Ein Hauch Gefahr darf sein: Wie Städte kinderfreundlich werden

    4. Oktober 2018, 09:48
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    Stadträume, in denen sich Kinder selbstständig bewegen können, werden immer kleiner. Doch das muss nicht so sein

    Der achtjährige George durfte 1919 in seiner Heimatstadt Sheffield rund zehn Kilometer allein zu Fuß zum Fischen gehen. Sein Sohn Jack ging 1950 im selben Alter noch eineinhalb Kilometer, um im Wald zu spielen. Bei dessen Tochter Vicky war der Aktionsradius 1979 noch ein knapper Kilometer bis zum Schwimmbad. Ihr Sohn darf heute nicht einmal mehr ganz 300 Meter bis zum Ende der Straße allein gehen.

    "Das ist kein guter Trend. Wir müssen den Kindern wieder etwas von ihrem alltäglichen Freiraum zurückgeben" – dafür plädierte der britische Wissenschafter Tim Gill auf der internationalen Child in the City World Conference, die Ende September in Wien stattfand.

    Der Aktionsradius von George und seinen Nachfahren, den der Autor des Blogs "Rethinking Childhood" präsentierte, visualisiert einen Trend: Der Spielraum von Kindern, in dem sie sich selbstständig frei bewegen können, wird immer kleiner. "Draußen spielen, ohne direkte elterliche Aufsicht und durchaus ein bisschen gefährlich – Kinder wollen Abenteuer, Entdecker sein", betonte Gill, der die sich verändernde Kindheit erforscht. Kinder seien glücklich, wenn es viel zu tun und zu erleben gibt und wenn sie sich möglichst frei bewegen dürfen.

    Kinder miteinbeziehen

    Vor diesem Hintergrund plädierte Gill dafür, dass Kinder Teil der modernen Stadtplanung sein sollten. Wie Städte darauf reagieren – wenn sie es überhaupt tun –, ist sehr individuell und unterschiedlich. Oslo hat etwa eine App entwickelt, über die Kinder beispielsweise schlecht einsehbare Stellen auf ihrem Schulweg melden können. Ein zu groß gewachsener Busch, der den Verkehr verdeckt, kann so innerhalb eines Tages beseitigt werden. Gemeinsam mit Kindern wurden auch neue Schulwege entwickelt.

    Paris reagiert auf die zunehmenden Hitzetage damit, dass aufgrund des Platzmangels Schulhöfe als "neue" öffentliche Plätze für die Allgemeinheit geöffnet werden. In Rotterdam, das einst als eine der kinderunfreundlichsten Städte der Niederlande galt, läuft seit zwölf Jahren ein kostenintensives Programm, das die Situation sukzessive verbessert. Barcelona hingegen arbeitet mit einem sogenannten Superblock-Modell, bei dem der Verkehr aus einem Wohngebiet herausgenommen wird, indem Gehwege Priorität bekommen.

    Aus Sicht der Kinder sind dabei immer Sicherheit und Bewegungsfreiheit, Platz für Treffpunkte mit Freunden und sichere Grünflächen wichtige Punkte. Wien gehört laut den Experten mit seinen über 1.700 Spielplätzen, fast 1.000 städtischen Parks und Stadtentwicklungsgebieten wie dem Sonnwendviertel, dem Nordbahnhofviertel und der Seestadt Aspern neben Recife, Tel Aviv und Tirana zu jenen Städten, die im internationalen Vergleich viel für Kinder tun.

    Gras als Lieblingsmaterial

    Wie Architekten und Stadtplaner von den Ideen und der Erlebniswelt der Kinder profitieren können, erzählten Sandra und Alessandro González Álvarez vom spanischen Architekturbüro Postarquitectos aus der Praxis. Mit dem Projekt The City of Tomorrow erreichen sie Kinder auf spielerische Weise. "Wenn wir Kinder zu Beginn bitten, ihre Stadt zu zeichnen, zeichnen sie Häuserblöcke und Autos. Am Ende unserer Projekte sieht das ganz anders aus, mit viel Grün, Blau und voller Menschen", so Alessandro González Álvarez.

    Die Architekten lassen die Kinder mit Ballonen, bunten Seilen, Kartons und verschiedenen Materialen arbeiten, um ihre Traumstadt zu kreieren. "Gras mögen sie immer am liebsten", so die Spanier, deren Workshop-Ergebnisse dann von den jeweiligen Kommunen dazu genutzt werden, um eine Debatte über kinderfreundliche Stadtplanung und die dazu passende Budgetplanung in Gang zu bringen.

    Versteckt und doch zentral

    Ein anderes Beispiel, wie so ein pädagogisches Spiel mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Stadtplanung dazu eingesetzt werden kann, lokale Entscheidungsträger strategisch mit konstruktiven Ideen zu versorgen, präsentierte Anna Szilágyi-Nagy, die im Rathaus der 15.000-Einwohner-Stadt Törökbálint nahe Budapest und gleichzeitig im Rahmen einer NGO mit jungen Menschen arbeitet. Die Kleinstadt punktet mit ihrer grünen Umgebung und wird bei jungen Familien, die von der Hauptstadt in eine ländlicher Gegend ziehen wollen, immer beliebter. Gleichzeitig wandert aber die lokale Jugend in die größeren Städte ab. Die Strategie: die Innenstadt zu rehabilitieren und das Konzept der öffentlichen Plätze zu überdenken.

    Auch Anna Szilágyi-Nagy hat die Erfahrung gemacht, dass sich junge Menschen gerne an zwar öffentlich zugänglichen, aber zugleich versteckten Plätzen aufhalten – im Falle der ungarischen Kleinstadt gehört da ein aufgelassener Friedhof in Zentrumsnähe dazu. Das dialogbasierte Spiel in Törökbálint hat jedenfalls funktioniert: "Das Beste war, dass der Bürgermeister teilnahm und zugehört hat", so Szilágyi-Nagy.

    Warum Entscheidungsträger an einer kinderfreundlichen Infrastruktur interessiert sein sollten, sprach auch Tim Gill an: Neben Kinderrechten und Nachhaltigkeit würden auch die Wirtschaft und die Demografie davon profitierten. Nicht zuletzt sind im urbanen Raum die Kinder die Stadtbewohner der Zukunft – mit der Aussicht, dass es die nächste Generation wieder auf mehr als 300 Meter Bewegungsfreiheit bringen wird. (Marietta Adenberger, 4.10.2018)

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