Menasses "Hauptstadt" auf der Bühne: Der kleine Maxi hat auch im Theater Recht

    28. September 2018, 17:45
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    Die Inszenierung von Robert Menasses Brüssel-Roman "Hauptstadt" im Wiener Schauspielhaus

    Wien – Kein Schwein in Sicht. Nur einmal wird einer der Schauspieler eine Schweinemaske tragen – zur Verdeutlichung, welche Gedanken ihn reiten. Und ansonsten? Auf der Bühne des Wiener Schauspielhauses werden zwar die Exportprobleme österreichischer Schweinemäster (zu wenige Schweinsohren für den chinesischen Markt) und die Namensfrage der in Brüssel vagabundierenden Sau (Mohamed kommt nicht so gut an) erörtert, der Protagonist in Robert Menasses Hauptstadt taucht aber nicht auf. Es ist ein Schwein, das die vielen Handlungsstränge des preisgekrönten Bestsellers zusammenhält.

    Diesen zu dramatisieren, ist keine besonders naheliegende Idee. Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster haben es zum Saisonauftakt trotzdem gewagt, und zumindest in den Anfangssequenzen des zweistündigen Abends eine überzeugende Erzählweise gefunden.

    Bürokratiezombies in knisternden Anzügen

    In einem mit falschem Marmor verunzierten Klub zieht ein weiß-geschminkter Barmann (Bardo Böhlefeld) die Handlungsfäden der im Herzen der EU angesiedelten Geschichte. Als da wären: eine zypriotische Karrieristin, die der Brüsseler Kulturabteilung den Rücken kehren will (Sophia Löffler), ihr braver Mitarbeiter, der ihr dabei mit einem ambitionierten Jubiläumsprojekt helfen soll (Simon Bauer). Gesäumt wird das Duo von mausgrauen Beamten und ungenierten Lobbyisten, ambitionierten Wissenschaftern und intriganten Vorgesetzten. Sie alle sind in der Wiener Porzellangasse weniger Menschen aus Fleisch und Blut als Bürokratiezombies in knisternden Anzügen. Wenn sie sich bewegen, tun sie das in abgehackten Bewegungen – oder gleich im Fast-Forward-Modus.

    Es sei in Brüssel wirklich so, "wie es sich der kleine Maxi vorstellt", hat Robert Menasse geschrieben. Sein faszinierender Roman liefert die fiktionale Blaupause dazu. Leider verzettelt sich dessen Dramatisierung auf den diversen Schauplätzen, ohne dabei seine Metaebene in den Griff zu kriegen. Das Ganze kulminiert in einem Plädoyer zur Überwindung von Nationalstaaten. Im Schauspielhaus wird das mit stierem Blick ins Publikum vorgetragen, im Roman ist diese Botschaft vielfach gebrochen. Das überzeugt wesentlich mehr. (Stephan Hilpold, 29.9.2018)

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      foto: matthias heschl
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