Seehofer kämpft gegen seine Demontage

    3. Oktober 2018, 17:39
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    Die absehbare Niederlage bei der bayerischen Landtagswahl am 14. Oktober wollen viele in der CSU dem Parteivorsitzenden und Innenminister Horst Seehofer in die Schuhe schieben. Doch der will nicht der Sündenbock sein

    So muss es im Paradies zugehen. Einträchtig und eng sitzen die CSU-Granden nebeneinander auf der Kirchenbank, die Orgel spielt, es riecht nach Weihrauch. Keine Halluzination, sondern Wirklichkeit in der prächtigen Kirche in Rott am Inn. Dort hat sich am Mittwoch die CSU-Spitze versammelt, um anlässlich seines 30. Todestages ihres Übervaters Franz Josef Strauß zu gedenken.

    "Er war ein Jahrhundert-Bayer", sagt Horst Seehofer und würdigt den Verstorbenen auch als "Vater des modernen Bayern". Doch allzu lange schafft es der CSU-Chef nicht, in der glorreichen Vergangenheit zu schwelgen. "Was würde denn Strauß zu den schlechten Umfragewerten der CSU heute sagen?", wird er gefragt.

    Seehofer schweigt kurz und erwidert dann: "Angespannt wäre er." Kein Wunder. Am 14. Oktober wird in Bayern gewählt, und der CSU droht eine gewaltige Schlappe. Bei der Wahl 2013 hatte sie 47,7 Prozent und die absolute Mehrheit erreicht. Nun liegt sie in Umfragen bei 35 Prozent.

    Natürlich gibt die Partei vom Chef bis zum Ortsvereinsvorsitzenden Durchhalteparolen aus. Doch intern hat die Suche nach einem Schuldigen nicht nur begonnen, es wurde auch schon einer gefunden: Seehofer.

    Zu viele Solotouren

    Seine Rücktrittsdrohung samt Kehrtwende damals, als er die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze erzwingen wollte, und die versuchte Beförderung des ehemaligen Verfassungsschützers Hans-Georg Maaßen zum Staatssekretär werden genannt, wenn es um Seehofers Verfehlungen geht. Ebenso schlecht kommen seine Drohungen gegen Kanzlerin Angela Merkel an, die aber dann doch keine Konsequenzen haben. "Er hat es einfach übertrieben mit seinen Solotouren", sagt einer, der in Oberbayern seit 40 Jahren Kommunalpolitik macht.

    Der Erste, der sich aus der Deckung wagte, ist der frühere CSU-Chef Erwin Huber. Er bezeichnete das Erscheinungsbild der CSU auf Bundesebene als "miserabel". Ärger gab es auch bei der Vorstandssitzung am Montag in München. Seehofer verließ diese früher, um nach Berlin zum Dieselgipfel der großen Koalition zu fahren. "Ich bin fassungslos, dass 14 Tage vor der entscheidenden Wahl der Parteivorsitzende nicht bis zum Ende an der Sitzung teilnimmt", zürnte die einflussreiche Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU), und ihre Kritik fand schnell den Weg in die Medien.

    Auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist mittlerweile auf Distanz. Die "zentrale Frage" in den letzten Tagen vor der Wahl sei für ihn, "Bayern in den Fokus zu rücken und in Berlin nichts falsch zu machen". Schon vor zwei Wochen hatte Söder erklärt, die schlechten Umfragewerte seien überwiegend geprägt von "Berliner Entscheidungen".

    Doppelrolle für Söder

    In Rott bei der Strauß-Gedenkfeier sangen und beteten Söder und Seehofer zwar einträchtig das Vaterunser miteinander. Doch in München wird spekuliert, dass Söder Seehofer nach der Wahl loswerden und selbst den Parteivorsitz übernehmen wolle – nach dem Motto: Jetzt muss alle Kraft für Bayern in einer, also seiner Person konzentriert werden.

    Nicht absehbar ist allerdings, dass Seehofer von selbst zurücktreten wird. Ob er denn die Verantwortung übernehmen werde, wenn die Wahl für die CSU schlecht ausgehe, wird der 69-Jährige in Rott gefragt. Seine Antwort ist etwas kryptisch: "Ich habe auf der Herfahrt kein einziges Plakat von mir gesehen." Und man habe ohnehin Söder im März zum Ministerpräsidenten gemacht, "um die Chancen zu erhöhen".

    Es klingt, als habe der CSU-Chef mit der sich abzeichnenden Wahlniederlage überhaupt nichts zu tun. Kürzlich hat er sich über seine Rolle als Sündenbock auch beschwert: "Ich bin an allem schuld, jetzt auch an der Situation der SPD. Ich bin an dem schwedischen Wahlergebnis ursächlich, ich bin in Hessen (wo ebenfalls gewählt wird, Anm.) ursächlich, ich bin für alles ursächlich."

    In Rott nimmt es ein CSU-Mann mit Galgenhumor und sagt: "Ich habe beim Tod von Franz Josef Strauß geweint. Aber noch mehr Tränen werde ich über das Wahlergebnis der CSU vergießen." (Birgit Baumann, 3.10.2018)

    • In Rott am Inn, bei der Gedenkfeier für Franz Josef Strauß, saßen CSU-Chef Horst Seehofer (links) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der ersten Reihe nebeneinander. So friedlich geht es hinter den Kulissen nicht zu. Söder sieht Seehofers Auftreten in Berlin als Problem.
      foto: dpa / tobias hase

      In Rott am Inn, bei der Gedenkfeier für Franz Josef Strauß, saßen CSU-Chef Horst Seehofer (links) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der ersten Reihe nebeneinander. So friedlich geht es hinter den Kulissen nicht zu. Söder sieht Seehofers Auftreten in Berlin als Problem.

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