Es ist mir wichtig, dass Ihr Folgendes von uns wisst." Schildern Sie, wie Sie sich fühlen und möglicherweise durch Unausgesprochenes Ihre Freundschaft gefährdet sehen. So können Sie eine Einladung zu einem Dialog eröffnen, der Ihnen gegenseitig die Gelegenheit bietet, sich noch besser kennenzulernen.

    Ihrer Familie vermitteln Sie damit, dass unterschiedliche Meinungen in Ordnung sind und es im Leben darum geht, wie wir mit diesen umgehen, ohne einander zu verletzen. (Katharina Weiner, 7.10.2018)

    foto: sven gilmore
    Katharina Weiner ist Familienberaterin, Coach und arbeitet als Trainerin in der Elternbildung. Die Mutter einer Tochter leitet das Jesper-Juul-Familylab in Österreich.

    Antwort von Hans-Otto Thomashoff:

    Gegen einen taktvoll formulierten guten Rat ist sicher nichts einzuwenden. Schließlich fällt uns das Wissen um die Erziehung unserer Kinder nicht in den Schoß, sondern wir müssen es wie vieles andere auch lernen, meist als learning by doing. Und das funktioniert besser in der Gruppe. Anthropologische Untersuchungen ergaben, dass bei Naturvölkern schon kleine Kinder die Hälfte der Zeit bei ihren Verwandten unterkommen – mit der Mutter in Erreichbarkeit bei Bedarf. Davon sind wir heutzutage in unseren Kleinfamilien weit entfernt. Verunsicherung und Stress sind die Folge.

    Angeheizt wir dieser Stress durch die verbreitete Konkurrenz zwischen Eltern, und um die scheint es im vorliegenden Beispiel zu gehen. Wer ist perfekter? Bei ehrlicher Betrachtung dreht sich diese Elternkonkurrenz gar nicht um das Wohl der Kinder, sondern um das Selbstbild der Eltern. Aus Ego-Bedürfnis oder auch aus Angst, etwas falsch zu machen.

    Was dabei übersehen wird? Perfekte Eltern gibt es nicht. Und wenn es sie gäbe, wären sie als Modell nicht wirklich brauchbar, weil sie ein Bild von der Welt vermitteln würden, das es so nicht gibt. Die perfekte Welt ist Fiktion. Das ist vielleicht enttäuschend für diejenigen, die sich im Wettstreit mit anderen Eltern beweisen wollen, aber für alle anderen ist es ein Grund zur Entlastung. Gut genug ist gut genug. So lautet ein psychoanalytisches Konzept, das der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott formuliert hat. Good-enough-Eltern bereiten ihre Kinder auf das wirkliche Leben vor, in dem eben auch manchmal etwas schiefläuft. Aber das ist kein Drama, sondern ermöglicht aus Fehlern zu lernen. (Hans-Otto Thomashoff, 7.10.2018)

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    Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).

    Haben Sie eine Erziehungsfrage an den Familienrat? Wir freuen uns über Ihre Mail an familie@derstandard.at

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