Versteckte Vorbehalte gegen Frauen an der Spitze

    8. Oktober 2018, 06:00
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    In einer Studie wurde die Einstellung der Bevölkerung zu Frauen in politischen Führungspositionen untersucht

    Die Ernennung von Pamela Rendi-Wagner zur Bundesparteiobfrau der SPÖ hat historischen Wert: Zum ersten Mal werden die Sozialdemokraten von einer Frau geführt. Doch wie denken die Österreicherinnen und Österreicher eigentlich über Frauen in politischen Spitzenpositionen? Wie wird das ungleiche Geschlechterverhältnis im österreichischen Parlament beurteilt? Diesen Fragen sind Forscher mithilfe einer repräsentativen Umfrage der Plattform für Umfragen, Methoden und empirische Analysen (Puma) nachgegangen. Die Ergebnisse liegen dem STANDARD vor.

    Dafür, dass aktuell nur 36 Prozent der österreichischen Parlamentarier weiblich sind, zeigen sich die Österreicherinnen und Österreicher gegenüber Frauen in der Politik recht aufgeschlossen: Für 84 Prozent der 625 Befragten macht es keinen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau an der Spitze Österreichs steht. Nur 16 Prozent sprechen sich klar für ein bestimmtes Geschlecht aus: Elf Prozent wollen dezidiert einen Mann in höchster Position sehen, lediglich fünf Prozent eine Frau.

    Fähigkeiten sollen über Mandat entscheiden

    Was die Geschlechterverteilung im Parlament angeht, sprechen sich nur 14 Prozent dafür aus, dass genauso viele Frauen wie Männer im Parlament vertreten sein sollten. Immerhin vier Prozent sind mit der jetzigen Unterrepräsentation von Frauen zufrieden: Den 36 Prozent weiblichen Parlamentarierinnen stehen 52 Prozent Frauen in der Wahlbevölkerung gegenüber. Die überwiegende Mehrheit, nämlich vier von fünf Österreicherinnen und Österreicher, ist der Ansicht, dass sich die Geschlechterverteilung im Parlament einzig nach den Fähigkeiten richten sollte.

    In der Praxis spielen freilich noch viele andere Faktoren als bloß die Qualifikation eine Rolle dabei, ob jemand einen Sitz im Parlament bekommt oder nicht. Der Erstautor der Studie, Julian Aichholzer vom Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien, gibt daher zu bedenken, dass sich bei manchen Personen hinter dem Argument, die Qualifikation allein solle entscheiden, sexistische Ansichten verbergen könnten. "Klarerweise ist das schwer zu erheben, wir wollen uns das künftig genauer ansehen", sagt Aichholzer.

    foto: apa/hans punz
    36 Prozent der Abgeordneten im Nationalrat sind aktuell Frauen. Demgegenüber stehen 52 Prozent Frauen in der österreichischen Wahlbevölkerung.

    Gleichberechtigung zu weit gegangen?

    In der Umfrage, die die Statistik Austria durchgeführt hat, wurden auch blanke sexistische Aussagen explizit abgefragt. Dabei zeigt sich, dass zehn Prozent der Meinung sind, die Gleichberechtigung von Frauen sei schon zu weit gegangen. 71 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu, 19 Prozent nur teilweise. Weiters vertreten 42 Prozent die Ansicht, dass das Familienleben leidet, wenn Frauen voll berufstätig sind. Demgegenüber sehen 36 Prozent das nicht so. Dennoch sind 64 Prozent dafür, dass die österreichische Politik die Gleichstellung von Männern und Frauen stärker vorantreiben sollte. 13 Prozent sehen keinen Bedarf dafür.

    Doch welche Argumente sprechen eigentlich dafür, die Geschlechterverteilung im Parlament jener in der Bevölkerung anzugleichen? "Das Hauptargument ist Fairness", sagt Aichholzer. "Es gibt eine historisch lange Unterrepräsentation von Frauen in Machtpositionen." Zudem wird angenommen, dass durch mehr Frauen im Parlament Interessen von Frauen besser vertreten und entsprechende Maßnahmen stärker gesetzt werden.

    Ausschlussmechanismen aufdecken

    Die nun veröffentlichte Studie zu Sexismus und politischer Repräsentation ist Teil des seit 2014 und bis Ende dieses Jahres laufenden Projekts Puma. Es handelt sich dabei um eine Kooperation von verschiedenen Forschungsinstitutionen mit der Statistik Austria. Ziel ist es, gesellschaftlichen Wandel in Österreich abzubilden. Beteiligt am Projekt sind die Universitäten Wien, Linz, Graz, Klagenfurt, Innsbruck und Salzburg sowie die Modul-Universität und die Akademie der Wissenschaften. Gefördert wird Puma vom Wissenschaftsministerium.

    Mit ihrer Studie wollen die Forscher eine Bestandsaufnahme der öffentlichen Meinung in Österreich bieten. "Man sollte sich bewusstmachen, dass es immer noch Vorbehalte gegen Frauen in der Politik gibt", lautet Aichholzers Conclusio. Auch wenn die überwiegende Mehrheit findet, Qualifikationen sollten entscheiden, ob jemand ein politisches Amt bekommt, müsse man sich die Frage stellen, welche Ausschlussmechanismen dazu führen, dass Frauen immer noch weniger stark vertreten sind. (Tanja Traxler, 8.10.2018)

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