Fischerei wird in der Arktis für 16 Jahre verboten

    4. Oktober 2018, 16:00
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    Durch das Schmelzen des Eises haben sich Meeresgebiete für Schiffsrouten geöffnet. Ein internationales Abkommen will diese Zonen nun vor Fischfang schützen

    Wien – Fischerei in der Arktis könnte in den kommenden Jahren für kommerzielle Fischereiflotten attraktiver werden. Da die Erderwärmung dort fast doppelt so hoch wie im weltweiten Durchschnitt ausfällt, öffnen sich zum einen durch das Abschmelzen des Eises saisonal neue Gebiete für Schiffe, zum anderen wird der Klimawandel große Fischbestände wie Kabeljau und Heilbutt in den Norden treiben. Dem wird nun zumindest in den kommenden 16 Jahren ein Riegel vorgeschoben: Am Mittwoch wurde in Grönland ein Abkommen unterzeichnet, das kommerziellen Fischfang in weiten Teilen der Arktis verbietet.

    2,8 Millionen Quadratkilometer Meer werden geschützt

    Zu den Unterzeichnern des Fischfangmoratoriums, über das jahrelang verhandelt wurde, zählen die EU, die USA, Russland, Kanada, Norwegen, Dänemark, Island, Japan, Südkorea und China. Die Länder werden zudem ein gemeinsames Programm zur wissenschaftlichen Überwachung der geschützten 2,8 Millionen Quadratkilometer starten. Je nach Ergebnis könnte das Moratorium um weitere fünf Jahre verlängert werden. Damit wird der Zugang zu einem Meeresgebiet etwa in der Größe des Mittelmeers eingeschränkt, das sich im Zuge des Klimawandels neu öffnet. Der kanadische Fischereiminister Dominic LeBlanc sprach von dem "ersten internationalen Abkommen dieses Ausmaßes", bevor kommerzieller Fischfang überhaupt stattfindet.

    Testfahrten von Containerschiffen

    Große Schiffe haben aber bereits damit begonnen, das Gebiet für den Transport zu erkunden. Dazu gehört zum Beispiel jüngst das dänische Unternehmen Maersk, das seit 1996 die größte Containerschiffsreederei der Welt betreibt. Maersk schickte im August das erste Containerschiff über die zuvor zugefrorene Route. Die Nordostpassage durch das Beringmeer, vorbei am Nordpol und durch die Barentssee war bis vor kurzem nur mithilfe von Eisbrechern passierbar.

    Durch den Klimawandel wird sie immer besser schiffbar, da das Polareis schmilzt. So könnte die Reisezeit zwischen den Kontinenten um bis zu 40 Prozent verringert werden, was enorme Treibstoffersparnisse brächte. Wissenschaftliche Untersuchungen über Auswirkungen auf diese unberührten Areale sind jedoch kaum vorhanden.

    foto: ap/david goldman
    Durch den Klimawandel schmilzt Eis in der Arktis und legt Wege für kommerzielle Schifffahrt frei, die zuvor nicht befahren werden konnten.

    Wildnis verschwindet auch im Wasser

    Und diese letzten unberührten Gebiete im Meer schwinden, wie auch eine Studie zeigt, die im Juli im Fachmagazin "Current Biology" veröffentlicht wurde: Nur noch 13 Prozent der Weltmeere sind "Wildnis". Neben Gebieten rund um abgelegene pazifische Inseln wie Französisch-Polynesien betrifft das eben vor allem die Arktis und Antarktis. Mit "Meereswildnis" sind Regionen gemeint, die vom Menschen fast oder komplett unverändert sind. Und gerade einmal fünf Prozent davon stehen unter Schutz.

    Ein Autor der Studie warnte, dass in 50 Jahren die letzten Flecken verschwunden sein werden, wenn der Schutz nicht sofort verstärkt wird. In einem sind sich die meisten Wissenschafter einig: Die Fischerei, insbesondere die Bodenfischerei, hat die gravierendsten Auswirkungen auf marine Ökosysteme.

    foto: reuters/phil noble
    Der weltgrößte Schifffahrtskonzern Maersk hat im August erstmals ein großes Containerschiff durch die Nordostpassage geschickt. Die Venta Maersk nahm auf dem Weg vom russischen Wladiwostok nach Europa nicht die übliche Route durch den Suezkanal, sondern die Abkürzung durch das Eismeer nördlich von Russland.

    Schneller eisfrei als angenommen

    Die Veränderungen werden auch ohne Fischerei und Schifffahrt in den kommenden Jahrzehnten gravierend sein, wie durch Messungen prognostiziert werden kann: Das dickste Meereis der Arktis vor der Nordküste Grönlands ist 2018 zum ersten Mal seit Beginn der Beobachtungen aufgebrochen. Experten vermuten nun, dass die Arktis deutlich schneller eisfrei werden dürfte als bisher angenommen. "Seit ich in den 1970er-Jahren angefangen habe, Meereis zu erforschen, sehe ich das zum ersten Mal", sagt Konrad Steffen, Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

    Auch die Satellitenbeobachtungen seit den 1970er-Jahren zeigen, dass das Meereis dort bisher stabil war. Doch dieses Jahr stiegen die Temperaturen in der Arktis zweimal auf ungewöhnliche Werte. Im Februar herrschten zeitweise plus fünf Grad Celsius, wo es sonst durchschnittlich minus 20 Grad hat. Auch im Juli war es ungewöhnlich warm.

    Die Wetterlage wurde durch einen Jetstream auf der Nordhalbkugel beeinflusst. Warme Luft wurde dadurch vom Atlantik nach Norden in die Arktis getragen. "Fast das gesamte Eis nördlich von Grönland ist zersplittert und aufgebrochen und deshalb sehr beweglich", sagte Ruth Mottram vom Dänischen Meteorologischen Institut Ende Juli dem "Guardian". Offenes Wasser vor der Nordküste Grönlands sei sehr ungewöhnlich. Weil es zudem mehr Sonnenenergie absorbiert als reflektierendes Eis, wärmt sich das Meer in dieser Region stärker auf. Das treibt das Schwinden der arktischen Eismassen weiter voran.

    foto: ap/david goldman
    Ein Symbol für den Klimawandel in der Arktis ist der Eisbär. Doch auch maritimes Leben ist zunehmend betroffen.

    Ölförderung

    Auch Pläne für Ölbohrungen in der Arktis sorgten in den vergangenen Jahren für Kritik vonseiten von Wissenschaftern und Umweltschützern. Das neue Moratorium könnte nun ein erster Schritt sein, um dem Meeresökosystem der Region rechtlichen Schutz zu bieten.

    Erst Anfang des Jahres hatte ein norwegisches Gericht die Klage von Umweltschützern gegen Ölbohrungen in den arktischen Gewässern der Barentssee zurückgewiesen. Die Richter in Oslo kamen zu dem Schluss, dass die vom Staat erteilten Genehmigungen zur Erdölsuche in der Region nicht gegen die Verfassung verstießen. Greenpeace zog daraufhin vor das Höchstgericht. (july, 4.10.2018)

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