Element of Crime: "Man kann die Politik nicht bescheißen"

    5. Oktober 2018, 11:18
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    Was tun, wenn man Bonos Musik schlecht findet, seine Ideen aber gut? Ein Gespräch mit Jakob Ilja und Sven Regener rund um die Kunst anlässlich des am Freitag erscheinenden Albums "Schafe, Monster und Tiere"

    Sven Regener und Jakob Ilja sitzen im Café Westend – wie immer, wenn die beiden Berliner Musiker in Wien sind. Der Anlass für das aktuelle Schnitzel mit Bier ist das am Freitag erscheinende Album ihrer Band Element of Crime. Es heißt Schafe, Monster und Mäuse und ist das 15. Sudioalbum der 1985 gegründeten Band; ein Werk voll getragener Geschichten aus der Liebe und dem Alltag.

    STANDARD: Rock’n’Roll bis ins Alter zu spielen, ist das eine schöne Vorstellung für sie?

    Ilja: Die Frage stellt sich seit den großen Touren der Rolling Stones nicht mehr. Die haben die Türen geöffnet: Rock’n’Roll will never die. Das ist das Tolle daran, dass das Alter keine Rolle mehr spielt.

    Regener: Als ich noch ein Kind war, hatten wir zuhause den Stern und da stand: "Jetzt werden sie 30!" Da ging es um die Rolling Stones. Da dachte ich auch, jetzt sind die echt schon 30, jetzt ist es vorbei. Weil das neu war, waren die Akteure eben jung.

    Ilja: Dabei haben sich Rolling Stones ja auf Bluesmusiker bezogen, die damals auch schon um die 50 Jahre alt waren. Übers Jungsein grenzt man sich nur ab, wenn man jung ist. Das macht man, bevor man weiß, was mit einem selber eigentlich los ist. Man sollte nur aufpassen, dass man nicht als Berufsjugendlicher endet.

    Regener: Rock’n’Roll ist einfach nicht mehr der neueste heiße Scheiß, und zwar schon lange nicht mehr. Dazu kommt die Frage, was genau man macht. Bei uns ist es leichter, das, was wir machen, mit 50 oder 60 zu machen. Es gibt Musik, die sehr körperlich gespielt wird, wo man durch die Traversen klettert. Es gibt ja diese Berichte, wie lange vor den Tourneen Mick Jagger mit dem Fitnesstraining beginnt. Weil er die Rumlaufsachen macht. Was man sich schenken kann, wenn man mal drüber nachdenkt.

    STANDARD: Oder Kiss, die mit ihren hohen Schuhen zu gehen üben.

    Regener: Wobei die das Problem des Alterns von vornherein gelöst haben, mit der Schminke.

    STANDARD: Ist es im Rock‘n‘Roll "better to burn out" oder "to fade away", wie Neil Young singt?

    Regener: Der Kurt Cobain hat das zitiert und sehr wörtlich genommen …

    Ilja: Ich hab das nie verstanden. Das war nie meine Welt. Liegt sicher daran, dass man neben dem Mythos Rock’n’Roll noch ein anderes Leben hat. Und dann vielleicht begreift, dass das Touren nur eine singuläre kurze Angelegenheit ist. Element Of Crime gibt es schon lange, und die Band gehört zu unserem Leben, aber der Mythos des Tourens, der Exzess, das ist meine Welt nicht.

    Regener: Das ist das Problem beim Rock’n’Roll. Du gehst auf Tour, das ist sehr intensiv, die Leute jubeln dir zu, das ist ein unfassbares High, das geht ein paar Wochen so … – und dann ist es plötzlich vorbei! Angela Bowie, die erste Frau von David Bowie, hat das in ihren Memoiren geschrieben: Ihr kamen die englischen Rockstars immer vor wie die Wikinger. Die hatten ihren Landsitz, wo sie ihre Rosen schnitten und mit Gummistiefel und Joppe durch die Felder stapften. Und dann ging‘s auf Tournee. Da zogen sie dieses Rockzeug an, gingen los und machten voll einen drauf, und dann gingen sie wieder heim zum Rosenschneiden. Das kann nicht jeder. Das ist das Problem: Du kannst die Intensität der Tourneen nicht ins Unendliche verlängern. Darunter leiden viele.

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    Ein Lied des schönen neuen Albums von Element of Crime: Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang.

    STANDARD: Sie haben einmal für den STANDARD einen Tour-Blog geschrieben. Damals wollten sie mit allen Mitteln versöhnen. Hat nicht geklappt, die Welt ist angeblich total gespalten.

    Regener: Kunst ist dafür da, den Einzelnen mit seiner Existenz zu versöhnen. Dem Umstand, dass er überhaupt lebt, und nicht weiß, was das soll. Da gibt es verschiedene Mittel, Kunst ist vielleicht das beste, weil sie die dunklen Seiten unserer Existenz behandelt. Aber es ist kein Kirchentagsphänomen, von wegen, wir haben einen gesellschaftspolitischen Auftrag. Wir sind nicht das, was ein Frankfurter Politiker einmal gesagt hat: Kultur sei der verlängerte Arme der Sozialpolitik.

    Ilja: Da kann ja nichts rauskommen, da geht’s in letzter Konsequenz um Staatskunst.

    STANDARD: Aber sie produzieren Zuhörmusik, und Zuhören ist eine bedrohte Kulturtechnik.

    Ilja: Man kann bei unserer Musik alles machen, abwaschen, mitpfeifen. Wir haben da keinen Einfluss drauf. Wir machen die Musik, und dann geht sie raus in die Welt. Ich will keine Gebrauchsanweisung mitgeben, wie man das zu hören hat. Ich höre oft Sachen en passant, dann wieder intensiver. So oder so ist es doch schön, wenn unsere Musik gespielt wird.

    Regener: Es gibt den Begriff des Anspruchsvollen. Da würd ich uns nicht mitreinnehmen, weil wir keine Ansprüche stellen. Wir glauben, dass jeder frei sein sollte, damit zu machen, was er will.

    Ilja: Dazu fällt mir ein, dass kurioserweise die Klassik, die ja über allem steht, wenn es ums Zuhören geht, in ihrer Entstehungsgeschichte alles Mögliche in den Zuhörerräumen erlebt hat, nur nicht konzentriertes Zuhören. Es ist ja noch nicht so lange her, dass Klassik schweigsam genossen wird. Das ist das Tolle am Rock’n’Roll. Wenn man da ein Konzert spielt, gibt es keine Anforderung, still zu sitzen und konzentriert zuzuhören. Man kann rauchen, zumindest war das früher so, oder rausgehen, Getränke holen oder reden.

    Regener: Da hat der Punk viel Gutes bewirkt …

    Ilja: … damit nicht so eine Ehrfurcht entsteht …

    Regener: … dass das nicht so eine quasireligiöse Sause wird, sondern das gefällt mir oder leck mich am Arsch. Wie soll uns die Kunst mit unserer Existenz versöhnen, wenn wir nicht in der Lage sind, frei damit umzugehen? Da hat der Rock’n’Roll eine Menge bewirkt, weil das dem Jazz nicht mehr gelungen ist. Der kam da nicht mehr raus aus dem akademischen Ding. Aus Musik für Nutten und ihre Kunden in New Orleans wurde so eine Sache, für die man um 170 Euro ein Ticket für einen Konzertsaal kauft und still sitzen muss.

    STANDARD: Kann man mit ihrer Musik auch Benefizkonzerte spielen, Stichwort: Chemnitz?

    Regener: Klar kann man da hingehen und spielen. Man darf sich nur keinen Illusionen hingeben. Man wird niemanden überzeugen, nur den Leuten Mut machen. Zeigen, dass die anderen nicht übermächtig sind. Denk an die Lichterketten in den 1990ern. Die hat man ja nicht gemacht, weil so eine Lichterkette ein wahnsinnig progressives Mittel ist, um eine Debatte zu beschleunigen, sondern, um zu zeigen, dass es auch andere Menschen gab. Wie in Chemnitz. Das hat sich ja in den Nachrichten gehäuft, dieser ganze ausländerfeindliche Kram, und man saß medial davor wie das Kaninchen vor der Schlange. Das aufzubrechen macht Sinn, und so war das, glaube ich, auch gemeint, dieses "Wir sind mehr" in Chemnitz. Wobei es mir schwerfällt, wo mitzumachen, wo ein Hashtag davorsteht. Ich hab ein Problem damit, verkürzte Statements rauszuhauen, um auch was gesagt zu haben.

    STANDARD: Geht es nicht darum, Verantwortung zu übernehmen?

    Ilja: Politik ist komplex, und es hat was Wohlfeiles, wenn ich sage, ich finde das auch scheiße. Das ist so billig. Es ist ja keine Frage, dass ich rechtsradikale Gewalt schrecklich finde. Gleichzeitig sollen Künstler zu all den großen Fragen der Weltpolitik Stellung beziehen, als ob sie die Lösungen parat hätten. Ich bin sicher, dass mein privates Engagement politisch mehr bewirkt als ein Statement von mir in einem Interview.

    Regener: Ich bin für die Trennung von Kunst und Politik. So wie ich für die Trennung von Kirche und Staat bin. Ich möchte nicht, dass Fragen der Religion und der Gottesfurcht in der Politik eine Rolle spielen. Und ich möchte nicht, dass Geschmacksfragen der Kunst in der Politik eine Rolle spielen. Der Bono sagt, wir sollen die Dritte Welt entschulden. Ich finde aber seine Musik nicht gut, was mach ich denn dann? Das falsch finden? Oder wenn ich seine Musik mag, soll ich deswegen dafür sein, die Dritte Welt zu entschulden?

    STANDARD: Bono sieht das wohl so.

    Regener: Ja, aber eine Debatte zwischen uns findet nicht statt, deshalb ist das egal. Das ist nur ein Raushauen von Statements. Man kann die Politik nicht bescheißen. Man kann nicht glauben, dass man durch ein bisschen Singen oder ein paar Sprüche Politik ersetzen kann. Politik ist wertvoll und wichtig. Und wenn man Politik will, dann muss man Politik machen und sich die Finger schmutzig machen. Wenn Künstler das tun, werden sie komischerweise immer verspottet: Wie der Ronald Reagan – da hieß es, der blöde Schauspieler, der will uns die Welt erklären?

    STANDARD: Oder Arnold Schwarzenegger.

    Regener: Oder der. Aber ich hab da Respekt davor. Auch vor Politikern. Und ich glaube nicht, dass wir verwirrten Amateure, die wir Künstler letztlich sind, dass wir so dringend gebraucht werden, um den Leuten zu erklären, was sie denken sollen.

    STANDARD: Aber gerade Bands stehen oft für eine Geisteshaltung, mit der sich Fans identifizieren.

    Ilja: Aber das ist doch wohlfeil. Bewirken kann ich etwas, wenn ich spende, mich als Bürger an Politik beteilige oder zehn Stunden in der Woche für ein soziales Projekt arbeite. Das würde ich aber nicht an die große Glocke hängen.

    Regener: Oder zur Wahl gehe und nicht ständig auf die Politiker schimpfe. Jeder Populist macht das, das wäre mal ein Anfang. Ums auf den Punkt zu bringen: Wenn du gerne Gitarre spielst, dann spiel Gitarre. Aber spiel nicht Gitarre, weil du eigentlich Politik machen willst. Das ergibt keinen Sinn. Und ich werde in meinem Leben nicht die wählen, die am schönsten singen oder am schönsten Gitarre spielen.

    STANDARD: Es gibt ja sogar die Frage, ob es einer Sache noch dienlich ist, wenn sofort die Toten Hosen auftauchen.

    Regener: Das habe ich gemeint, da sagen dann die Leute, die Hosen fand ich immer scheiße, aber dann ist alles, was politisch gesagt wird, auch entwertet. Und das ist das Problem. Du kannst nicht das eine mit dem anderen Huckepack nehmen. Trotzdem ist es richtig, dass Campino dort hingeht: Weil man keine Lust mehr drauf hat, dass die Rechten unwidersprochen ihre Naziparolen durch die Straßen skandieren. Man möchte auch andere Bilder sehen. Und so ein Benefiz ist eine schnelle Möglichkeit, diese Bilder zu herzustellen, und manchmal muss das sein. Da habe auch Respekt dafür.

    Ilja: Das ist umgekehrt dasselbe: Wenn ich einen Künstler verehre und der was Abscheuliches macht, muss ich den jetzt aus dem Film rausschneiden? Kann ich mir das nicht mehr anhören? Ist der jetzt kein guter Schauspieler mehr? Es gibt keine einfachen Antworten. Das muss jeder selbst entscheiden. Aber man kann schon sagen, es berührt die Kunst doch weniger als man glaubt, wenn man schreckliche Sachen über Künstler hört. Ein guter Film bleibt ein guter Film, er hat nur plötzlich einen anderen Kontext.

    Regener: Es gibt ja auch rechte Rockmusik. Man kann nicht sagen, als Rockmusiker muss man per se so oder so drauf sein, das ergibt keinen Sinn. Da muss man halt begreifen, dass wir so etwas Wichtiges wie die Debatte in der Politik nicht ersetzten können, indem wir uns gegenseitig ansingen. (Karl Fluch, 5.10.2018)

    JAKOB ILJA (59) ist Gitarrist bei Element of Crime und Soundtrack-Komponist.

    SVEN REGENER (57) ist Sänger der Band und Autor ("Herr Lehmann", Neue Vahr Süd", Der kleine Bruder ...)

    • "Wir werden die Debatte in der Politik nicht ersetzen können, indem wir uns gegenseitig ansingen." Richard Pappik, Sven Regener, Jakob Ilja und David Young sind Element of Crime.
      charlotte goltermann

      "Wir werden die Debatte in der Politik nicht ersetzen können, indem wir uns gegenseitig ansingen." Richard Pappik, Sven Regener, Jakob Ilja und David Young sind Element of Crime.

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