E-Mobilität bei VW: Lego für Fortgeschrittene

    30. September 2018, 12:38
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    Auf dem Weg zur Massenelektromobilität hat VW ein wichtiges Etappenziel erreicht: Der MEB, der Modulare Elektrifizierungsbaukasten, ist fertig

    Dresden – Motor hinten, vorn alles glatt und kein Kühlergrill, annähernd kugeliges Design. Kommt Ihnen vertraut vor, Käfer und so? Getreu dem vielzitierten Wort, Tradition sei nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers, fährt VW in die Ära der Elektromassenmobilität. Der erste Sendbote, der I.D. (spricht man's Deutsch aus, ergibt sich phonetisch Idee), kommt aus Zwickauer Fertigung Anfang '20 als Rundling mit Heckantrieb und ohne Kühlergrill. Mit idealer Achslastverteilung von 50:50.

    Damit wäre schon einmal eine technische Grundkonstellation angerissen. Detaillierteren Einblick gewährte VW dazu in einem Techniktag in der Gläsernen Manufaktur im prachtvollen Elbflorenz, wo von 2002 bis 2016 mit – ähm: mäßigem Erfolg der Phaeton gebaut wurde, seit 2017 ein Zentrum für Zukunftsmobilität untergebracht ist und zudem derzeit der E-Golf vom Band läuft.

    foto: volkswagen
    Der I.D. links oben ist noch die Studie, aber das Auto im Golf-Format, mit dem VW die Elektroära in großem Stile startet, wird recht ähnlich aussehen.

    Es ging um den MEB von VW, den Modularen Elektrifizierungsbaukasten, der nun mehr oder weniger fertig (definiert) ist und die Grundlage für viele, viele E-Autos von Golf- bis über Passatgröße bilden wird. Die hochflexible Architektur ermöglicht eine Art Lego für Fortgeschrittene. Für größere, noblere, auch weniger preissensible Gebinde tüfteln Audi und Porsche gerade an der PPE (Premium Plattform Elektro), welche gegen Ende 2021 startbereit sein soll.

    Skalierbare Akkus

    MEB-Kern ist die Batterie im Flachmannformat – das halten aus nachvollziehbaren Gründen jetzt alle so -, die unterflurig eingebaut und je nach Energieinhalt skalierbar konzipiert ist, das heißt: unterschiedlich groß geraten wird. Für den I.D. sind drei verschiedene Dimensionen (und Fahrzeugeinstiegspreise) vorgesehen, die ihn nach WLTP-Zyklus zwischen 330 und 550 km weit bringen sollen – wir raten für die mittlere Batterie einfach mal: 440 km Reichweite?

    foto: volkswagen
    Die ersten vier I.D.-Mobile.

    Weiters ist ein Leergewicht ab etwa 1600 kg avisiert, eine Batteriegarantie von 160.000 km oder acht Jahren, und der E-Motor leistet vermutlich um die 125 kW (170 PS). Anders als beim alten Käfer ist auch Allrad darstellbar, dann kommt an der Vorderachse einfach ein weiterer E-Motor dazu.

    Räder an die Ecken

    Der Konzeption mit der Batterie inmitten wegen wandern die Räder weit raus an die Ecken, lange Radstände sind die Folge (sowie große Räder) und kurze Überhänge. Der I.D. wird zwar etwas kürzer als der Golf, bietet aber im Innen- und Kofferraum mehr Platz. Der Mitteltunnel entfällt, und wegen des Unterflurkonzepts wird das Auto auch ein bisserl höher.

    Sechs Milliarden Euro investiert VW in die E-Mobilität, bis 2022 sollen sich schon 27 MEBler von VW, Seat, Skoda, Audi (die kleinen E-Autos) und VWN (I.D. Buzz Cargo) auf den Straßen dieser Welt tummeln. "Autos für Millionen, nicht für Millionäre", sagt VW – heißt in Zahlen: Zwischen 2020 und 2025 soll der Absatz der Batterieelektriker von 100.000 auf eine Million hochschnalzen.

    foto: andreas stockinger
    VW-Sprecherin Sonja Tyczka nimmt Platz im MEB-Demonstrator.

    In Salzgitter wurde übrigens als Teil eines strategischen Projekts ein Konzern-Kompetenzzentrum zur Bündelung des Batterie-Know-hows eingerichtet, spezielle Chemiker und Elektriker sind gefragt. Die derzeit 100 Mitarbeiter wachsen nächstes Jahr auf 300 an. Momentan wird eine Prüflinie errichtet, Serienproduktion ist dort aber keine vorgesehen.

    Batterie-Fertigung

    Die modular aufgebauten Multi-Zell-Batterien werden in Braunschweig gebaut, die dortige Kapazität ist auf 500.000 Batterien jährlich ausgelegt. Um sich nicht von bloß einem (Fernost-)Hersteller abhängig zu machen, können prismatische ebenso wie Pouch-Zellen verwendet werden, und zur Veranschaulichung der Komplexität dieser Batteriesysteme: Sie bestünden aus bis zu 2500 Einzelteilen, hieß es beim Workshop in Dresden. Wie überall ist die Feststoffbatterie noch Zukunft, diese soll aber vor 2030 Realität werden.

    Bei allen Ideen-VWs ist induktives Laden bereits vorbereitet, es wird jedoch nicht von Anfang an möglich sein. Und neben dem Wallbox-Laden (I.D. mit 11 kW: 6 h Ladedauer, 22 kW: 3 h) werden sie alle schnellladefähig sein, Ladeleistung: bis 125 kW. An Gleichstrom-Stationen – Stichwort: Ionity-Ladeinfrastruktur, gemeinsam mit Daimler, BMW und Ford – ist der I.D. in einer halben Stunde zu 80 Prozent geladen. Automatisch parken und laden? "Kommt in weniger als fünf Jahren", orakelt VW.

    foto: volkswagen
    Ein Hinweis auf das im Entstehen begriffene Ionity-Ladenetz mit 350-kW-Ladesäulen.

    Die Technik hat VW also gut im Griff, nur im Ausdruck hapert es mitunter. Sonst bekäme man keine Sager zu hören wie "Wir sind bereit für eine neue Zukunft." Gibt es auch eine alte? Hieße die nicht Vergangenheit? Besser nicht fragen. Schon gar nicht auf Deutsch. (Andreas Stockinger, 30.9.2018)

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    Volkswagen

    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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