Kurz-Vertraute: "Weniger Mozartkugel, mehr Mateschitz" für Österreich

    29. September 2018, 09:00
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    Gabi Spiegelfeld will das Industrieland Österreich als Marke etablieren. Die Initiative kämpft mit Schwierigkeiten

    Ein lauer Spätsommerabend, prominente Gäste, allen voran Bundeskanzler Sebastian Kurz, kulinarische Köstlichkeiten aus heimischer Küche: Vor zwei Wochen gaben sich höchstrangige Industriekapitäne des Landes ein Stelldichein im Lokal Zum Herkner in Wien-Dornbach, um Österreichs wirtschaftliche Qualitäten in den Vordergrund zu rücken. Tenor: Walzer, Berge, Lederhose und Lipizzaner in allen Ehren, aber das Land hat noch mehr zu bieten. Weltmarktführer in zahlreichen Nischen, innovationsstarke Betriebe und ein attraktives Umfeld zum Beispiel

    Geladen hat Gabi Spiegelfeld, eine umtriebige PR-Unternehmerin und Vertraute des Kanzlers, die im Wahlkampf ein Personenkomitee für den ÖVP-Chef auf die Beine stellte. Kein Wunder, dass Kurz zum Event kam, ebenso wie die Industriebosse Wolfgang Hesoun (Siemens), Rainer Seele (OMV), Thomas Arnoldner (Telekom Austria) und viele andere. Sie lauschten Spiegelfelds Ankündigung, eine "Marke Österreich" aufzubauen. Das Land soll künftig über den Tourismus hinaus als Industrieland wahrgenommen werden. Als PR-Expertin hat sie gleich einen Slogan auf der Zunge: "Weniger Mozartkugel, mehr Mateschitz", stilisiert Spiegelfeld den Red-Bull-Gründer zum Vorbild.

    Society-Flair

    Kommende Woche sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden. Gespräche mit mehreren Ministerien – Tourismus, Nachhaltigkeit, Wirtschaft sowie Bundeskanzleramt – stehen an. Die Beratungsgruppe PwC gehört ebenso zum engsten Zirkel der Initiative wie Industriellenvereinigung und die ÖVP-Abgeordnete Theresia Niss-Mitterbauer vom Autozulieferer Miba. Industriegeneral Christoph Neumayer hält die stärkere Betonung von Hightech und Innovation für ein wichtiges Instrument, um ausländische Investitionen und Fachkräfte anzuziehen.

    Skeptisch äußern sich Teilnehmer des Events zu Organisation und Umsetzung. Spiegelfeld sei zwar Profi in Sachen Öffentlichkeitsarbeit, eine Dachmarke zu entwickeln und eine globale Strategie aufzusetzen verlange aber andere Kompetenzen, meint ein Industrieller, der namentlich nicht genannt werden will. Dass vor allem Seitenblicke und Dominic Heinzl auf ATV über den Launch des Projekts berichteten, zeige den zu starken Society-Gedanken der Initiative.

    Geld auf Konto der Industriellenvereinigung

    Auch Spiegelfelds Rolle im Wahlkampf wird von einigen Beteiligten kritisch gesehen. Nach dem Event im Herkner bedankte sie sich per E-Mail bei den Gästen und lud sie dazu ein, "2000 Euro (bzw. gerne auch einen höheren Betrag Ihrer Wahl)" zu überweisen. So mancher Adressat sieht ein derartiges Sponsoring als unvereinbar mit der Compliance. Zumindest solange keine Gegenleistung erkennbar ist. Für Staunen sorgt auch, dass als Kontoinhaber die Industriellenvereinigung angegeben wird. Neumayer begründet das damit, dass die "Marke Österreich" über keine eigene Organisationsform verfüge und man vorerst die finanzielle Abwicklung durchführe.

    Indirekt hängt mit dem "Nation Branding" auch ein zweites Spiegelfeld-Projekt zusammen. Sie will Ende Juli einen Wirtschaftskongress im Hotel Sacher in Salzburg abhalten. Im Rahmen der dortigen Festspiele sollen auch Industrieklänge erschallen. Als derartige Pläne Ende August ruchbar wurden, rumorte es glatt in Alpbach, wo die gerade anwesenden Teilnehmer des Europäischen Forums angeregt über den potenziellen Konkurrenzcharakter der Salzburg-Veranstaltung diskutierten. Letztlich ortet aber kaum jemand eine Gefahr für Alpbach, das thematisch viel breiter aufgestellt und mit mehr als 5000 Gästen ein Großevent ist. Auch Spiegelfeld nicht, wie sie sagt.

    Alpbach-Rauschen

    Doch die Unzufriedenheit der Unternehmervertretungen mit den Alpbacher Wirtschaftsgesprächen – IV und Wirtschaftskammer sind als Partner ausgestiegen – bleibt aufrecht. Zu viele gesellschaftliche Anlässe, zu wenige Inhalte (und Zimmer), lauten die Kritikpunkte. Dass sich Präsident Franz Fischler beim Programm nicht dreinreden lässt, wird ihm von Wirtschaftskreisen überdies als Arroganz ausgelegt. In IV und WKO werden deshalb alternative Pläne gewälzt. Eine Wirtschaftskonferenz mit dem renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) zählt beispielsweise zu den aktuellen Ideen. Die WKO kooperiert schon lange mit dem MIT. Eine weitere Möglichkeit: Das Europaforum Wachau auf Stift Göttweig könnte ausgebaut werden und einen stärkeren wirtschaftlichen Anstrich erhalten.

    foto: apa/herbert neubauer
    Das Forum Alpbach dürfte von Spiegelfelds Initiative kaum berührt sein, Reformbedarf wird mancherorts dennoch gesehen.

    Forum-Alpbach-Geschäftsführer Philippe Narval hält trotz der Kritik am derzeitigen Kurs fest. 700 Stipendiaten aus 80 Nationen, die in den Tiroler Bergen zusammenfinden, seien ebenso wie das breite Themenfeld und die reiche Geschichte Alpbachs Alleinstellungsmerkmale, die nicht einfach kopiert werden können. Und abgesehen davon sei Fischler gerade in "sehr positiven" Gesprächen mit WKO-Chef Harald Mahrer über die Rückkehr der Kammer als Partner des Forums. Auch die Industriellenvereinigung kann sich eine Rückkehr vorstellen. Beobachter halten es aber für unwahrscheinlich, dass die Wirtschaftsvertretungen ein Comeback geben, solange Fischler dem Forum vorsteht. (Andreas Schnauder, 29.9.2018)

    • Gabi Spiegelfeld gilt als begnadete Netzwerkerin mit besten Verbindungen zu Sebastian Kurz. Nun startet sie mit zwei Initiativen durch, die nicht nur ein positives Echo auslösen.
      foto: ho

      Gabi Spiegelfeld gilt als begnadete Netzwerkerin mit besten Verbindungen zu Sebastian Kurz. Nun startet sie mit zwei Initiativen durch, die nicht nur ein positives Echo auslösen.

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