Literaturnobelpreis: Jean-Claude Arnault wegen Vergewaltigung verurteilt

    1. Oktober 2018, 18:34
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    Der Mann im Zentrum des Stockholmer Jurorenskandals muss zwei Jahre in Haft. Doch das ist nur eines der Probleme, die die Auszeichnung hat

    Jean-Claude Arnault ist kein Mann, mit dem man als Frau gern im Lift steckenbleiben oder in einer WG wohnen möchte. Seit den späten 1990er-Jahren gab es in Schweden wiederholt Gerüchte und Vorwürfe von Vergewaltigung und Missbrauch gegen den 1946 geborenen, aus Frankreich gebürtigen Fotografen, Kulturpartylöwen und Ehemann der Nobelpreis-Jurorin Katarina Frostenson. Einige der Übergriffe, so viel wurde ruchbar, sollen in Stockholm und Paris in Appartements der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt (und deren Mitglied Frostenson ist), stattgefunden haben.

    Trotzdem passierte lange nichts. Auch nicht, nachdem das schwedische Königshaus im Vorfeld eines Banketts im Jahr 2006 explizit darauf hinwies, es sei darauf zu achten, dass Prinzessin Victoria sich zu keinem Zeitpunkt allein mit Arnault in einem Zimmer aufhalte. Erst als im vergangenen Jahr im Zuge der #MeToo-Debatte 18 Frauen in einer schwedischen Tageszeitung schwere Vorwürfe gegen Arnault erhoben, kam es zu einem Skandal, der auch die Akademie in einen dunklen Strudel zog. Es kam zu freiwilligen oder erzwungenen Rücktritten aus der Akademie sowie einer Aussetzung des Literaturnobelpreises im Jahr 2018 – und zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Arnault.

    Er also auch

    Der Schaden, den das Image des Literaturnobelpreises damit nahm, war gewaltig. Seit gestern ist er um einiges größer. Denn zeitgleich mit der Bekanntgabe des Medizinnobelpreises verlautbarte ein Gericht in Stockholm, Arnault werde wegen Vergewaltigung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

    Sollte es stimmen, dass jede Zukunft eine lange Vergangenheit hat, sieht es für den Literaturnobelpreis nicht rosig aus. Dies nicht nur, weil es der schwedische König als Chef der Akademie verabsäumte, den Laden neu zu besetzen, zumal in der verbliebenen, nicht mehr beschlussfähigen Rumpfjury vorwiegend Mitglieder der Pro-Arnault-Fraktion sitzen. Sondern auch, weil es einem die Herrschaften von der Schwedischen Akademie ohnehin nie leicht gemacht haben, die begehrteste Poetenprämie der Welt wirklich zu mögen.

    Männerfreundliche Entscheidungen

    Unter anderem durch ihre zuweilen seltsamen eurozentristischen, männerfreundlichen Entscheidungen. So war etwa der irgendwann auf die eigene Nichtberücksichtigung empfindlich reagierende Schriftstellergigant Jorge Luis Borges der Akademie vor, sie würde ihre Kandidaten zusammenklauben, indem sie Antiquariate in "Tasmanien, Libanon und Bern" durchwühle. Erschwerend kommt hinzu, dass die Richter im Dichterwettbewerb – wie auch der Fall Arnault und die zugehörigen Machtstrukturen zeigen – gern ein elitär-patriarchales Gehabe sowie ein ausgeprägtes Clandenken an den Tag legen.

    foto: apa/afp/jonathan nackstrand
    Jean-Claude Arnault vor Gericht in Stockholm.

    Was mit Realitätsverlust und auch damit zu tun haben mag, dass die erlauchte Gruppe der (ehemals) 18 auf Lebenszeit gewählten Akademiemitglieder durchaus über einige Privilegien verfügt. Man hat ein eigenes Restaurant, schöne Wohnungen und Büros, und nicht zuletzt ist es finanziell durchaus lukrativ, in der Akademie zu sitzen, die seinerzeit von König Gustav III. (1746–1792) gegründet wurde. Die Honorare werden nicht publik gemacht, gut informierte schwedische Medienkreise gehen aber von circa 44.000 Euro pro Jahr aus.

    Vorschläge von Spezialisten

    Nach außen hin unterscheidet sich die Kür der Preisträger in der Literatur im Prozedere übrigens nicht von der in den naturwissenschaftlichen Bereichen. Auch dort werden zunächst bekannte Spezialisten und ehemalige Preisträger eingeladen, Vorschläge zu machen, die dann von der Jury geprüft werden. Das Problem ist nur, dass ästhetische Urteile im Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht beweisbar sind – auch nicht über die Größten. Fehlurteile sind unvermeidlich, zumal die Notierungen an der Börse des Geschmacks im Fall des Nobelpreises auch von Geschlecht und Herkunft der Autoren sowie der Übersetzung ihrer Werke ins Englische beeinflusst zu sein scheinen.

    Kein Vertrauen ins Publikum

    Was bleibt? Zunächst ein leeres Podest bei der heurigen "Weltmeisterschaft im Schreiben" (Martin Walser) – und der Alternative Nobelpreis. Letzteren haben mehr als hundert Autoren und Kulturschaffende heuer ins Leben gerufen. Zugelassen sind weltweit Kandidaten, die mindestens zwei Bücher vorgelegt haben, eines davon muss in den letzten zehn Jahren erschienen sein.

    Vorgeschlagen wurden sie von allen schwedischen Bibliotheken, die jeweils zwei AutorInnen nominieren konnten. Anschließend war das Publikum am Wort, das online aus der recht umfangreichen Liste für seinen Favoriten voten durfte. Aus den vier Autoren mit den meisten Stimmen wird eine Jury – offenbar vertraut man dem Publikumsgeschmack trotz Crowdfinanzierung dann doch nicht ganz – den Sieger küren, den man am 12. Oktober bekanntgibt.

    Das "Ausgezeichnetste in idealischer Richtung"

    Während der Nobelpreis laut dem Testament Nobels "das Ausgezeichnetste in idealischer Richtung" auszeichnen soll (und welches Werk, das seinen Namen verdient, wäre nicht idealisch), sucht die alternative Preisvariante nach einem Autor, der die "Geschichte der Menschen in der Welt" erzählt. Klingt auch nicht besser.

    Auf der Shortlist stehen nun jedenfalls die Autorin Maryse Condé, die als eine der bedeutendsten Autorinnen der Karibik gilt, die in Saigon geborene, in Kanada aufgewachsene Kim Thúy sowie der Fantasy-Autor Neil Gaiman und der notorisch als Nobelpreiskandidat gehandelte Haruki Murakami. Der Japaner hat sich dankend von der Shortlist streichen lassen, er fühle sich zwar geehrt, möchte sich aber lieber seiner Schreibe widmen. Aus dem Rennen um den "richtigen" Preis, der 2019, so Gott und König wollen, zweimal vergeben wird, wollte er sich offenbar doch nicht nehmen. Die Hoffnung stirbt eben doch zuletzt. (Stefan Gmünder, 2.10.2018)

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    Wem die STANDARD-Kulturredaktion den Nobelpreis verleihen würde

    Wladimir Sorokin, der Erfinder

    foto: dpa

    Der Moskauer Wladimir Sorokin (63) ist Postmodernist. Er hat in dicken Romanen dem Erzählrealismus von Turgenjew und Co die Betulichkeit ausgetrieben. Er hat Putin-Russland in eine esoterische Zukunft gebeamt. Die Exemplare neugezüchteter Pferderassen sind in seinen Büchern höher als zweistöckige Häuser. Als verkappter Idealist verblüfft Sorokin regelmäßig mit anarchischer Fantasie. Der Nobelpreis? Würde ihn bestimmt prächtig amüsieren. (Ronald Pohl)

    Zadie Smith, die Chronistin

    Ihr Debüt Zähne zeigen machte Zadie Smith 2000 sofort zum Star. Als Tochter einer Jamaikanerin und eines Briten im Londoner Sozialbau aufgewachsen, hat sie ein Sensorium für soziale Ungleichheit und die Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft. Darüber schreibt sie in direktem Ton. Den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhielt die 42-Jährige im Juli. Jung, kritisch und zudem populär, wäre sie eine spannende Wahl. (Michael Wurmitzer)

    Cormac McCarthy, der Außenseiter

    foto: 2011 wireimage

    Stimmt, es sind zu viele alte, weiße Männer ausgezeichnet worden. Trotzdem gebührt dem uneitlen, zurückgezogen lebenden Cormac McCarthy, unter anderem Autor von No Country for Old Men, der oft verharmlosend als Faulkner für den Hausgebrauch bezeichnet wird, der Nobelpreis. Warum? Weil dieser Outsider, der quer zum Literaturbetrieb liegt, ästhetisch anders ist und kompromisslos in die unerfreulichen Kernbereiche des Menschseins blendet. (Stefan Gmünder)

    • Der Lorbeerkranz, Insignie für eine besondere Auszeichnung, bleibt heuer in Stockholmer Verwahrung: kein Literaturnobelpreis wegen Jurorenskandals.
      foto: getty images/istockphoto

      Der Lorbeerkranz, Insignie für eine besondere Auszeichnung, bleibt heuer in Stockholmer Verwahrung: kein Literaturnobelpreis wegen Jurorenskandals.

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