"Die Österreicher werden immer wieder unterschätzt"

DER STANDARD wurde am 19. Oktober 30 Jahre alt – Eine Reise durch die Zeitungs- und Onlinegeschichte

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3. Oktober 2018, 09:00

30. Juni 1988: Die Planungen für das "Wirtschaftsblatt" – so der damalige provisorische Titel – gehen in die Intensivphase, Nullnummern werden an Testleser verteilt. Der Axel-Springer-Verlag beteiligte sich in einer 50:50-Partnerschaft am neuen Zeitungsprojekt von Oscar Bronner, heimische Banken wollten keine Finanzierung bereitstellen.

Die Titelseite der Nullnummer vom 23. September 1988.

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STANDARD-Redakteur Thomas Mayer über die erste Zeit:

"Einmal versammelten wir uns alle im Layout. Bronner stieg auf einen Stuhl und begann zu reden. Frau Kogelmann vom Layout unterbrach ihn sofort: 'Wer sind Sie überhaupt?' – 'Oh, Verzeihung, mein Name ist Oscar Bronner.' Die spätere Radiowerbung war geboren. Zusammengewürfelt kannten wir einander kaum. Der Herausgeber hielt eine erste kurze programmatische Rede, die gesprochene Blattlinie sozusagen, sinngemäß: 'Wir machen jetzt so etwas wie die 'New York Times' für Österreich, eine Zeitung, die zwischen Bericht und Kommentar trennt, mit den Lesern auf Augenhöhe, ein aufgeklärtes Blatt, mit Informationen, damit die Leser die Welt, in der wir leben, etwas besser verstehen können." So einfach war das im Grunde." (Die ganze Geschichte können Sie hier lesen)

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19. Oktober 1988: Die erste Ausgabe des STANDARD erschien als "Tageszeitung für Wirtschaft, Politik und Kultur". Der erste Aufmacher war ein Interview mit dem damaligen Präsidenten des EG-Parlaments, dem Briten Henry Lord Plumb. Seine Botschaft: Ein Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft hätte nur dann eine Chance, wenn Österreich "ohne Ausnahme" sämtliche Satzungen der Europäischen Gemeinschaft akzeptiere.


Der erste STANDARD hatte 32 Seiten, vorne im ersten Buch Außenpolitik, dann Inland, ein chronikales Magazin – wo aber auch Sportmeldungen zu finden waren – und dann Kultur. Im zweiten Buch folgte der dicke Wirtschaftsteil, eine Wissenschaftsseite und schließlich die Kommentare der anderen und die Kommentarseite – so wie heute mit Kopf des Tages und Karikatur.

Die erste Ausgabe des STANDARD vom 19. Oktober 1988.

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In seinem Brief des Herausgebers schrieb Oscar Bronner in der ersten Ausgabe: "Wir wollen eine intelligente, mündige, überregionale Tageszeitung schaffen, die von allen Interessengruppen unabhängig ist. Eine Zeitung, die niemand anderem als den Lesern und der höchsten Professionalität verpflichtet ist. Dabei wissen wir natürlich um die Grenzen der journalistischen Mittel. Wir wissen, daß es Objektivität nicht gibt, aber wir können versuchen, uns ihr asymptotisch zu nähern. Als Werkzeug dazu dienen Meldung, Analyse und Kommentar. Die drei auseinanderzuhalten werden wir uns bemühen."

foto: profil/wobrazek
Die Redaktionskonferenz am 19. Oktober 1988: Hans-Georg Possanner, Josef Kirchengast, Oliver Schopf (verdeckt), Oscar Bronner, Fritz Molden, Michael Hann und Gerfried Sperl.

Zehn Probenummern wurden davor erstellt, "zwei Jahre Bemühungen und Verhinderungsversuche" – so Bronner – dauerte es, bis DER STANDARD startete. Und das in innenpolitisch wie außenpolitisch turbulenten Zeiten. Die Affäre Waldheim belastete das Ansehen Österreichs ebenso wie der beginnende Aufstieg der FPÖ, Österreich war noch nicht in der EG, der Fall des Eisernen Vorhangs nicht absehbar. Bronner weiter:

"Die Österreicher werden immer wieder unterschätzt. Sie sind durchaus bereit und in der Lage, Herausforderungen anzunehmen. Es muß nur die Mühe wert sein. In diesem Sinn hoffe ich, daß DER STANDARD diesen Test besteht und daß ihn die Österreicher zu dem machen, das dringend notwendig ist: zur großen Stimme eines Landes, das gerade in letzter Zeit etwas kritischer angesprochen wird. Mit Recht, meiner Meinung nach. Denn dieses Land ist bedeutender, als seine gegenwärtige Erscheinung vermuten läßt."

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11.November 1988: Die KARRIERE-Rubrik wird geboren. Karriere-Ressortleiterin Karin Bauer:

"Mit der Überzeugung, dass es bei Arbeit um mehr geht als nur um irgendeinen Lebensunterhalt, war der Name für die neue Rubrik der neuen Zeitung gefunden: Karriere. Toll und innovativ, ging aber nur so lange gut, bis deutsche Markenschützer Änderung verlangten. So war 1989 der KarrierenStandard geboren. Novität: Es gab nicht nur Stellenanzeigen für gehobene Positionen, sondern erstmals in Österreich redaktionelle Inhalte dazu. (Die ganze Geschichte können Sie hier lesen)"

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4. März 1989: Das Album erscheint zum ersten Mal.

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15. April 1989: Den STANDARD gibt es nun auch am Samstag zu kaufen.

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der standard
Das Gründungsteam von DER STANDARD zieht in die ersten Räumlichkeiten rund um Maria am Gestade im ersten Bezirk ein. Der Archivfilm stammt der Überlieferung zufolge von Werbefilmer Max Vrecer. Überarbeitung: Maria von Usslar

Jänner 1990: Redaktion und Verlag ziehen von Maria am Gestade an den Michaelerplatz.

1. September 1992: Gerfried Sperl wird geschäftsführender Chefredakteur. Sperl war schon seit der Gründung des STANDARD stellvertretender Chefredakteur.

foto: profil/wobrazek
Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des STANDARD.

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2. Februar 1995: "Viel Spaß wünscht Ihr STANDARD-Internetteam", hieß es auf der Startseite. Präsentiert wurde die Website (damals noch www.derstandard.co.at/derstandard) bei der Computermesse Global Village im Wiener Rathaus. Auch damals hatte die Seite den derStandard.at-typischen grauen Hintergrund und die blaue Verlinkung, eine kleine Auswahl von Artikeln aus der Zeitung wurde online gestellt. DER STANDARD erklärte damals den Weg zur Online-Schwester: "Das Einzige, das man zum Zeitunglesen im globalen Dorf benötigt, ist ein Computer mit vollem Internet-Anschluss sowie eine Software, die die Hyperlinks des World Wide Webs (WWW) beherrscht." (Mehr zur Gründungsgeschichte von derStandard.at lesen Sie hier)

30. April 1995: Der deutsche Springer-Verlag zieht sich aus dem STANDARD zurück, Oscar Bronner übernimmt die Anteile.

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Die Online-Redaktion im Jahr 1998.

September 1997: Eine selbstständige Onlineredaktion wird gegründet. STANDARD-Redakteurin Sabine Bürger erinnert sich:

"Wie kam DER STANDARD eigentlich zu seiner Onlineredaktion? Im Sommerurlaub 1997 holt sich Oscar Bronner "seine tägliche Dosis Zeitung" am Mobiltelefon. Wieder zurück ist nicht nur die Telefonrechnung "mit astronomisch nur unzureichend beschrieben", heißt es in seiner Biografie "Trotzdem", sondern auch das Budget für eine eigenständige Onlineredaktion gewährt. "Und ermöglicht damit einer kleinen Partie von zu diesem Zeitpunkt im Haus arbeitenden Zeitungspraktikanten, die 'gar nicht so schlecht sind' (Gerfried Sperl), und einer Handvoll Programmierer nicht weniger als die Vollziehung einer Revolution."So wird die Website ab September 1997 zum Nachrichtenportal." (Die ganze Geschichte lesen Sie hier)

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Der Newsroom in der Herrengasse im Jahr 2003.

Mai 1997: DER STANDARD übersiedelt vom Michaelerplatz (Adresse: Herrengasse 1–3) wenige Häuser weiter ins Palais Trauttmansdorff in der Herrengasse 19–21. Bis zum Umzug in die Vordere Zollamtsstraße im Jahr 2013 verteilten sich DER STANDARD und derStandard.at auf bis zu vier Standorte in der Wiener Innenstadt.

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Juni 1998: Der erste Livebericht im Sport geht online, erst später wird das Format auch für andere Themen verwendet.

Das erste Rondo-Cover.

Oktober 1998: Mit einem große Fest im Palais Liechtenstein wird der zehnte Geburtstag des STANDARD gefeiert.

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5. März 1999: Das RONDO erscheint erstmals, in der Beilage werden bis heute Mode, Design, Reise und Essen behandelt. Damals: Die Macher der Modemarke Strenesse im Porträt, Kreta als Frühlingsdestination und die Welt des Winzers Vasco Sassetti. RONDO-Redakteur Michael Hausenblas:

"Es war der 5. März 1999, als der Freitag zum RONDO und DER STANDARD zu seiner kleinen, modischen Schwester kam. Die Namensfindung war keine leichte, als Taufpaten standen die RONDO-Rubriken Reisen, Design, Essen & Trinken und Mode Spalier, die von nun an wie beim gleichnamigen Pendant in der Musik in "harmonischer Abfolge" Woche für Woche ihren Auftritt hatten. Als das erste, von den Kollegen anderer Ressorts naserümpfend beäugte RONDO erschien, hatten Handys noch Knöpfe, Faxgeräte fiepten munter vor sich hin." (Die ganze Geschichte lesen Sie hier)

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13. April 1999: Das erste Posting auf derStandard.at wird veröffentlicht. Bis Jahresende 1999 werden insgesamt 43.000 Postings geschrieben, so viele, wie heutzutage manchmal an einem Tag. Chris Burger – Leiter der STANDARD Community Management – zur Posting-Idee:

"Beim STANDARD wird inzwischen eifrig an einem Community-Projekt gearbeitet. Die Idee ist, dem interaktiven Medium Internet gerecht zu werden und einen unmittelbaren Rückkanal für die Leserinnen und Leser bereitzustellen.Zunächst war an ein separates Forum gedacht, in dem die Redaktion täglich ausgewählte Themen zur Diskussion stellt. Bis zu einer Projektbesprechung, in der Alexander Mitteräcker, heute Vorstand, meinte: "Wir haben täglich 100 bis 120 Artikel. Sollten wir das Forum nicht einfach unter jeden Artikel hängen? Dann können sich die User selbst aussuchen, welches Thema sie diskutieren wollen." Die Idee war bestechend – und auch völlig neu. Es gab keinerlei Vorbild dafür. Kein anderes Online-Medium hatte zum damaligen Zeitpunkt Artikel-Kommentare.Gesagt, getan. Am 12. April 1999 erschien – zu einem Artikel über die österreichische Kosovo-Berichterstattung – das erste Posting." (Die ganze Geschichte lesen Sie hier)

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9. April 2001: DER STANDARD erscheint dank neuer Druckmaschinen durchgängig vierfärbig. Gregor Auenhammer über die ersten Jahre STANDARD-Produktion:

"Heutzutage ist unvorstellbar, womit vor 30 Jahren Zeitung gemacht wurde. Fotografie, Telefonie, Fernsehen und Gestaltung – alles analog: Schriftarten wurden geschnitzt, Fotos in der Dunkelkammer belichtet. Schwarz-Weiß-Bilder wurden gerastert, Farbfotos und Inserate für den 4-Farb-Druck auf Film belichtet und montiert. Das kreative Chaos des täglichen Produktionsprozesses geriet im Stile virtuoser Improvisation zum Wettlauf gegen die Zeit. Inklusive Le-Mans-Start diverser Boten vom Tiefen Graben, Am Gestade und der Gonzagagasse, später vom Michaelerplatz, Herrengasse 1 in die Druckerei, wo Fotos, Texte und Inserate montiert und per Klebeumbruch auf Film belichtet und Druckplatten gebannt wurden."(Die ganze Geschichte lesen Sie hier)

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4. April 2005: Start der Beilage "New York Times".

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1. Juli 2007: Alexandra Föderl-Schmid wird als erste Frau Chefredakteurin einer österreichischen Tageszeitung.

foto: standard/newald
Alexandra Föderl-Schmid bei einer Podiumsdiskussion im April 2017.

6. Oktober 2007: Die erste Schwerpunktausgabe erscheint: Schriftsteller machen STANDARD.

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August 2008: Der Süddeutsche Verlag zieht sich zurück.

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Dezember 2012: Die STANDARD-Gruppe übersiedelt in ein neues Gebäude in der Vorderen Zollamtsstraße 13 im 3. Wiener Gemeindebezirk.

foto: cremer
Das STANDARD-Gebäude in der Vorderen Zollamtsstraße 13.

19. Juni 2013: DER STANDARD organisiert sich neu, Print- und Onlinebereiche in Redaktion, Anzeige und Marketing werden zusammengelegt. Ein neuer Bereich für User Generated Content wird geschaffen.

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Dezember 2013: DER STANDARD-Kompakt erscheint zum ersten Mal.

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1. Jänner 2017: Alexander Mitteräcker übernimmt die Leitung der STANDARD Medien AG als alleiniger Vorstand.

foto: matthias cremer

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24. Juli 2017: DER STANDARD expandiert nach Deutschland: derStandard.de geht online.

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8. November 2017: Martin Kotynek wird Chefredakteur des STANDARD.

foto: peter rigaud
Die aktuelle Chefredaktion (v.l.n.r.): Nana Siebert, Chefredakteur Martin Kotynek, Petra Stuiber und Rainer Schüller.

1. Mai 2018: Die Chefredaktion wächst: Nana Siebert und Petra Stuiber werden neben Rainer Schüller stellvertretende Chefredakteurinnen.

19. Oktober 2018: DER STANDARD wird 30 Jahre alt.