Warum Rom mit dem Bus nach Triest fährt

    13. Oktober 2018, 17:00
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    Das Auto einfach stehen lassen und mit dem Bus nach Italien? Doch, das geht. Ziemlich gut sogar. Es gibt sicher romantischere Reisearten, aber kaum ehrlichere

    Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich mich freiwillig für acht Stunden in einen Bus setzen werde statt mit dem Auto nach Triest zu fahren, ich hätte laut gelacht. Und ich hätte jene Wischgeste vor der Stirn gezeigt, die man sonst gelegentlich hinter dem Lenkrad macht, wenn wieder einmal alle anderen nicht Autofahren können. Jetzt ist es aber halt doch passiert. Und ich bin zudem Wiederholungstäterin.

    Zugegeben, Zugfahren wäre die elegantere Reisevariante: keine Straße, kein Verkehr, an einem vorbeirauschende Landschaften und Städte, mehr Platz für die Beine, man kann aufstehen und im Notfall gibt es einen Speisewagen. Außerdem umweht Bahnhöfe oft der erhabene Flair vergangener Tage und der Hauch letzter Luftzüge von zum Abschied gewachelter Taschentücher am Bahnsteig. Und eine ganz große Portion Verklärung. Bevor der Mitreisende seine Speckjause mit Knoblauch und Bier auspackt. Kann einem im Bus auch passieren. Geschenkt. Die Idee Zugfahren verheißt dennoch meistens mehr als die Wirklichkeit hergibt, muss man jetzt auch einmal sagen.

    foto: daniela rom
    Stillleben mit Gepäck und Mistkübel.

    Sitzen und warten

    Schon Busbahnhöfe sind hingegen die ehrlicheren Orte. Diese abgehalfterten Cousins von Bahnhöfen. Unscheinbar, oft finster und schmuddelig, mit einem Hauch von kaltem Rauch und Kaffee aus Plastikbechern. Sie gaukeln einem nicht vor, dass ab jetzt alles nobel und so antiquiert schön sein wird wie im Orient Express. Am Busbahnhof weiß ich, was kommt: Der Bus. Nicht mehr. Aber halt auch nicht weniger. Der Bus, der mich an einen anderen Ort bringt. Der Bus, in dem es eher eng wird beim Sitzen, und hoffentlich niemand das Klo versaut. Der Bus, in dem ich selber nichts tun muss, als drin sitzen und warten, bis ich endlich da bin.

    Busfahrfans gelten zumindest als suspekt. Viele erinnern sich an die Fahrten in den Skikurs oder die Kaffeefahrt mit Oma und Opa. Oder an die Maturareise, weil der Flug zu teuer war. Bus fahren nur diejenigen, die sich das vermeintlich bessere Urlauben nicht leisten können oder sich vor dem Fliegen fürchten, so die gängigen Vorurteile. Erst vor wenigen Jahren erlebte das Busfahren wieder eine Renaissance. Den Coolste-Urlaubreise-Ever-Stempel kriegt es zwar immer noch nicht, aber ein recht ansehnliches Preis-Leistungs-Verhältnis lässt sich nun mal nicht wegleugnen.

    foto: daniela rom
    Fischerdorfidylle in der 200.000 Einwohner-Stadt Triest.

    Ein Schnoferl ziehen

    Doch da kommt noch etwas dazu: Was mir nämlich schon seit einigen Jahren die Sommerurlaube an der Adria verleidet hat, war das Autofahren. Runterfahren – kein Problem. Die Vorfreude ist groß, die Reisetruppe ausgelassen, das Auto angeräumt mit Zeug, das man braucht oder auch nicht. Alles egal, weil alles kann mitfahren. Keinen einzigen Gedanken verschwendete ich darauf, dass es auch irgendwann wieder zurück geht. Und da ist es dann nicht nur das Schnoferl, das man beim letzten Blick auf "den großen blauen Bruder" zieht, während im Auto "Gente di mare" läuft.

    Irgendwie schaffen es immer alle gleichzeitig heimzufahren. Ich übrigens auch. Zum Beispiel vor wenigen Jahren in Istrien. Rovinj war nur eine lächerliche halbe Stunde hinter uns. Dann standen wir lächerliche zwei Stunden an der Grenze zu Slowenien. Danke, EU. Und weil nämlich alle ohnehin schon eher aggro aus dem Urlaubsdomizil aufbrechen, wird es stressmäßig für die Fahrerin nicht lustiger, wenn man weiter in den Norden fährt, Hupen, Reinschneiden beim Überholen und den Vogel zeigen. Stau. All inclusive. Danke für gar nichts.

    foto: daniela rom
    Ciao, mare. Die schmutzigen Busscheiben sorgen für die angemessen nostalgische Stimmung am Heimweg nach Wien.

    Jetzt liegt es in der Natur der Sache, dass auch der Bus nicht vor dem Stau gefeit ist. Aber da kann ich dann einfach mein 23. Jausenbrot verspeisen und darauf hoffen, dass es bald weitergeht. Die Busliebe zeichnet sich nämlich nicht durch unbeherrschte, wilde Leidenschaft aus. Sie ist abgeklärt, ruhig und besonnen. Ja, die Reiseziele sind eingeschränkter – im Sommer ist mir das aber auch wirklich egal. Weil man ist sowieso selber schuld, wenn man in der Hochsaison auf Urlaub fällt, da hab ich kein Mitleid mit mir.

    Das Auto ist auch nicht besser

    Ja, ich kann nicht alles alles alles alles einpacken, was ich möchte. Aber wie viele von den zehn Sandalen kann ich sinnvollerweise wirklich anziehen? Und reicht ein Wassertier nicht auch aus? Mineralwasser kann man erstaunlicherweise auch in Triest kaufen. Ja, das Platzangebot im Bus ist nicht sehr großzügig, aber im Auto ist es auch nicht viel gemütlicher. Ja, man braucht ein bisschen länger, aber ich muss mich dabei nicht auf den Verkehr konzentrieren. Ja, Mitreisende im Bus telefonieren gerne sehr laut oder rascheln drei Stunden lang mit ihren Alufolienbroten herum. Aber wenn genug Platz ist, setze ich mich einfach um und die Kopfhörer auf, schließe die Augen und freu mich auf den ersten Espresso am Meer. (Daniela Rom, 13.10.2018)

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