Phaeton oder der Sturz des Sonnenwagens

Kolumne3. Oktober 2018, 06:51
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Der vor zehn Jahren verunglückte Jörg Haider war die Provinzausgabe eines griechischen Götterjünglings

Am 10. Oktober 2008 wurde wieder der Kärntner Landesfeiertag begangen. Volksabstimmung und Abwehrkampf von 1920 und so. Landeshauptmann Jörg Haider hält die üblichen patriotischen Reden, feiert mit den üblichen Blasmusikkapellen und Goldhaubenvereinen.

Am Abend steigt er aufs Gas. Er wird gegen Mitternacht in Klagenfurts Schwulenbar "Stadtkrämer" im Gespräch mit einem jungen Mann gesehen. Eine Flasche Wodka war auch dabei. Gäste bieten dem (ungewöhnlich) angetrunkenen Haider an, ihn nach Hause zu fahren. Er lehnt ab, setzt sich in seinen Luxuswagen Marke Phaeton, rast in die Dunkelheit und überschlägt sich bei der Ortschaft Lambichl mit weit überhöhter Geschwindigkeit. Die Obduktion ergibt 1,8 Promille.

Phaeton ("der Strahlende") war in der griechischen Mythologie der Sohn des Sonnengottes Helios. Er stiehlt den Sonnenwagen seines Vaters, verliert die Kontrolle und verbrennt Teile der Erde, ehe ihn Zeus mit einem Blitz vom Himmel schleudert.

Jörg Haider war die österreichische Provinzausgabe eines griechischen Götterjünglings. Ungewöhnlich begabt, ungewöhnlich gutaussehend, ungewöhnlich ehrgeizig, gottgleich angebetet von vielen. Aber getrieben von einer Mischung aus Selbstüberschätzung (altgriechisch: "hybris") und Selbstzerstörung ("autokatastrophe").

Als politischer Superstar ist Jörg Haider gescheitert, vor allem an sich selbst. Aber der giftig schillernde, für viele attraktive Politikstil, den er eingeführt hat, ist heute an der Macht. Er war der erste extrem rechte Populist.

Haiders Kernprogramm

Haiders einstige Kumpane sitzen teils schon im Gefängnis, teils stehen sie vor Gericht. Aber jene, denen – wie H.-C. Strache – sein Abenteurertum zu steil wurde, haben Haiders Kernprogramm bewahrt und zur Regierungspolitik ausgebaut: Fremdenhass, autoritäre Sehnsüchte, halbverdeckter Rückgriff auf das NS-Erbe. In der brillanten Formulierung von Christa Zöchling vom "Profil": "Die FPÖ ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und die Mitte ist rechts."

Haider erzielte seine ersten Erfolge gegen das rot-schwarze "System". Was die änderungswilligen Österreicher teils nicht begriffen, teils guthießen, war die Tatsache, dass diese Alternative deutliche NS-Züge trug: "ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich", "anständige SS" usw., das war Haiders Prägung aus einem Elternhaus von glühenden Nazis.

Man nahm es ihm nicht dauerhaft übel. Er hätte Kanzler werden können. Der alte Pate eines rechten Österreich, Hans Dichand von der "Krone", riet ihm dringend davon ab, in eine Koalition mit Wolfgang Schüssel zu gehen: "Warten Sie noch eine Wahl ab, dann sind Sie Kanzler." Aber Haider hatte zwar einen Plan für eine autoritäre, illiberale Demokratie (in Buchform: "Dritte Republik"), aber er fürchtete letztlich die Verantwortung. Mit 58, als langsam alternder Jüngling, blieb ihm als Perspektive der ewige Brauchtumspfleger in der Kärntner Provinz. Im Übrigen fiel sein Tod genau in jene Tage, als Insidern klar wurde, dass ein europäischer Bankenkrach auch die Kärntner Hypo mitreißen würde.

Jörg Haider hat Vorarbeit geleistet für den Rechtsruck in Österreich (und Europa). Seine Epigonen sind zugleich langweiliger und gefährlicher als er. (Hans Rauscher, 2.10.2018)

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Zum Thema:

Gedenkgottesdienst für Haider im Klagenfurter Dom

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