David Zinman und die Wiener Symphoniker: Meister des schroffen Raunens

    1. Oktober 2018, 15:35
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    Der US-Dirigent brachte in Wien Mahlers 2. Symphonie zur Aufführung

    Manchmal beginnt ein Konzert bereits lange vor dem ersten klingenden Ton. Wenn sich etwa die Stimmung im Saal wie von selbst bereits auf etwas Besonderes vorbereitet. Es war so ein Abend, als die Wiener Symphoniker im Wiener Konzerthaus die 2. Symphonie von Gustav Mahler interpretieren sollten. Und es war vor allem der Dirigent, der diese Erwartungen der Eingeweihten schürte.

    Dem 82-jährigen US-Amerikaner David Zinman, hierzulande bekannt als langjähriger Chefdirigent des Züricher Tonhalle-Orchesters und mit einer langen Reihe internationaler Klangkörper verbunden, eilt der Ruf eines begnadeten Schlagtechnikers und Orchesterpsychologen voraus, und so war die Atmosphäre im Saal so erwartungsvoll gespannt, dass die sprichwörtliche fallende Stecknadel gute Chancen gehabt hätte, die Wahrnehmungsschwelle zu überschreiten.

    Ruppig, energievoll

    Womit wir schon bei im Konzert unüblichen Klängen wären – zumindest bis Mahler kam. Seine Musik steht und fällt mit dem Ton des Unerhörten, der seinen Zeitgenossen als greller Spuk erschien, und es ist wenig sinnvoll, sie ohne Ahnung dieses Abgründigen hübsch kultiviert zum Leben erwecken zu wollen. Zinman erwies sich bereits bei den Basskaskaden des Kopfsatzes, die ruppig, energievoll, verzweifelnd kämpfend wirkten, als Meister dieses schroffen Raunens. Der galante Gesang des Andantes mit seinem anachronistischen Gestus war wie ein bewusster, schwerelos-melancholischer Traum einer schon für Mahler verflossenen Welt, das Scherzo der dazugehörige Albtraumspuk: gespenstisch-schattenhaftes Treiben.

    Verinnerlicht und schon nicht mehr real wirkte das mühelos den Tonfall wechselnde Orchester im Urlicht-Satz; das Finale war dann ein fantastischer Ritt in einen als reine Fantasie erkennbaren Triumph – auch wenn die Stimmen der Solistinnen Dorothea Röschmann und Jennifer Johnston wie auch der Wiener Singakademie etwas schwereloser hätten klingen müssen, um sich ganz dem instrumentalen Zauber einzufügen.

    Allein die Fernorchester-Blasmusik als integrierter und doch irrer Fremdkörper war ein Musterbeispiel für ein geradezu schlafwandlerisches Mahler-Verständnis des Dirigenten, das sich auf jeden Einzelnen im Orchester zu übertragen schien. Eine Auferstehung, die auch noch den letzten Skeptiker überzeugen könnte. Und so dauerte dieses Konzert – bis lange nach dem letzten Akkord. (Daniel Ender, 2.10.2018)

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