Mercedes Spannagel: Mit Mops durchs Schrebergartenland

    29. September 2018, 08:00
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    Die Autorin gewinnt mit "Jo und ich bilden uns einen Hund ein und gehen mit ihm spazieren" den FM4-Kurzgeschichtenwettbewerb "Wortlaut" – Ein Auszug

    1. Es ist früh und hell in Jos Zimmer, ein weißer Morgen. Ich knie im Bett, trage einen String und sonst nichts. Ich sage zu Jo: "Schau", und Jo schaut, und ich lege mir den Zeigefinger zwischen die Hautfalten auf meinem Bauch. Ich sehe, dass Jo nicht weiß, was er sagen soll, er schiebt die Unterlippe vor, ich lache, ich beuge mich vor und kneife ihm in die Wange. Ich sage: "Wenn du so schaust, dann schaust du aus wie ein Mops." Falten auf Jos Stirn, er schüttelt den Kopf, sagt: "So ein Blödsinn." Ich sage: "Doch, doch". Dass ein Mops viel überschüssige Haut hat, dass sich bei ihm die Hautringe am Nacken bilden so wie bei mir auf dem Bauch, dass wir eigentlich viel kleiner sind, innerlich, und dass ein Mops genauso um den Mund ausschaut wie du, Jo, wenn du dieses Gesicht machst. Jo sagt: "Der Mops ist wirklich ein scheußliches Tier."

    2. Wir stehen in der Küche. Jo macht mir eine Eierspeis. Ich schneide kleine Tomaten. Ich schneide eine Tomate, ich esse eine Tomate. Jo schaut auf die Pfanne und rührt ab und zu um. Ich sage: "Ich mag einen." Jo sagt: "Ich auch."

    "Ich meine einen Mops."

    "Ich meine einen mit Käse überbackenen Auflauf."

    3. Wir liegen im Bett, der Auflauf schwer in uns. Es ist so hell. Ich lege meinen Arm über die Augen. Ich beginne zu dozieren. Ich rede über Loriot. Ich zitiere: "Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos." Jo richtet sich auf, zieht mir den String aus, und ein bisschen bin ich böse, weil ich ernst genommen werden möchte von Jo, aber dann beginnt er mich zu lecken.

    4. Wir verlassen die Wohnung, das Haus. Gehen vorbei am Schrebergarten Zukunft. Jo bringt mich zum 9er. Er nimmt meine Hand auf dem Weg zur Haltestelle, ich weiß nicht mehr wo. Vielleicht irgendwo zwischen Freikirche und Hundesalon. Vor dem Hundesalon steht ein weißer Transporter. Wir schauen auf die Rückseite des Transporters, auf der ist groß das Foto der Rückseite eines Mopses. Wir stehen da und schauen auf das runde, rosa Arschloch des Tieres. "Wow", sagt Jo, "was für Aussichten."

    5. Ich habe das Fenster aufgemacht und stehe ans Fensterbrett gelehnt. Jos Wohnung ist im dritten Stock. Aus den Fenstern sieht man auf eine große Schrebergartensiedlung hinunter. Früher der Exerzierplatz, hat mir Jo mal erklärt. Im Rechteck stehen große Altbauten um die Schrebergartensiedlung. Gegenüber von dem Altbau, in dem Jo wohnt, ist die Kaserne, von der die österreichische Fahne weht. Die Kaserne ist immer noch da, der Exerzierplatz nicht. Soldaten auch nicht mehr, aber Hakenkreuzschmierereien.

    Ich möchte Wiens Nachtluft atmen. Jo raucht neben mir aus dem Fenster. Ich missverstehe die Zigarettenluft als Wiens Nachtluft. Es sind Sterne zu sehen. "Aldebaran", sagt Jo auf einmal, "so nennen wir den Mops." Er sagt es leise und sanft.

    "Warum Aldebaran?"

    "Er hat eine weiße Stelle über seinen Augen, die ausschaut wie ein Stern, nicht wie das Symbol des Sternes, sondern mehr oder weniger rund, und da habe ich an Aldebaran gedacht, weil der hundertfünfzigmal so hell leuchtet wie unsere Sonne, weil deine Augen leuchten, wenn du vom Mops sprichst, weil die Idee mit dem Mops reiner Blödsinn ist, wie auch die Verschwörungstheorien bezüglich Aldebarans."

    Jo schließt das Fenster.

    6. Es ist ein windstiller Wintertag. Ich sehne mich nach Frühling, wie ich da so an Jos Fenster stehe, und auch sonst ist die Sehnsucht groß an diesen Tagen. Draußen zwitschern schon Vögel, aber ich habe Angst, in der Nacht erfrieren sie noch.

    Man schaut also hinunter auf diese Schrebergartensiedlung, es ist wie eine kleine Stadt, eine Miniaturstadt, eine Stadt in einer Stadt, und man denkt sich, wie süß diese kleine Ministadt ist und wie brav die Kaserne im Hintergrund darauf aufpasst, weil so schaut es aus von Jo seinem Fenster. Und Jo legt sein Kinn auf meine Schulter, er reibt sein trocken rasiertes Kinn an meiner Wange und schnurrt, als wäre er die Katze, an der ich meine Wange niemals reiben würde.

    7. Jo nennt mich "mopsfixiert", als ich ihn von mir wegdrücke. Währenddessen schnarcht im Vorzimmer röchelnd in einem ausgepolsterten Karton Aldebaran, ein Mopsbaby, das wir über Kontakte bekommen haben in diesem Karton, der Polster ist von mir, damit Aldebaran es weich hat. Jo hat gesagt, die gesamte Transaktion habe ihn an Drogenkäufe erinnert, aber ich habe "Gusch" gesagt, weil ich endlich mein Baby in den Armen halten konnte. Samtig, weich und glatt und ohne Nase.

    8. Jo nimmt mich bei der Hand, und in die andere Hand nehme ich die Leine von Aldebaran, wir gehen raus und durch den Schrebergarten, und Aldebaran wackelt auf seinen kurzen, krummen Beinen hinter uns her, und die Zunge hängt ihm aus dem Maul, wie süß ihm dieses rosa Schlabberteil aus dem Maul hängt, ich denke, Jo kann es nicht mehr hören, aber ich kann nicht aufhören, es zu sagen.

    Ich frage Jo, ob die Hakenkreuze an den Mülltonnen durchgestrichen seien, weil jemand versucht ein schönes, ordentliches zu malen, aber mit den Versuchen nicht zufrieden ist, oder ob einer kommt und sie malt und dann ein anderer kommt und sie durchstreicht. Jo sagt: "Wohl Letzteres." Und ich sage: "Ach ja?" Und Jo sagt, ja, dass er einmal gekommen sei, und da habe er die Hakenkreuze gesehen, und beim nächsten Mal waren sie durchgestrichen.

    Dass das prinzipiell gar nichts beweist, sage ich. Es gibt ja möglicherweise Nazis mit einem hohen künstlerischen Anspruch, denen die Botschaft und die Gestaltung der Botschaft gleichermaßen am Herzen liegt.

    "So viel Blödsinn in deinem Kopf", sagt Jo. Er zieht mich näher an sich heran, sein Arm um meine Schulter, und drückt mir einen Kuss auf meine Schläfe, ich lächle, und in einem Busch zwitschern heftigst Vögel. Jo wendet sich von mir ab, zu dem Lärm, sagt: "Na, da ist ja was los!" Und ich schaue auch zu dem Gebüsch und dann wieder nach vorne, zucke mit den Schultern, sage: "Es ist nicht viel los im Schrebergartenland außer Vögel und Hakenkreuze."

    9. Jo macht mir die Tür seiner Wohnung auf. "Na du?", fragt er und küsst mich auf die Nase. Ich sage: "Der Aufzug zu dir in den dritten Stock fährt so langsam, währenddessen kann ich mein ganzes Leben überdenken." Oder ich sage: "Der Aufzug zu dir in den dritten Stock braucht so lang, da glaube ich fast, es ist ein Aufzug zum Mond."

    "Zu Aldebaran", sagt Jo.

    foto: fm4

    10. Bei der U-Bahn-Station steht "Ganz Wien hasst die Polizei". Für ein paar Tage ist der Schriftzug weg, dann wieder hingesprayt. Dahinter steckt Nachdruck. Jo sagt dazu: "Tiere, die ich noch weniger verstehe als Möpse, sind Pferde. So viel zur Idee einer berittenen Polizei." Jo holt mich von der U-Bahn-Station ab. Wir gehen an der "Jesus-hilft-uns-Gemeinde" vorbei. Eigentlich heißt sie "Jesus-heilt-uns-Gemeinde", aber ich vergesse das immer und denke stattdessen immer an helfen. Es kommt Musik von drinnen. Ich reiße die Tür auf, um hineinzusehen. Jo sagt: "Um zu stören." Jo nennt mich respektlos. Ich kann auch nichts dafür, wenn bei ihm in der Gegend so viele Freikirchen sind. Ich kann auch nichts dafür, dass er anscheinend in einer Gegend wohnt, in der die Leute so viel Blödsinn glauben. (...)

    11. Ich schlage die Augen auf, und Jos Gesicht ist ganz nah bei meinem, er schaut mich an, ich frage: "Was?", er sagt: "Du hast eine große Nase", ich lache. Jo sagt: "Du könntest dir ja überlegen, ob du eine Nasenoperation in Betracht ziehen würdest. Oder eine andere Schönheitsoperation. So große Brüste hast du ja auch nicht. Eine Fettabsaugung am Bauch vielleicht – überleg's dir."

    "Du spinnst ja", sage ich und drehe ihm den Rücken zu und ziehe ihm die Bettdecke weg.

    "Ich konnte heute nicht schlafen, weil der Mops so geschnarcht hat. Du hast auch geschnarcht. Ich könnte nicht sagen, wer lauter geschnarcht hat. Dieses nasenlose Tier ist komplett überzüchtet. So wie wir auch. Am Ende vererben wir uns unsere Schönheitsoperationen wie rechtes Gedankengut."

    12. Jo rüttelt mich aus dem Schlaf, er sitzt auf meinen Beinen und schreit: "Aldebaran muss mal! Du musst mit ihm raus!" Ich greife hektisch nach dem Handy, es ist fünf Uhr früh, ich lass mich zurück ins Kissen sinken. "Mann", sage ich, "ich bin unendlich müde. Und wozu hast du mich jetzt geweckt? Um mit einem eingebildeten Hund Gassi zu gehen?"

    "Ja, lass uns einen Spaziergang machen", sagt Jo, schiebt die Unterlippe vor, sieht mich an mit riesigen Augen.

    13. Aldebaran hebt sein kurzes Bein und pinkelt gegen den Mülleimer, auf dem wieder jemand Hakenkreuze geübt hat. "Die Abgründe sind tief in diesem Schrebergarten. Das denkt man sich gar nicht. Von oben sieht alles so klein und lieb aus. Als könnte da nur Liebliches entstehen. Blumen im Frühjahr, Lichterketten im Winter, Schneemänner aus Schnee. Aber wenn man mittendrin ist im Schrebergarten Zukunft, dann merkt man, dass da nichts lieblich ist. Es wirkt, als würde man sich ein wenig mehr trauen hier. Zum Beispiel den sonst unterdrückten Drang zum Vandalismus", sage ich. Dass man den Mops abrichten müsste, sagt Jo, dass der Hakenkreuzzeichner aus der Masse rausriechen kann oder ... Er lacht.

    "Oder?", frage ich. "Leute mit Gras." "Gusch", sage ich.

    14. Der Winter bleibt. Auch in Jos Zimmer, es ist immer besonders kalt in Jos Zimmer. Ich trage ein T-Shirt von ihm, ich liege im Bett und habe meine haarigen Beine unter dem T-Shirt angewinkelt, während er mir einen Tee macht, meinen Lieblingstee, und Aldebaran mir meine Füße leckt. Dafür kraule ich ihm das weiche Fell am Kinn. Er atmet hörbar, er schnurrt ein wenig wie eine Katze. Als Jo mit dem Tee kommt, erkläre ich ihm, dass Tiere wichtig sind für den Menschen. Jo nickt. (...)

    15. Ich sehe Jo länger nicht. Aldebaran ist bei ihm. Eine andere Frau ist bei ihm. Die andere Frau versteht nichts vom Mops. Jo und die andere Frau verstehen sich deshalb. Erst sagt Jo, dass da nichts ist. Dann sagt Jo, dass da was ist. Jo fragt, ob das okay ist. Ich kann mir Aldebaran nur schwer vorstellen ohne Jo.

    16. Eines Tages, ich liege in Jos Bett, ich frage Jo, ob ihm das auch aufgefallen ist, das Schnarchen und Röcheln von Aldebaran, ob das zugenommen hat in der Intensität.

    Ich streichle Jo das Haar. Jo schnurrt. Jo fiept. Aldebaran wimmert. Aldebaran würgt. Jo schleckt mich ab. Aldebaran kotzt.

    17. Ich sage zum Tierarzt, dass mich Aldebarans letzte Blicke ganz hilflos gemacht haben. Der Tierarzt sagt, dass da nichts zu machen gewesen wäre, dass Aldebarans Tod in jedem Fall eingetreten wäre, dass er in jedem Fall gelitten hätte, dass er niemals alt geworden wäre. Jo nimmt mich in den Arm und sagt: "Heute ist er an Gift gestorben, morgen an seiner Degeneration."

    18. Ich glaube, es war jemand aus dem Schrebergarten, der das Gift gestreut hat.

    (29.9.2018)

    Mercedes Spannagel, geb. 1995 in Wien, Studentin in Wien. Schreibt an einem längeren Projekt und hat dafür 2018 u. a. ein Arbeitsstipendium des BKA erhalten. Die besten zehn Texte des Wettbewerbs sind im Buch "Sterne" (Luftschacht, € 13,90) gesammelt.

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    FM4 Wortlaut

    • "...und Aldebaran wackelt auf seinen kurzen, krummen Beinen hinter uns her, und die Zunge hängt ihm aus dem Maul, wie süß ihm dieses rosa Schlabberteil aus dem Maul hängt, ich denke, Jo kann es nicht mehr hören, aber ich kann nicht aufhören, es zu sagen."
      foto: apa

      "...und Aldebaran wackelt auf seinen kurzen, krummen Beinen hinter uns her, und die Zunge hängt ihm aus dem Maul, wie süß ihm dieses rosa Schlabberteil aus dem Maul hängt, ich denke, Jo kann es nicht mehr hören, aber ich kann nicht aufhören, es zu sagen."

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