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2. Oktober 2018, 08:00

Prügelnde Polizisten in Westberlin, Straßenschlachten in Paris, Absage an alte bürgerliche Werte, Studentenrevolten. Bei 1968 fallen einem nicht als Erstes die Olympischen Spiele von Mexiko ein. Heute, am 2. Oktober, vor 50 Jahren eröffneten Polizei und Armee in Tlatelolco, einem Viertel von Mexiko-Stadt, das Feuer auf 10.000 Studenten, die gegen die autoritäre Gewaltherrschaft im Land protestierten.

Polizisten stürmten Spitäler und ermordeten Verwundete in ihren Betten. Insgesamt sollen bei dem Massaker von Tlatelolco 200 bis 300 Menschen umgebracht worden sein, namentlich erwähnt wurden nur einige Dutzend. Tausende wurden festgenommen, viele wurden gefoltert, viele wurden verschleppt und verschwanden für immer.

foto: ap
Bis in die Nachtstunden durchkämmten Militärs jedes Stockwerk der umliegenden Wohnblocks auf der Suche nach den Studentenführern. An die zweitausend wurden in jener Nacht festgenommen, viele von ihnen misshandelt, einige Hundert verschwanden für Jahre im Gefängnis. Unzählige wurden bei der Flucht verletzt, mit Schusswunden im Rücken, im Nacken oder im Gesäß.
foto: ap
Die Panzer fuhren 1968 auf dem Plaza de las Tres Culturas in Tlatelolco in Mexiko-City auf.
foto: afp/schemidt
Der Platz der drei Kulturen heute: Am Tag bewohnt von Obdachlosen, in der Nacht ein Treffpunkt für Drogensüchtige. Andere überqueren ihn schnellen Schrittes. Drum herum stehen heruntergekommene Betonbauten mit Wohnungen für die untere Mittelschicht.

Zehn Tage nach dem Massaker eröffnete Präsident Gustavo Díaz die olympischen Spiele 1968 in Mexiko und das Internationale Olympische Komitee tat so, als wäre nichts geschehen. Kein Protest von Seiten der Sportfunktionäre, kein Land boykottierte die Spiele. Nun konnte ohne lästige Störer gefeiert werden. Mexiko 1968 markierte einen Höhepunkt der Schönfärberei der "Spiele des Friedens". Und es wurde deutlicher denn je, dass Sport und Politik nicht mehr zu trennen waren.

Mit dem IOC-Zuschlag für die mexikanische Hauptstadt, die sich bereits im ersten Durchgang mit 30 Stimmen gegenüber Detroit (14) behauptete, hatte kein Gegner der USA gewonnen. Mit einer "Allianz des Fortschritts" wollte John F. Kennedy nach der gescheiterten Kuba-Invasion mit 600 Millionen Dollar Entwicklungshilfe Imagepflege in Lateinamerika betreiben. Auch die mexikanische Politik erhoffte sich viel von den Spielen, umso grausamer ging sie gegen die Studentenproteste vor. Eine Spezialeinheit von Präsident Díaz, das "Batallón Olimpia", das eigentlich mit dem Schutz der Spiele beauftragt war, überwältigte die Anführer der Proteste und machte beim Morden mit.

In Mexiko sollte das IOC auch mit dem Thema Rassismus konfrontiert werden. Nachdem die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos im 200-Meter-Finale Gold und Bronze gewonnen hatten, reckten sie bei der Siegerehrung zur Hymne die Faust zum Black-Power-Gruß, aus Protest gegen die Diskriminierung der Afroamerikaner.

foto: ap/stf
Sie wollten Gerechtigkeit und ernteten Hass: Die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos reckten auf dem Siegerpodest ihre behandschuhten Fäuste, um gegen Rassismus in ihrer Heimat zu demonstrieren. Die Folgen spürten sie noch Jahrzehnte später.

Bis heute ist die Geste mit Mexiko verbunden, ein prägender Moment der Olympia-Geschichte. Die Athleten wurden für ihren Mut bestraft. In der Heimat feindete man Smith und Carlos an, der Verband warf sie aus dem Team, schickte sie nach Hause. Dort mussten sie weiterkämpfen, wie Carlos später sagte: "Ich nahm jeden Job an." Anerkennung gab es erst spät. 2010 wollte Smith seine Goldene versteigern. Niemand bot die Mindestsumme von 250.000 Dollar. Er hat die Medaille noch heute.

"Slavery Brundage"

Der damalige IOC-Präsident Avery Brundage hatte bei den Spielen 1936 in Berlin gegen den Hitlergruß keine Einwände, gegen die Faust und den damit verbundenen Black-Power-Gruß sehr wohl. Brundage war bei afroamerikanischen Athleten derart verhasst, dass diese ihm den Spitznamen "Slavery Brundage" gaben.

Mit den Spielen rückte auch für Mexiko das Dilemma von Geschichte und Identität in den Vordergrund. Die Beschäftigung mit der eigenen Herkunft, also mit Mexiko, zieht sich beständig durch das gesamte Werk des vor 20 Jahren verstorbenen Nationalschriftstellers Octavio Paz. Es traf aber 1968 nur mehr bedingt zu, was er 1950 in dem für Mexiko existenziellen Essay "Labyrinth der Einsamkeit" feststellte: dass der mexikanische Charakter trotz der zum Teil sehr blutigen Geschichte und Revolution konservativ, wertbeständig, traditionalistisch gesinnt ist, angereichert durch zwei historische Strömungen der Geschichte: der indianischen, der spanischen.

foto: imago/zuma press
Als Mexikos Literaturnobelpreisträger Octavio Paz vom Massaker an den Studenten erfuhr, legte er sein Amt als mexikanischer Botschafter in Indien nieder. Aus Protest gegen den grausamen Massenmord blieb er bis 1971 im freiwilligen Exil.

Mit einem Nationalstolz auf sportliche Leistungen sollte ein eigener, mexikanischer Charakter in den Vordergrund treten. Als Paz vom Massaker von Tlatelolco erfuhr, legte er seinen Posten als Botschafter in Indien sofort zurück.

Mexiko mit der Organisation der Olympischen Spiele 1968 zu beauftragen kann in mehrfacher Hinsicht als Experiment des IOC bezeichnet werden. Unmittelbar nach der Vergabe wurden bereits warnende Stimmen laut, die auf die extreme Höhenlage und die damit verbundenen Gesundheitsrisiken für Ausdauersportler hinwiesen. Das etwas makabere Motto im Vorfeld der Spiele lautete: "Der Tod läuft mit!" Es sollte sich auf tragische Weise abseits der Laufbahn bewahrheiten. "Mit den Prinzipien einer Demokratie, Zivilisation, Ethik hatte das nichts mehr zu tun – das war nur noch brutal", sagt der damalige Studentenführer Gilberto Guevara Niebla, der Tlatelolco überlebte, in Haft kam und gefoltert wurde.

Zuvor hatte das Komitee die Spiele immer nur an Länder mit großer Sporttradition vergeben. Sport in Mexiko reduzierte sich im Großen und Ganzen auf Profiboxen, Fußball und Stierkampf. Demzufolge war die Medaillenausbeute stets mager gewesen. Doch als Gastgeber gelang Mexiko mit neun Medaillen, je dreimal Gold, Silber und Bronze, ein höchst respektabler 15. Platz im Medaillenspiegel.

Segler Raudaschl erinnert sich

Österreich landete auf Rang 32. Der Segler Hubert Raudaschl holte ebenso Silber wie die Leichtathletin Liese Prokop im Fünfkampf. Bronze sicherten sich die Leichtathletin Eva Janko im Speerwurf sowie die Kanuten Günther Pfaff und Gerhard Seibold über 1000 Meter.

foto: apa/dpa/hasse persson
18.10.1968: Bob Beamon springt so weit, dass nicht einmal das Massband reicht. Niemand rechnet damit, dass ein Athlet die Weltrekordmarke von 8,35 m gleich derart übertreffen kann, wie es Beamon soeben getan hat. Nach zehn Minuten können die Kampfrichter endlich ein Massband besorgen, das lang genug ist. Danach steht die Weite fest: 8,90 m. Beamon übertrifft den alten Weltrekord um unfassbare 55 Zentimeter.

Raudaschl (76) sagt dem STANDARD: "Ich habe damals von dem Massaker nichts mitbekommen. Unsere Wettkämpfe fanden in Acapulco statt, dort haben viele Amerikaner geurlaubt, es gab kaum Nachrichten aus der Hauptstadt." US-Weitspringer Bob Beamon sorgte für den sportlichen Höhepunkt der Spiele, sein Weitsprung-Weltrekord (8,90) sollte erst 23 Jahre später von Mike Powell um fünf Zentimeter verbessert werden.

Richtungsweisend war Mexiko 1968 auch für die kommerzielle Entwicklung der olympischen Spiele. Offiziell wird der Zeitpunkt, ab dem die Gelddruckmaschine Olympia zu laufen begann, mit dem Beginn der IOC-Präsidentschaft von Juan Antonio Samaranch 1980 in Verbindung gebracht, der den Amateurparagrafen aufhob und mit selbstvermarkteten Fernsehrechten das IOC zu einem Milliarden-Konzern machte. Dabei wurden die ersten Schritte bereits in Mexiko gemacht. Kosteten die Spiele von Tokio 1964 noch 1,5 Millionen Dollar, beliefen sich die Gesamtkosten für Mexiko 1968 bereit auf knapp zehn Millionen Dollar, davon brachten die Fernsehrechte sechs Millionen Dollar Einnahmen. Die Spiele wurden zum ersten Mal in Farbe übertragen. Auch Zeitlupenstudien waren live verfügbar.

reuters
Jedes Jahr fordern Demonstranten an diesem Tag Aufklärung der Geschehnisse und Gerechtigkeit für die Opfer und liefern sich dabei auch Straßenschlachten mit der Polizei.

In Erinnerung an die Ereignisse, gibt es jedes Jahr am 2. Oktober Demonstrationen tausender Menschen in Mexiko-City. 50 Jahre später hat die mexikanische Politik das Massaker an Studenten in Tlatelolco als Verbrechen des Staates und Verletzung von Menschenrechten anerkannt. Die staatliche Kommission der Aufmerksamkeit für Opfer erklärte in einer Resolution, das Massaker solle nun öffentlich aufgearbeitet werden.

Die Antwort des IOC auf eine Anfrage der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", ob ein Gedenken für die Opfer geplant sein: "Dies war ein tragisches Ereignis, aber es hatte nichts mit den Olympischen Spielen zu tun."

foto: reuters/romero
Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach schweigt bezüglich einer Mitverantwortung des IOC für das Massaker und lässt ausrichten: "Dies war ein tragisches Ereignis, aber es hatte nichts mit den Olympischen Spielen zu tun."

Zuletzt erinnerten die Asienspiele im vergangenen August in Indonesien an 1968 und Mexiko. Sie waren von großem Widerstand in der Bevölkerung begleitet. Amnesty International zählte 31 Tote durch Polizeigewalt. "Mit den Asienspielen, die ein großer Erfolg waren, hat Indonesien gezeigt, dass es alle Voraussetzungen hat, Olympische Spiele auszurichten", hielt IOC-Präsident Thomas Bach fest. Er hat vor kurzem an Feierlichkeiten zum 50-jährigen Olympia-Jubiläum in Mexiko teilgenommen. Tlatelolco ist dabei unerwähnt geblieben. (Florian Vetter, 2.10.2018)