Grenze, Stammtisch, Würstelstand: Österreich von A bis Z

    29. September 2018, 09:00
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    In dem Sammelband "100 x Österreich" erklären Schriftstellerinnen und Schriftsteller das Land anhand prägender Begriffe – der "STANDARD" hat drei herausgegriffen

    Die Republik feiert ihren 100. Geburtstag, weswegen am 12. November 2018 das Haus der Geschichte Österreich am Heldenplatz eröffnet wird. Anlass genug für eine Sondierung der Befindlichkeiten des Landes: Monika Sommer, Heidemarie Uhl und Klaus Zeyringer haben als Herausgeber von "100 × Österreich " Beiträge von Schriftstellerinnen und Schriftstellern zusammengetragen: von A wie Adele oder Ambivalenz bis Z wie Zuhause oder Zukunftsangst. Lesen Sie drei dieser Texte vorab – zu G wie Grenze, S wie Stammtisch und W wie Würstelstand.

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    G wie Grenze

    Auf der Landkarte, die in meiner Volksschule in Lepena, im zweisprachigen Teil Südkärntens, an der Wand hing, legte sich die Grenze als rot-schwarze Kontur um den Bauch der Staatswolke, damit sich das, was Österreich ist, nicht in anderen Ländern auflöse. Sogleich bekam man eine Vorstellung davon, dass ein Staat den Verzicht auf die Grenze, das Ineinandergreifen von zwei getrennten Entitäten, die sich vereinigen könnten, fürchtet.

    Bei einer Schulfeier, die an die Kärntner Volksabstimmung von 1920 erinnerte, bei der sich die Mehrheit der zweisprachigen Bevölkerung Südkärntens für den Verbleib bei Österreich ausgesprochen hatte, wurde uns erzählt, dass die Grenze, die Österreich vom damaligen Jugoslawien trennte, noch immer bedroht und es unsere Aufgabe sei, diese Grenze zu beschützen. Die Grenze zu Jugoslawien war nicht nur eine Demarkationslinie, die zwei Staaten und zwei unterschiedliche politische Systeme voneinander trennte, sie war vornehmlich ein Glaubensprinzip. Die Grenze zu Italien hingegen hatte in meiner Jugend eine andere Bedeutung, war weniger symbolisch aufgeladen. Sie galt allenfalls als aufgezwungen und somit verhandelbar, wenn auch nicht in absehbarer Zeit.

    Einer Staatsgrenze musste man Respekt zollen. Das Passieren der Grenze glich einem Ritual. Näherte man sich einem Grenzübergang, musste man den Pass bereithalten und einverstanden sein, Wartezeiten auf sich zu nehmen oder von den Grenzbeamten misstrauisch gemustert zu werden. An der Grenze musste man sich unbehaglich fühlen und konnte auch ohne ersichtlichen Grund verdächtig scheinen. Dabei hatte man in Kärnten noch Glück und konnte die Staatsgrenze passieren. Im Osten Österreichs, am sogenannten Eisernen Vorhang, war das Überqueren der Grenze nicht vorgesehen. Der Grenzübertritt glich einem bürokratischen Hindernislauf.

    Grenzenloser Konsum

    Ich wuchs im Schattenhof einer Grenze auf und wurde gewahr, dass es neben der sichtbaren Grenze eine Grauzone mit unsichtbaren Grenzen gab, die mitten durchs Land verliefen. Diese Grenzen waren am schwierigsten zu überwinden, weil sie von den Menschen verinnerlicht wurden und dem Auge verborgen blieben. Ohne es zu wollen, konnte man ins Visier eines heimlichen Grenzpostens geraten, der einen nach nationalen, sprachlichen, politischen oder ideologischen Kriterien aussortierte oder einordnete. Da gab es kein Hin oder Her, kein Dazwischen, die Zuordnung erschien besiegelt, und wer das Sagen im Land hatte, legte auch die Kriterien fest. Die Kärntner Grenzwächter orientierten sich vornehmlich an der Sprache der Bevölkerung.

    Die Verwendung der slowenischen Sprache in der Öffentlichkeit galt lange Zeit, und gilt vereinzelt immer noch, als Grenzverletzung. Von den Kärntner Slowenen erhoffte sich die Politik, dass sie sich mit der Zeit von ihrer Muttersprache abgrenzen und zwischen sich und der slowenischen Sprache eine Grenze zum Zeichen der österreichischen Zugehörigkeit ziehen würden, und das, obwohl die Kärntner Slowenen Österreicher der ersten Stunde waren. In dieser Schule der Grenze erfasste ich, dass eine Grenze als Schutzwall für die staatseigenen Interessen nach außen und zur selben Zeit als Abgrenzung nach innen dienen kann. Sie grenzt im Inneren aus, was nicht im Interesse der politischen Macht ist, während sie vorgibt, den Staat zu schützen. Die Grenze gehört somit der Politik, sie ist ihr eigentliches Territorium. Sie feuert Wahlkämpfe und Wortschlachten an.

    Neu angebrochene Friedenszeit

    Es gibt zurzeit kaum ein Thema, das die öffentliche Diskussion mehr bestimmt als das Phänomen der Grenze. Im Zuge der Globalisierung und des europäischen Zusammenschlusses sind wir in den letzten zwei Jahrzehnten mit der Aufhebung staatlicher Grenzen konfrontiert gewesen. Wir konnten es kaum fassen und staunten, was plötzlich möglich wurde. Wir haben uns in der verlockenden Idee des grenzenlosen Konsums, der grenzenlosen Kommunikation und des grenzenlosen Warenverkehrs eingerichtet, während die ältere Generation, die den Krieg erlebt hatte, von einer neu angebrochenen Friedenszeit träumen konnte.

    foto: karl schöndorfer / picturedesk.com

    Die europäischen Künstlerinnen und Künstler und nahezu alle philosophischen und kulturwissenschaftlichen Bereiche lieferten das ideelle Unterfutter für die gesellschaftsumspannende Idee des Abbaus von Grenzen.

    Und nun, da sich die Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung in allen ihren Schattierungen zeigen und unsere Gesellschaften vor völlig neue Anforderungen stellen, wird wieder laut und panisch nach Grenzen gerufen, um sich die verstörende Realität der Welt vom Leib zu halten. Was ist geschehen? Ist es wirklich nur die Migration, sind es wirklich die Flüchtlinge, die unsere Wahrnehmung verändert haben, oder haben wir erst jetzt begriffen, dass mit dem freien Spiel der Kräfte neue Pflichten, Aufgaben und Herausforderungen auf uns zukamen, dass unsere selbstverständlichen Privilegien infrage gestellt werden könnten?

    Letztes Aufbäumen der Politik

    Die Politik greift in einem letzten großen Aufbäumen gegen den selbst herbeigeführten Gestaltungsverlust wieder nach der Grenze, um zu schließen, was sie zuvor halbherzig geöffnet hat. Begriffe wie Obergrenze und Untergrenze, Grenzwerte und Grenzkontrolle, Befristungen, Abschiebungen, Abweisungen geistern durch unsere politische Öffentlichkeit. Was wir mit dem Beitritt zur Europäischen Union überwunden glaubten, kehrt als Wiedergängerin zurück. Die Grenze als Parole, als Kampfwort, wobei es jetzt immer weniger um die Grenze nach außen geht, zum Beispiel um eine effektive Kontrolle der Finanzströme, sondern in immer größerem Maße um die Grenze nach innen. Es geht um die symbolisch aufgeladene Grenze, um Fragen der Identität und der Zugehörigkeit von Menschen. Dem politischen Kontrollverlust begegnet man mit Abwehr – und Gewaltfantasien gegen die gewachsene Diversität in Europa, mit einem klassischen Ausweichmanöver, könnte man hinzufügen.

    Dieser politische Szenenwechsel sollte uns mit größter Sorge erfüllen, da die Fragen der Identität des Menschen genuin kulturelle Fragen sind und vornehmlich mit kultureller Arbeit beantwortet werden können.

    Grenzen und Missverständnisse zu überwinden erfordert Geduld und die Bereitschaft, über den eigenen Schatten zu springen. Diese Fertigkeiten müssen erprobt und gelernt werden. Wenn ich an das vereinigte Europa denke, steht uns die größte Aufgabe noch bevor, nämlich das Erlernen des Umgangs mit Unterschieden. Ein Dialog kann nicht einfach ausgerufen oder für beendet erklärt werden.

    Er ist ein Prozess, der nur wirksam wird, wenn er von den Beteiligten mit Zuversicht und einer positiven Zukunftsperspektive geführt wird. Dann erst können Grenzen zu Begegnungsorten werden, zu Orten des Respekts und des Übergangs. Dann erst kann es zum Wechsel oder zum Austausch kommen, die Veränderung und gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen. Die Grenze ist im besten Fall eine Nahtstelle, an der man lernt zu unterscheiden. (Maja Haderlap)

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    S wie Stammtisch

    In vielen Wirtshäusern in unserem Land findet man, meist unweit der Schank, einen schweren Holztisch, der zehn bis zwölf Gästen leichterdings Platz bietet, auch fünfzehn und mehr, wenn sie bereit sind, ein wenig gedrängt zu sitzen. Landschaftsmalereien, in deren Rahmen Ansichtskarten gesteckt sind, mitunter auch Stickdeckchen mit heiter-besinnlichen Reimzeilen zieren die Wände hinter ihm, in seiner Mitte platziert ist häufig ein großer gusseiserner Aschenbecher.

    Die meiste Zeit, vor allem untertags, bleibt dieser Tisch unbevölkert, nur falls alle anderen besetzt sind, wagen neu eintretende Gäste zögernd, und nicht ohne vorher ausdrückliche Erlaubnis eingeholt zu haben, dort Platz zu nehmen. Sonst aber sieht man höchstens Wirt oder Wirtin manchmal an ihm sitzen, oft über Abrechnungen gebeugt oder im Gespräch mit erschöpftem Küchenpersonal, das gerade den Mittagsansturm hinter sich gebracht hat und nun bei Zigaretten und Kaffee ausruht.

    Es gibt nur einen Stammtisch

    Die eigentlichen Stammtischbesucher treffen erst am Abend ein, und zwar, handelt es sich um einen echten Stammtisch, jeden Abend. Man darf den echten Stammtisch nicht verwechseln mit den Vereinsstammtischen, zu denen sich ein immer gleicher Personenkreis (es muss sich nicht um eingetragene Vereine handeln) zu immer gleichen Terminen – jeden Freitag, jeden ersten Dienstag im Monat usw. – einfindet. Interessengemeinschaften werden an Vereinsstammtischen gebildet, Seilschaften, da sitzen die Lehrer, dort die Kleingewerbetreibenden. Das wesentliche Merkmal des Vereinsstammtisches ist seine Geschlossenheit. Die Zahl der Angehörigen ist beschränkt, auf Vollzähligkeit wird Wert gelegt, und mehrmaliges Nichterscheinen, erfolgt es unentschuldigt, wird früher oder später sanktioniert.

    Der echte Stammtisch hingegen steht grundsätzlich allen Menschen offen. Das einzige Gebot, an das sie sich zu halten haben, lautet: Du sollst keinem anderen Stammtisch angehören als diesem. Das Personal wechselt, an manchen Abenden besteht es nur aus zwei Personen, an anderen aus so vielen, dass der Tisch zu klein zu werden droht für einen solchen Andrang.

    Alle kennen einander zwar (auch der Neuling hatte den Tisch schon seit langem umschlichen, ehe er sich, ganz am unteren Ende, dazuzusetzen wagte), aber niemand kann sich darauf verlassen, eine bestimmte Person auch mit Bestimmtheit an einem bestimmten Abend anzutreffen, außer man hat sich verabredet. Dazu allerdings besteht keine Notwendigkeit. Pläne, Vorhaben, außergewöhnliche Erfordernisse des Alltags sind am Stammtisch kein Thema. Hätte man derlei zu besprechen, man verabredete sich anderswo. Stammtischgespräche sind weniger wichtig und doch zugleich wichtiger. Sie sind da, um sich einander zu versichern.

    Orte der Zuflucht

    Denn Stammtische sind Orte der Zuflucht. Ihre Besucher wissen (oder glauben das jedenfalls), dass sie sich auf der Schattenseite des Lebens befinden. Viel mehr stünde ihnen zu, aber ihnen ist übel mitgespielt worden. Sie hätten viel zu bieten, sie besitzen Kenntnisse, aber sie werden nicht verstanden, sind nie verstanden worden, weder von Kollegen und Vorgesetzten noch von den Lebenspartnern und am allerwenigsten von den Kindern.

    Sie haben es immer schwer gehabt, sie haben sich gequält, aber niemand hat das gewürdigt. Wo im Nebenzimmer die Angehörigen der Vereinsstammtische noch Strategien überlegen, wie sie sich verbessern könnten, wissen die Angehörigen echter Stammtische längst, dass das für sie, wenn nicht alles sich ändert, nie möglich sein wird. Nur die, die hier mit ihnen sind, können sie verstehen. Sie teilen ihr Schicksal.

    Darum findet man in jedem Stammtisch, so abstoßend er sein mag, einen Rest jener Utopie von Heimat, die Ernst Bloch im Prinzip Hoffnung beschreibt, die "allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war", aber ihr wärmendes Leuchten ist verglimmt in einem täglich neu errichteten und weiter befestigten Bunker, der dem Schutz dienen soll einer niemals erfahrenen, sondern bloß behaupteten Heimat und der Bewahrung und besser noch der Mehrung des sogenannten Eigenen.

    foto: picturedesk
    "In seiner Mitte platziert ist häufig ein großer gusseiserner Aschenbecher": Nirgendwo in der analogen Welt wird so hasserfüllt, so niederträchtig über andere Menschen gesprochen wie an Stammtischen.

    Denn wenn auch in die Stammtischgemeinde alle aufgenommen werden können, gleich welchen Geschlechts und welcher Herkunft, so sind sie doch, gehören sie erst dazu, Teil einer Verteidigungsgemeinschaft, eines Bollwerks. Hier hat das Fremde keinen Zugriff und ist doch, wortreich herbeigeredet als Bedrohung, immer präsent und umso gefährlicher, je später der Abend, je lauter das Gespräch. Nirgendwo, jedenfalls in der analogen Welt, wird so hasserfüllt, so niederträchtig über andere Menschen gesprochen, über Politiker, Fremde, Verwandte, von Männern über Frauen und von Frauen über Männer, wie an den Stammtischen.

    Der österreichische Autor und Kabarettist Otto Grünmandl (1924-2000) hat in seinem ersten (und bekanntesten) Soloprogramm von 1976, Der Einmannstammtisch, das Wesen des Stammtischbewohners eindrucksvoll beschrieben. Ein Möbelvertreter ist am Wort, der, nicht ohne ständig abzuschweifen, dieses revolutionäre Möbelstück erklärt und vor den Augen des Publikums zusammenbaut.

    Ein "Trinkerarm" zum Anstoßen

    Gedacht ist es für Menschen, die aufgrund von Irrtümern (zur falschen Zeit im falschen Ort im falschen Gasthaus) den Weg zu ihrem gewohnten Stammtisch verfehlt haben. Da man in Österreich aber ohne einen solchen nicht sein kann, soll ihnen in jedem Wirtshaus der Einmannstammtisch zur Verfügung stehen, an dem sie beispielsweise durch den an ihm angebrachten "Trinkerarm" mit sich selbst anstoßen können. Sie sind allein mit sich und doch gesellig und sind vor allem geschützt gegen die Außenwelt.

    Das Vorderteil des Tisches lässt sich hochklappen, man öffnet ein Schiebetürchen und kann so beobachten, was draußen vorgeht. Stacheldraht umgibt bald den Einmannstammtisch, zwei Schießrohre werden angebracht, damit man sich gegen unerwünschte Annäherungen verteidigen kann. In einer Festung der Gemütlichkeit sitzt zuletzt der Stammtischbewohner, böse aus dem Fenster starrend, ein verstummter Herr Karl, geduldig harrend einer Chance auf Wiederkehr. (Antonio FIan)

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    W wie Würstelstand

    Die Frage nach dem Senf war schnell beantwortet. Ein scharfer, absolut. Süßer Senf ist etwas für Loser.

    Ob es nun Juli oder August 1982 war, ich könnte es nicht beschwören. Beschwören kann ich aber, dass es selbst noch um vier Uhr in der Früh außergewöhnlich warm war. Man mochte meinen, den vom Wiener Sommer aufgeheizten Beton seufzen zu hören. Was wiederum nur darum möglich war, weil um diese frühe Morgenstunde auf dem ansonsten so stark befahrenen Gürtel eine fast traumhafte Ruhe herrschte (jener Straßenzug, dem zu verdanken ist, dass die ständig wachsende Stadt in ihrem Kern schlank gehalten wird, auch wenn naturgemäß nicht ganz so schlank wie dort, wo die Ringstraße den ersten Bezirk umschließt und ihm auf ewig etwas Sisihaftes verleiht). Mein Ziel war der Würstelstand auf dem Südtiroler Platz.

    Ich kann auch beschwören, damals noch kein Vegetarier gewesen zu sein, vielmehr ein Liebhaber jener Wurstwaren, die Käsekrainer und Burenwurst heißen (Letztere oft als "Haße" bezeichnet, während mir der Begriff "Burenheidl" niemals über die damals 21-jährigen Lippen ging). Diese Zeit der frühen 80er-Jahre liegt wie ein dichter Nebel in meiner Erinnerung: die Schulterpolster der Frauen, die Bundfaltenhosen der Männer, dieser Kosmos aus Klängen, die fast alle, selbst noch das Röcheln einer Filterkaffeemaschine, von den Gesängen einer in Auflösung befindlichen schwedischen Popgruppe inspiriert schienen.

    foto: picturedesk
    Die Frage nach dem Senf war schnell beantwortet. Ein scharfer, absolut. Süßer Senf ist etwas für Loser.

    Ich weiß nicht einmal mehr, ob in diesem Jahr Rapid Wien endlich wieder Meister geworden war oder erst im Jahr darauf. Aber natürlich weiß ich gut um diese eine Nacht am Würstelstand. Wo sich ein ganzer Haufen von Marathontrinkern, Schlaflosen und hungrigen Lunatisten zusammengefunden hatte sowie Leute, die nach einem Zuviel des Lebens bei Wurst und Senf, bei Bier, Salzgurke und Gabelroller zur Ruhe kommen wollten. Was ja nicht heißt, dass man nicht politisieren darf.

    Hellseher am Würstelstand

    Am Würstelstand neigen die Menschen dazu, in die Zukunft schauen zu können. Sie erahnen all die Dinge, die noch kommen werden, aber auch jene Dinge, die zwar nicht wirklich, vielleicht aber in einer österreichischen Parallelwelt eintreten. Am Würstelstand hatten schon sehr früh viele Leute behauptet, dass Jörg Haider einmal Bundeskanzler von Österreich werden würde. Und in Bezug auf eine parallele Wirklichkeit – nicht unendlich viele, sondern wirklich nur diese eine zweite neben der vermeintlich wirklichen – haben sie ja auch recht behalten.

    Allerdings ereignete sich an diesem Abend nichts Politisches, sondern etwas, von dem man im ersten Moment schwer hätte sagen können, ob es eine Katastrophe, ein Wunder oder eine bloße Illusion darstellt. Es war zunächst nur das Geräusch, das vernommen wurde, ein sich näherndes, und zwar von oben aus dem Nachthimmel. Ein Geräusch, das die um den Würstelstand stehenden Gäste nach und nach verstummen ließ.

    War es einer dieser Meteore, die auf dem Weg durch die Atmosphäre nicht gänzlich verglühen und darum mit einer leichten Namensänderung auf der Erdoberfläche auftreffen? "Scheiße", sagte jemand, "das ist ein Flugzeug."

    Die Cessna am Gürtel

    Es war tatsächlich eines. Keine Passagiermaschine, Gott sei Dank, sondern eine kleine Propellermaschine, wahrscheinlich eine Cessna, weil ja alle kleinen Flugzeuge so heißen, so wie man, wenn man einen mit Mineralwasser versetzten Apfelsaft bestellt, auch nicht "Apfelsaft gespritzt" sagt, sondern "Obi gespritzt" und sich einen anderen Apfelsaft als den von Obi gar nicht vorstellen kann. Was wäre ein Apfelsaft, der nicht von Obi kommt? Eine Täuschung? Ein Klimt, der nicht von Klimt gemalt wurde?

    Die Cessna kam also näher. Endlich sahen wir sie im Schein der Straßenbeleuchtung. Sie landete etwa auf Höhe der Blechturmgasse auf dem zu diesem Zeitpunkt vollkommen autofreien Wiedner Gürtel. Die einmotorige Maschine rollte mit einer filmreifen Genauigkeit nur wenige Meter vor dem Würstelstand aus. Der Propeller erstarb. Es sah aus, als hätte der Pilot nichts anderes im Sinn gehabt, als genau an dieser Stelle zu parken. Ein Pilot, der auch bald darauf die Tür seines Cockpits öffnete, herausstieg und sich auf den Würstelstand zubewegte.

    Der "Rote"

    Das eigentlich Erstaunliche war nun nicht, dass dieses Kleinflugzeug an solch ungewöhnlichem Ort gelandet war – nicht wegen technischer Probleme, wie sich zeigte, sondern aufgrund einer Verwirrung des nicht mehr ganz nüchternen Piloten -, nein, das Erstaunliche war, wie gelassen die Gäste des Würstelstands blieben.

    Niemand kam auf die Idee, die Polizei benachrichtigen zu wollen, auch nicht der Würschtlmann, der in dieser Nacht den Stand bediente, ein massiger Kerl, den sie den "Roten" nannten, ohne dass ich herausbekam, ob er so hieß, weil er Sozialist war oder wegen seiner roten Haare, die nicht rot waren, sondern schwarz, aber auf eine Weise gefärbt, dass man meinte, er trage auf seinem Kopf etwas, das in anderem Zusammenhang als "kleines Schwarzes" bezeichnet wird. Die Leute traten bloß ein wenig zur Seite und bildeten einen Korridor, damit der Pilot ungehindert an die Theke treten konnte.

    Ich war gut platziert und konnte sein Englisch hören. Er versuchte herauszufinden, wo genau er sich befand. Er sprach das Englisch eines Schotten. Seine Stimme erinnerte mich an jene des von James Doohan verkörperten Chefingenieurs in der Raumschiff Enterprise-Serie. Ich hatte eben begonnen, sie mir im Original anzusehen (ohne zu ahnen, dass der Schauspieler in der Rolle des schottischen "Scotty" eigentlich Kanadier war).

    Die Wahl der richtigen Wurst

    Es mochte etwas Komödiantisches besitzen, dass ausgerechnet ein Schotte – Menschen, von denen wir nicht viel mehr wussten, als dass sie Röcke tragen und im Verdacht witzbildartiger Sparsamkeit stehen – hier niedergegangen war. Doch es hatte auch etwas Stimmiges. Es lag ein guter Ernst in dieser Komik. Ehrlich, wir hätten alle tot sein können, wäre der Schotte in den Würstelstand gedonnert und explodiert, anstatt in einer geradezu vorschriftsmäßigen Weise an dessen Rand zu parken. Die Frage, die sich nun ergab, war weniger die nach dem nächsten Flughafen oder welcher phänomenale Irrtum den Piloten hierher verschlagen hatte, sondern welche der Würste man ihm, dem Fremden, kredenzen sollte. Wobei mehrere Gäste sich anboten, ihn einzuladen. Doch damit war die Wahl der Wurst nicht geklärt.

    Aber genau diese Frage schien im Augenblick so viel wesentlicher als alles andere, als hänge davon ab, ob Österreich vielleicht hundert Jahre später Krieg gegen die Schotten führen würde, oder ganz im Gegenteil, zusammen mit den Schotten eine eigene EU gründen würde, so etwas in der Art. Die meisten der Gäste votierten entweder für die Waldviertler oder für die Burenwurst.

    Brot – der Boden, auf dem alles entstanden war

    Jemand brachte die Debreziner ins Spiel, niemand aber die Frankfurter, ich meinte auch, jemanden zu sehen, der seine eigene Käsekrainer hochhielt, aber wie gesagt, in erster Linie waren es die Burenwurst sowie die mit einer dicken Haut versehene, im Inneren an das Gesicht eines bluthochdruckkranken Menschen erinnernde Waldviertler Wurst, die zur Wahl standen. Dazu natürlich Senf, frischer Kren und eine Scheibe Brot. Dem Brot kam bei alldem etwas Missionarisches zu. Man mochte das kitschig, sentimental oder katholisch nennen, aber das Brot war nicht die Zutat, nicht das Beiwerk, sondern vielmehr der Boden, auf dem alles entstanden war.

    Der Grund dafür, dass die Dinge überhaupt existierten: Wurst und Senf und Kren, und natürlich das Bier und all die "Glasware" wie Silberzwiebeln, Gürkchen, Peperoni und die liebevoll gerollten und gespickten Stücke von atlantischem Hering. Nicht zuletzt jene Mannerschnitten, mit denen man, sollte Österreich je einen Satelliten ins Weltall schießen, dessen Inneres tapezieren würde, als kompakte Quintessenz einer vom Österreichischen her gedachten Menschheit.

    Noch bevor man sich nun für die Wurst entscheiden konnte, die dem schottischen Gast serviert werden sollte, war die Frage nach dem Senf schnell beantwortet. Ein scharfer, absolut. Für alle stand fest, dass süßer Senf etwas für Loser, Lulus oder Bayern war. Und Schotten waren ja definitiv keine Bayern. Scharfer also. Dazu ein Schwechater Bier, kein Dosenbier aus Ottakring, später gerne 16er-Blech genannt (Touristendeutsch), nein, ein Schwechater Bier aus der Flasche, was ja auch darum so passend war, weil der nächstgelegene ordnungsgemäße Flughafen sich bei der Ortschaft Schwechat befand (mag sein, dass es doch ein Gösser war, aber ich bilde mir gerne ein, es sei ein Schwechater Bier gewesen).

    Letztlich die Burenwurst

    Ich weiß nicht, wieso sich letztlich die Burenwurst durchsetzte und der Schotte endlich etwas zu essen bekam. Möglicherweise, weil die Burenwurst als die "Mannerschnitte unter den Würsten" gelten darf, somit ebenfalls eine Quintessenz darstellend, etwas, das eigentlich das "fünfte Element" bedeutet, oder das "fünfte Seiende".

    Wie auch immer, der Schotte war glücklich damit. Mit der Wurst, dem Senf, dem frischen Kren, der Salzgurke, die zwischen seinen Zähnen spritzte, dem fundamentalen Brot. Dies alles stärkte ihn in einer Weise, die ihm half, wieder eine Übersicht zu gewinnen, zu erfassen, wo er war, wer er war und wohin er überhaupt wollte. Jedenfalls kehrte er gesättigt, von Applaus und Glückwünschen begleitet zurück zu seinem Flugzeug, startete es, nahm einen schönen Anlauf bis hinüber zum damals noch existierenden Südbahnhof, hob ab, ein wenig wackelig, ohne aber irgendeinen Unfall zu verursachen, und verschwand in der Nacht.

    Als zehn Minuten später ein Polizeiwagen vor dem Würstelstand hielt und zwei Uniformierte ausstiegen, blieb unklar, ob sie überhaupt wegen des Flugzeugs gekommen waren. Zwar schauten sie sich kurz um, traten dann aber genau an die Stelle, wo zuvor der Schotte gestanden hatte, und bestellten – nicht ohne Würde – zwei Paar Frankfurter. Von oben betrachtet war dieser Würstelstand die Welt.

    Er ganz allein. (Heinrich Steinfest, 29.9.2018)

    Maja Haderlap, geb. 1961 in Kärnten, ist eine österreichische Schriftstellerin. Sie gewann 2011 den Bachmann-Preis. Zuletzt erschien von ihr der Lyrikband "langer transit" (Wallstein, 2014).

    Antonio Fian, geb. 1956 in Klagenfurt, ist ein österreichischer Schriftsteller und Dramatiker. Zuletzt erschien sein Gedichtband "Mach es wie die Eieruhr" (Droschl-Verlag, 2018).

    Heinrich Steinfest, geb. 1961 in Albury, Australien, ist ein österreichischer Schriftsteller und bildender Künstler. Zuletzt erschien sein Roman "Die Büglerin" (Piper-Verlag, 2018).

    Monika Sommer, Heidemarie Uhl und Klaus Zeyringer, "100 × Österreich". € 29,90 / 400 Seiten. Kremayr-&-Scheriau-Verlag, 2018

    • Eine neue Publikation versammelt 100 Positionen zu Österreichischem: von Adele, Burgtheater und Conchita bis hin zu Schnitzel, Tracht und Waldheimat.
      foto: istock

      Eine neue Publikation versammelt 100 Positionen zu Österreichischem: von Adele, Burgtheater und Conchita bis hin zu Schnitzel, Tracht und Waldheimat.

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