Österreichs bewegte Geschichte im Spiegel von 99 Dokumenten

    30. September 2018, 12:00
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    Das Österreichische Staatsarchiv hat einige Prunkstücke aus seinen Beständen, aber auch Unerwartetes in einem prächtigen Bilderbuch versammelt

    Was ist Österreich? Zum 100-Jahr-Jubiläum der Republik, das in diesem Gedenkjahr seit mittlerweile fast zehn Monaten gefeiert wird, sind zahlreiche neue Bücher erschienen, die diese Frage meist im Rückblick auf die vergangenen hundert Jahre beantworten. Ganz anders legt es Wolfgang Maderthaner, Historiker und Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, im prächtigen "Bilderbuch" Österreich an, das am 1. Oktober erscheinen wird.

    "Das, was wir seit rund 100 Jahren unter Österreich verstehen, ist sowohl räumlich wie auch zeitlich nur ein kleiner Teil dessen, was es einmal war", erklärt Maderthaner zum Konzept. Also hat er – angeregt von Peter Greenaways Ausstellung "100 Objects to Represent the World" – 99 Urkunden, Dokumente und Briefe kompiliert, die auch die lange Vorgeschichte Österreichs bis hin zur Republik repräsentieren – sowie deren "Unbewusstes", wie er auch in einem klugen Einführungstext erläutert.

    Womöglich hat es ja auch etwas mit der unsicheren Identität dieses Landes zu tun, dass sein eigentliches Gründungsdokument – das berühmte Privilegium maius aus dem Jahr 1358/59, mit dem die Habsburger eine Reihe von Sonderrechten herausschlugen und ihre Herrschaft ausweiteten – eine der besten Fälschungen der Geschichte ist.

    Beginn mit dem Jahr 816

    Unter den ausgesuchten Dokumenten, die in kurzen Texten von verschiedenen Fachleuten kundig erläutert werden, befinden sich natürlich zahlreiche weitere, für Kenner erwartbare Prunkstücke des Österreichischen Staatsarchivs.

    Es beginnt mit jenem mehr als 1200 Jahre alten Pergament, mit dem Ludwig der Fromme das Erzbistum Salzburg mit Immunität ausstattete. Weitere Höhepunkte, die auch hier in chronologischer Reihenfolge abgebildet sind – beginnend mit der mystischen Andeutung, Wettmacht werden zu wollen: dem Monogramm AEIOU in der sogenannten Handregistratur Friedrichs III. aus dem Jahr 1446:

    foto: österreichisches staatsarchiv
    Die Vokalreihe steht in der Tradition spätmittelalterlicher Geheimcodes, seine eigentliche Bedeutung bleibt bis heute ein Rätsel. Praktisch-politischen Sinn erhielt sie mehr als ein Jahrhundert später, als Österreich langsam seine maximale Ausdehnung erreichte. Entsprechend fielen die Deutungen aus: "Austria erit in orbe ultimo" (Österreich wird bestehen bis ans Ende der Welt) bzw. "Austria est imperare orbi universo" (Österreich ist es bestimmt, die Welt zu beherrschen). Und auch eine zeitgenössische Interpretation in deutscher Sprache liegt vor: "Alles Erdreich ist Österreich untertan."

    Auch aus der Zeit, als die Sonne in Österreich nie unterging, gibt es ein eindrucksvolles Dokument im Österreichischen Staatsarchiv: den Geheimvertrag von Karl V., Habsburger und Kaiser des Heiligen Römische Reiches, über die Aufteilung der österreichischen Ländereien im Jahr 1522. Unter Karl V. herrschte Österreich auch über das heutige Mexiko.

    foto: österreichisches staatsarchiv
    Der 1522 geschlossene Geheimvertrag zwischen Karl V. und seinem Bruder zur Aufteilung der österreichischen Herzogtümer.

    Wieder ein Jahrhundert später, vor genau 400 Jahren, begann der Dreißigjährige Krieg. Österreich, jedenfalls die Teile südlich der Donau, war davon nur mittelbar betroffen. Der Krieg endete in Böhmen, wo er begonnen hatte. Am 24. Oktober 1648 schloss Ferdinand III. zu Münster mit Frankreich und in Osnabrück mit Schweden den Westfälischen Frieden.

    foto: österreichisches staatsarchiv
    Originaldokument des Westfälischen Friedens, der 1648 das Ende des Dreißigjährigen Krieges besiegelte. Die Habsburger konzentrierten sich in der Folge auf die Entwicklung ihrer Länder, brachten die Gegenreformation zum Abschluss und legten die Grundlage für den Aufschwung des Barockzeitalters.

    Wieder zwei Jahrhunderte später steht Wien wieder einmal im Zentrum des Weltgeschehens – oder zumindest dem politischen Geschehen Europas: Der Wiener Kongress, der vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 stattfand, ordnete nach der Niederlage Napoleon Bonapartes in den Koalitionskriegen Europa neu.

    foto: österreichisches staatsarchiv
    Die Schlussakte des Wiener Kongresses sind Teil des Weltdokumentenerbe.

    Es gibt aber auch viel Unerwartetes, das den Bogen bis in die jüngste Vergangenheit spannt – wie jenes Fotodokument der Migrationskrise 2015, das indirekt auch darauf verweist, dass im Österreichischen Staatsarchiv in Zukunft jene Archivalien lagern werden, die es zur historischen Erforschung dieser Ereignisse einmal brauchen wird.

    Adolf-Hitler-Universität

    Etliche der Dokumente führen dabei vor Augen, zu welchen kulturellen Höchstleistungen Österreicher (Mozart, Haydn, "Der Mann ohne Eigenschaften") fähig waren. Der Band spart aber auch nicht aus, wie tief das Land, seine Regierenden und seine Bewohner sinken konnten, von der Gegenreformation bis zur NS-Zeit.

    Und auch hier wird Bekanntes neu beleuchtet oder weitgehend Unbekanntes zurück ins historische Gedächtnis geholt – wie etwa jener Brief, mit dem der Akademische Senat der Universität Graz am 17. März 1938 den Wunsch kundtat, die Hochschule in Adolf-Hitler-Universität umzubenennen.

    Die Reichskanzlei in Berlin lehnte den Antrag übrigens ab. (Klaus Taschwer, 30.9.2018)


    Wolfgang Maderthaner (Hg.), "Österreich. 99 Dokumente, Briefe und Urkunden". € 50,– / 560 Seiten. Brandstätter Verlag, Wien 2018

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      brandstätter verlag

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