Nobelpreis für Medizin 2018 geht an Krebsforscher Allison und Honjo

    Video1. Oktober 2018, 11:28
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    Der US-Amerikaner und der Japaner werden für ihre Beiträge zur Krebsbehandlung durch Immuntherapie geehrt

    foto: ap/the university of texas und reuters/kyodo
    Die frischgebackenen Nobelpreisträger 2018: James Allison (links) und Tasuku Honjo.

    Die Nobelversammlung des Karolinska-Instituts in Stockholm hat am Montag bekanntgegeben, dass der diesjährige Nobelpreis in der Kategorie Physiologie oder Medizin an zwei Krebsforscher geht: James P. Allison (70) von der University of Texas und Tasuku Honjo (76) von der Universität Kyoto. Sie werden für ihre Beiträge zu Krebstherapien durch Hemmung von negativen Immunreaktionen geehrt.

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    Nachschau der Nobelpreisverkündung (ab Minute 15:45).

    "Wir haben jetzt ein ganz neues Tool für die Krebstherapie, das anregend für das Feld wirkt", begründet Anna Wodell vom Nobel-Komitee für Medizin des Karolinska-Instituts die Entscheidung. Die Auszeichnung, die sich Allison und Honjo teilen, ist mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 870.000 Euro) dotiert.

    Die moderne Immuntherapie, die in den vergangenen Jahren die Behandlung mancher Krebserkrankungen – vor allem von Tumorleiden wie Lungenkrebs – revolutioniert hat, beruht auf der sogenannten Checkpoint-Blockade. Dabei werden die Kontrollmechanismen ausgeschaltet, die Immunzellen üblicherweise einbremsen. In der Folge kann das Immunsystem aktiver gegen Krebs vorgehen. Die Wissenschaftszeitschrift "Science" hat bereits 2013 die Krebsimmuntherapie zum Durchbruch des Jahres erklärt.

    Wirksamer Kampf gegen Krebs

    Der US-Amerikaner Allison forscht seit vielen Jahren zu T-Zellen, die der Immunabwehr dienen. Er entdeckte, dass T-Zellen neben der Bindung an ein Antigen ein zweites Signal brauchen, um eine Immunantwort zu starten. 1995 entdeckten Allison und Mitarbeiter das Protein CTLA-4, das die Abschwächung des Immunsystems durch regulatorische T-Zellen vermittelt. Durch Aktivierung des CTLA-4 lassen sich Autoimmunerkrankungen abschwächen, durch Blockade von CTLA-4 gelingt es dem Immunsystem wiederum, Krebszellen besser zu erkennen.

    illustration: getty images
    Illustration von T-Zellen (rot) beim Angriff auf eine Krebszelle.

    Damit war der Grundstein für die Immuntherapie gelegt. Im Gegensatz zu Medikamenten, die die Tumorzellen direkt angreifen, wird in dieser Therapievariante das Immunsystem "scharfgemacht". Dies war ein Paradigmenwechsel in der Onkologie.

    Revolutionäre Entwicklung

    Bereits zuvor hatte Tasuku Honjo ein anderes Protein entdeckt, das in Immunzellen als "Bremse" funktioniert: PD-1. Durch eine Reihe an Experimenten an der Universität Kyoto erwies sich auch die Ausschaltung dieses Proteins im Kampf gegen Krebs als wirksam. In Tierversuchen hat sich die Blockade von PD-1 als effektive Strategie gegen Krebs erwiesen, wie Honjo und andere Forscher gezeigt haben.

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    Telefoninterview mit Tasuku Honjo.

    Dieser Nachweis hat den Weg geebnet, um PD-1 in klinischen Tests einzusetzen. 2012 konnte in einer wegweisenden Studie gezeigt werden, dass die Strategie bei verschiedenen Arten von Krebs zielführend ist. Die Ergebnisse waren derart revolutionär, dass eine langjährige Lehrmeinung zu Krebs revidiert werden musste: Krebspatienten mit Metastasen galten zuvor als unheilbar. Die Krebstherapie mit PD-1 kann auch bei solchen Patienten eingesetzt werden.

    Bei bestimmten Krebsarten könne die Immuntherapie auch die Chemotherapie ablösen, sagte Allison bei einem Vortrag 2017. In anderen Fällen, etwa bei Hirntumoren und Bauchspeicheldrüsenkrebs, sei eine Kombination verschiedener Therapien sinnvoll. "Früher gab es drei Säulen in der Krebstherapie: Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie", sagte Allison. "Heute haben wir eine vierte Säule – die Immuntherapie."

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    Telefoninterview mit James Allison.

    Die Laureaten

    Beide Forscher hat ihre berufliche Laufbahn weit herumgeführt – dennoch blieben sie ihren Wurzeln treu und haben heute dort Professuren inne, wo ihre Karrieren begannen. Der 1948 geborene James P. Allison stammt aus Alice, Texas. Er arbeitete unter anderem an der Scripps Clinic and Research Foundation im kalifornischen La Jolla, an der University of California in Berkeley und am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York. Seit 2012 ist er Professor am MD Anderson Cancer Center der University of Texas in Houston.

    Tasuku Honjo wurde 1942 in Kyoto geboren, wo er seit 1984 eine Professur innehat. Dazwischen führte ihn seine Forschungstätigkeit unter anderem an die Universitäten Tokio und Osaka sowie in die USA, wo er für die National Institutes of Health in Bethesda, Maryland arbeitete.

    Geschichte der Immuntherapie

    Die Idee, Krebs vom Immunsystem beseitigen zu lassen, reicht weit zurück. Schon im Alten Ägypten versuchte man eine Infektion des Tumors auszulösen. 1866 beobachtete der Bonner Chirurg Wilhelm Busch, dass sich der Tumor einer Patientin nach einer Infektion zurückbildete.

    Unabhängig davon stieß der in New York ansässige Arzt William Coley auf die Krankengeschichte von Fred Stein. Dieser litt unter einem Weichteiltumor im Mund, der sich durch eine Operation nicht vollständig entfernen ließ. Bei dem Eingriff zog sich Stein eine schwere Wundinfektion zu. Nachdem er sich von dieser Infektion erholt hatte, war der Weichteiltumor verschwunden. Offensichtlich war das durch die Infektion angestachelte Immunsystem auch gegen den restlichen Tumor vorgegangen.

    Coley versuchte aus dieser Beobachtung eine Therapie abzuleiten. Ab 1899 produzierte die Parke-Davis Corporation Coleys Toxin, das in den folgenden 30 Jahren umfangreich genutzt wurde. Ein wesentlicher Grund für die weite Verbreitung war, dass es bis 1934 die einzige systemische Krebstherapie war. Mit der Entwicklung der Strahlentherapie und Fortschritten bei der Chemotherapie geriet Coleys Toxin weitgehend in Vergessenheit. Erst in den 1980er-Jahren griffen Ärzte die Immuntherapie wieder auf.

    Weiterer Zeitplan

    Im Vorjahr ging der Medizinnobelpreis an die US-Amerikaner Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young sie wurden für ihre Arbeit auf dem Gebiet der circadianen Rhythmik ausgezeichnet.

    Am Dienstag, dem 2. Oktober, folgt die Bekanntgabe des oder der Preisträger in der Kategorie Physik, am Mittwoch in Chemie. Übergeben werden die Preise traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel. (dare, jdo, tasch, trat, 1.10.2018)

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