Ziemlich durchschnittlich: Fünf Stunden Sport pro Woche

Blog3. Oktober 2018, 07:03
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Angeblich trainiert der Durchschnittsösterreicher fünf Stunden pro Woche. Bei mir entspricht das dem Trainingsvolumen vor einem Marathon

foto: thomas rottenberg

Fünf Stunden also. Ich staunte. Aber: Fünf Stunden hatte der Mann vorne gerade gesagt, sei der Durchschnitt. So viel Zeit, sagte der Mann vom Marktforschungsinstitut, verbringt der Durchschnittsösterreicher mit Sport. Pro Woche. So, blätterte ich in den Presseunterlagen nach, während meine Trainingsapp hochfuhr, stand es hier. Schwarz auf Weiß: "Durchschnittlich sportelt der Österreicher fünf Stunden pro Woche." Wortspender in der Presseunterlage war nicht der Redner vorne, sondern der Mann neben ihm. Der Österreich-Chef der Intersport-Gruppe: der Auftraggeber der Studie, die der Mann vom Meinungsforschungsinstitut gerade präsentierte.

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foto: thomas rottenberg

Es war vergangenen Donnerstag, in einem schicken Turnsaal in Bobostan. Rund um mich lauschten Journalistenkollegen andächtig: Die Sporthändler präsentierten ihren "Sportbericht" – und nach den fünf Stunden, die Herr und Frau Österreicher durchschnittlich wöchentlich aktiv sind, kamen weitere Knaller: "Zwei Drittel der Österreicher sind sportbegeistert." Dann wurde ergänzt, dass 63,5 % der Österreicher zumindest einmal pro Woche Sport betreiben. Indikativ. Weil: Studie. Also wissenschaftlich.

Ich sah mich um: Die Kolleginnen und Kollegen nickten. Nur die Fitnessredakteurin einer großen Frauenzeitschrift wirkte irritiert und sah fragend zu mir. Hinten, im Eck, saß Peter Kleinmann. Er schüttelte den Kopf. Ich war beruhigt: Dem Ex-Volleyballverbandspräsidenten kam das Gehörte wohl auch seltsam vor.

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Mittlerweile war meine Trainingsapp hochgefahren: Fünf Stunden waren die Vorlage. Ich würde jetzt gleich wissen, wie durchschnittlich ich bin. Nicht was Leistung und Performance angeht (da bin ich höchstens in meiner Altersklasse mittelmäßig, das weiß ich eh), sondern bei den Umfängen: Ich bin ein Bewegungsjunkie und momentan in der Schlussphase des Trainings für einen Marathon. Den werde ich nicht schnell, sondern als Begleiter meiner Freundin laufen. Dementsprechend locker war ich das Training in den letzten Wochen angegangen: viel Grundlage, wenig Tempoarbeit.

Aber mehr als fünf Stunden. Ich überschlug rasch im Kopf: Wenn 63,5 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal pro Woche Sport machen (laut Studie 35 Prozent "mehrmals pro Woche" und 10,4 "täglich") müssten meine hier dokumentierten acht Stunden etwa dem entsprechen, was ein durchschnittlicher Hobbysportler pro Woche abliefern muss – sonst kommt man mit den weniger aktiven 36 Prozent nämlich nie und nimmer auf den nationalen Durchschnittswert. Oder?

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Lassen Sie mich also heute hier die Norm-Sportwoche eines durchschnittlich aktiven Österreichers runterdeklinieren. Genauer: die von zwei Durchschnitts-Hobbetten. Schließlich habe ich diese Woche fast alle Laufeinheiten mit meiner Freundin abgespult: Kommenden Sonntag starten wir – hoffentlich – gemeinsam in Chicago. (Anmerkung: Meine Teilnahme ist eine Pressereise, zu der mich Andreas Perers Runners Unlimited mitnimmt. Eva fährt als zahlende Teilnehmerin mit.)

Es wird Evas erstes Antreten über die Marathondistanz. Angesichts der schweren Sommermigräneattacken, die sie teils wochenlang umgenietet hatten, und ein paar anderer nicht dem Laufen geschuldeter Stress- und Pechfaktoren geht es nicht um Best- oder andere Zeiten. Allein schon, dass Eva eine Woche vor unserem Testlauf in der Wachau beschlossen hat, es in Chicago doch zu versuchen, ist gewaltig: Ich hätte diesen Biss nicht. Und wir wissen beide, dass es keine Schande und kein Versagen wäre, nicht durchzukommen. Oder doch nicht zu starten.

Fein wäre es aber schon. Eh klar.

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Vergangenen Sonntag war Evas Testlauf: Halbdistanz in der Wachau. Die Geschichte stand letzte Woche hier. Weit wichtiger als die Zeit war, was der Lauf emotional und mental bedeutete.

Für Eva waren Montag und Dienstag Ruhetage – wobei das eh nicht stimmt: Eva ist Yogalehrerin. Fulltime und profund – nicht aus dem Zeitgeist-Schnellsiede-Nebenbei-Yogalehrerausbildungs-Topf. Also mehrere Stunden Bewegung täglich. Aber im Gegensatz zu den Yogins und Yogis in der Klasse ist für Lehrer die Stunde kein ruhiges Fließen: Wer richtige Atmung ansagt, kann dabei selbst unmöglich korrekt atmen. Und während die Klasse sanft von einer Position in die nächste gleitet, muss die Lehrerin meist schnell und hart in die Asanas rein und wieder raus, um die Klasse im Blick zu haben und zu "adjusten". Und: Yogastunden liegen meist am Tagesrand. Superfrühes Aufstehen und superspätes Heimkommen garantiert.

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Für mich stand am Dienstag Charitylaufen auf dem Plan: Beim Vienna Nightrun für die Blindenhilfe-NGO "Licht für die Welt" eine Ringrunde zu drehen gehört mit zu den Fixterminen meines Laufjahrs. Auch, weil ich hier jedes Jahr Leute wie Andreas Onea treffe: Der einarmige Schwimmer und TV-Moderator ist einer der fröhlichsten Menschen, die ich kenne. Er müsste gar kein Spitzensportler sein: Allein seine positive Grundeinstellung macht ihn zu einem Vorbild.

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Die fünf Kilometer rund um den Ring sind nicht wild. Doch auch wenn die Wachau kein harter Halbmarathon war, sind 21 Kilometer in den Beinen 21 Kilometer. Um meinen Füßen etwas Gutes zu tun, hatte ich das Gegenteil von schnellen Schuhen an – und wie jedes Jahr nicht bedacht, dass es beim Laufen in einem gelben Baumwollshirt sehr rasch sehr warm wird. Dafür waren meine offiziellen 20’22" (und der 750.-oder-so-ähnlich-Platz) eh super.

Wobei der Start für die NGO im ersten Block ganz vorne einen enormen Vorteil hatte: Beim Nightrun rennen gut 20.000 Leute. Wer da nicht vorne steht und rasch wegkommt, rennt Slalom. Und zwar die gesamte Runde durch.

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Am Mittwoch hatte ich eigentlich nur Schwimmen auf dem Trainingsplan. Aber weil Eva nicht alleine ihren lockeren Grundlagenlauf runterspulen wollte und das Wetter fein war, begleitete ich sie.

Wir trabten am Donauufer. Wegen der Sonne, aber auch wegen des Windes: Chicago kann biestig sein, wenn der Wind aus der falschen Richtung kommt. Da ein bisserl zu üben, wie es sich anfühlt, gegen ihn anzurennen, schadet nicht. Und wenn es beim Radfahren heißt: "Der Wind ist dein Freund, er macht dich stark", ist das beim Laufen auch nicht falsch.

Trotzdem müsste ich diese Stunde im Grunde aus der Statistik streichen: Sie war ja nicht Teil des Trainingsplans.

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Donnerstag spannte ich dann das Rad zum ersten Mal in die Walze. Und auch wenn es am Freitag schön war, kofferten wir – so wie am Mittwoch – nicht im Freiwasser herum, sondern quälten uns mit Technik- und Wasserlagetraining. Obwohl weit weniger in Bewegung als sonst, fühlte es sich viermal so lange an. Trotzdem: Da nur die offiziell gemessene Zeit am Tracker gilt, hielt ich Freitagnachmittag bei zwei Stunden und 40 Minuten. Am fünften Tag der Woche war ich also erst auf 50 Prozent der nationalen Pro-Kopf-Durchschnittssportzeit.

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Dafür war am Samstag ein Tempowechsellauf angesagt. Eigentlich sollte ich an und in meinen Bereichen arbeiten, aber weil es gemeinsam viel netter ist, liefen Eva und ich nicht nur die gemütlichen Teile zusammen, sondern auch die knackigen. Und auch wenn Eva anfangs sagte, dass sie die Belastung der Wachau noch in den Beinen spüre, gab sie richtig Gas: Dass sie den letzten schnellen Kilometer unter 5:00 gelaufen war, glaubte sie mir erst, als sie es nach dem Lauf auch auf ihrer Uhr sah.

Drei Stunden und 40 Minuten auf dem Wochentacho: Das könnte sich ausgehen.

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Sonntagvormittag. Ich gehe mit in Evas Yogastunde und spüre, wie gut es Muskeln und Kopf tut, mich selbst 90 Minuten auf der Matte zu vergessen.

Danach bin ich relaxt – und Eva ist geschafft: 25 Yogis waren da. Das ist Arbeit. Körperliche Arbeit. Schön – aber auch anstrengend. Jedoch: Zählt Yoga eigentlich in meiner Aktivstatistik als Sport? Dann hätte ich nämlich jetzt die fünf Stunden beinand'.

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Trotzdem: Am Plan steht jetzt der wöchentliche Longjog. Der letzte vor Chicago. Zweieinhalb Stunden. Eva meint, dass sie die Tempoeinheiten von gestern jetzt doch spürt.

Aber genau das ist hier und heute der Punkt: dem Körper zeigen, dass er trotz Müdigkeit und Vorbelastung kann. Nicht schnell. Nicht wild. Nicht abrupt – aber doch dauerhaft und kontinuierlich.

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Eva macht das Tempo, ich den Weg: Der Wind kommt aus Südost und hat aufgefrischt. Im Schatten ist es zapfig, in der Sonne warm. Als ich mit "der Wind ist dein Freund" beginne, droht mir meine sonst durch und durch pazifistische Freundin rohe Gewalt an. Einzig das Versprechen, bei der Pagode vorbeizulaufen, rettet mich. "Da waren wir ewig nimmer." Von dort aber runter bis zum Kraftwerk voll im Wind zu stehen löscht meine soeben erworbenen Karmapunkte: "Das ist nicht einmal mittelleiwand." – "Aber wichtig: Der Wind …" – "Hör sofort auf!"

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Ab der Hälfte – also der Kraftwerksmauer – war Schluss mit Gegenwind. Die Sonne blieb uns noch ein bisserl erhalten, obwohl wir erst spät am Nachmittag losgerannt waren. Das Licht der tief stehenden Sonne und die vom Wind an ihren Kämmen sogar ein bisserl Gischt ausspuckenden Wellen ergaben eine Kombi, die man bei uns nicht allzu oft zu sehen bekommt. Aber im Schatten gegen den Wind war es jetzt richtig huschi.

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Lange, gemütliche Läufe sind nicht nur für Kopf & Kondi gut. Man kann auch hervorragend Material testen. Erst recht, wenn man sich Bedingungen sucht, die dem ähneln, was kommt: Ärmlinge mögen seltsam aussehen, sind aber bei wechselnden Wind- und damit Temperaturverhältnissen super. (Handschuhe auch:) Über Arme und Hände kann man den Temperaturhaushalt oft besser steuern als über ein zweites Shirt.

Hosen? In der Regel friert man an den Beinen spät. Im Wind die Knie warm zu halten, taugt vielen Leuten. Ich bevorzuge bis etwa 7° C dennoch klassisch kurze Hosen.

Mein Shirt war eine Überraschung: Es ist kein typisches Funktionsshirt, sondern ein Merino-Ding, das mir ein Freund, der für Icebreaker die PR macht, schickte: "Kein Plastik, trocknet superschnell – und auch wenn es warm wird, funktional: das ist keine Skiunterwäsche." Ich staunte. Nach Chicago werde ich dazu mehr erzählen – vor allem, weil der Komplex "Nachhaltigkeit, Funktion & Plastik" immer wichtiger wird.

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Last but not least: die Schuhe. Die in Zell ansässigen Österreich-Vertreter des – zufällig ebenfalls schwedischen – Labels Salming hatten Eva und mich im Sommer, als wir uns beim Ironman in Klagenfurt über den Weg gelaufen waren, gefragt, ob wir ihre Straßenlaufschuhe nicht in Chicago tragen wollten. Hierzulande kennen sogar versierte Läuferinnen und Läufer die Marke oft gar nicht ("Ist das eine Submarke von Salomon?"). In Wien testen ein paar Shops (etwa RunInc) gerade die Marke. Ziemlich sicher zu finden sind die Schwedenschlapfen aber im Traildog-Running-Laden.

Normalerweise würde man eine Langstrecken-Novizin für ihren ersten (und bewusst langsam geplanten) Marathon nicht in einen reduzierten, wenig gedämpften Schuh wie den Speed 6 stellen. Aber Ed sah Eva beim Laufen zu, erkannte, dass sie sauber unterwegs ist – und entschied: "Bei deinem Fliegengewicht geht das."

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Bisher – in der Wachau und bei ein paar Probeläufen – ging es wirklich. Was genau die Salmings (wir laufen beide den Speed 6, ich auch den Enroute) können, kommt – ebenfalls nach Chicago – in einem ausführlichen Schuhtest. Da werden dann auch neue Modelle anderer Marken vorkommen.

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Aber immer schön der Reihe nach: Jetzt geht es einmal nach Chicago. Dort schauen wir, wie es Eva (und natürlich auch mir) geht: Eines der wichtigen Dinge beim Planen einer Langstrecke ist, eine Exit-Strategie zu haben. Sich im Klaren zu sein, dass man sich so gut wie möglich vorbereiten kann, aber sehr rasch etwas dazwischenkommen kann und es nicht leicht ist, dann einen klaren Kopf zu behalten: Ein DNS oder DNF ("did not start" oder "did not finish") braucht mitunter viel mehr Kraft, weil das Match "Vernunft & Gesundheit gegen Ehrgeiz & Spaß" eine ziemlich unfaire Partie ist.

Ach ja, bevor ich es vergesse: Die fünf Stunden, also den angeblichen österreichischen wöchentlichen Sportdurchschnittswert, habe ich mit dem Longjog doch noch geschafft.

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Aber falls Sie es nicht ohnehin geahnt haben: Irgendwas an der Studie hakt. Peter Kleinmann riet mir nach der Präsentation, die Studienseiten der BSO, der Bundessportorganisation, anzusehen: Nicht einmal die Hälfte der Österreicher erreicht demzufolge die von der WHO empfohlene Mindestbewegungsdauer ("lockere Bewegung", ausdrücklich: "locker") von 150 Minuten wöchentlich.

Bei der Präsentation hatte der Studienautor dafür auf Nachfrage eine Erklärung: "Vielleicht rechnen die Leute den Weg zum Training und das Plaudern an der Rezeption vom Fitnessstudio mit ein." (Thomas Rottenberg, 3.10.2018)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die erwähnten Schuhe von Salming und Salomon sowie das Icebreaker-Shirt wurden von den Herstellern zur Verfügung gestellt. Meine Reise und Teilnahme zum/beim Marathon von Chicago ist eine Einladung von Runners Unlimited. Evas Reise und Teilnahme sind regulär bezahlt.

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