Vertical Farming: Landwirtschaft ohne Land

    27. September 2018, 08:00
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    Bodenlose Projekte für den Anbau von Gemüse, Früchten und Keimlingen werden in Österreich immer populärer. Biozertifiziert werden Vertical-Farming-Produkte aber wohl nie werden

    Es ist nicht weniger als eine neue Generation von Landwirtschaft, die die Neobauern Clemens Jahn und Ronald Frank in diesem Jahr im niederösterreichischen Raasdorf eröffnet haben. In einer von außen unscheinbaren Lagerhalle wächst Österreichs erste großangelegte Vertical Farm. Der Anbau von Pflanzen in Etagen möchte einen neuen Standard in Sachen Produktqualität vorgeben. "No pesticides, no GMOs, no herbicides, no fungicides" lautet das Motto von Herbeus Greens.

    "Unsere Pflanzen haben keinen Kontakt zur Umwelt, keine Autoabgase, kein Spritzmittel vom benachbarten Feld, wir können die Bedingungen perfekt kontrollieren, eine Qualitätsstufe über Bio sozusagen", sagt Jahn, der eigentlich aus der Unterhaltungsgastronomie kommt und Gesellschafter des Wiener Szeneklubs Grelle Forelle ist.

    Wassersparender Anbau

    Tatsächlich mutet es futuristisch an, wenn man diese Landwirtschaft ohne Land zum ersten Mal betritt. Der Weg führt durch eine Hygieneschleuse, in der Schuhe und Hände desinfiziert werden, danach muss sich jeder Besucher ein Haarnetz und Überschuhe überziehen. Im 600 Quadratmeter großen Hauptraum türmen sich die Pflanzenkeimlinge auf Stellagen in Plastikschalen übereinander, die Wurzeln wachsen auf Holzfasern. Gegossen wird von unten nach dem Ebbe-und-Flut-Prinzip. Das Licht kommt von farbigen LED-Zellen, deren Spektrum genau auf die Bedürfnisse der Pflanzen abgestimmt ist.

    Das Know-how dafür hat sich das Team in einem Testdurchlauf in einer ehemaligen Spittelauer Garage selbst erarbeitet. Auf nur 40 Quadratmeter Anbaufläche konnten damals bereits Microgreens für 40 Restaurants in Wien und Umgebung kultiviert werden. Microgreens, das ist das neudeutsche Wort für Keimlinge und Jungpflanzen die schnell wachsen und nach wenigen Tagen verzehrt werden können. Zum Sortiment von Herbeus zählen Keimlinge der Gartenkresse, des Borretschs und der farbenfrohe, rot keimende Amarant. Die wichtigsten Kriterien für den Anbau: Keimfähigkeit des Saatguts, schneller Wachstumszyklus, Farbe und Geschmack.

    Eine Studie der Universität Maryland belegt, dass die Keimlinge und Jungpflanzen im Vergleich zum erntereifen Zustand oft ein Vielfaches der Vitamine und Mineralien enthalten. Junge Gartenkresse enthält zehnmal mehr Beta-Carotin als die eigentlich dafür bekannte Karotte. Hundert Gramm Rotkraut-Microgreens enthalten nach rund zehn Tagen Wachstum bereits 147 Milligramm Ascorbinsäure – um 50 Prozent mehr als der Tagesbedarf eines Erwachsenen und gleichzeitig sechsmal mehr als ein ausgewachsener Krautkopf. Um die gleiche Menge an pflanzlichem Vitamin C in Zitrusfrüchten zu produzieren, braucht es viele Monate an intensiver Landwirtschaft. "Unsere Produktion braucht ungefähr 80 Prozent weniger Wasser als der Anbau auf dem Feld", sagt Jahn.

    Kresse beim Diskonter

    Der Zuspruch der Konsumenten steigt: Kresse und ähnliche Jungpflanzen findet man bereits seit einigen Jahren beim Diskonter. "Unser Vorteil ist, dass wir innerhalb von zwei Stunden ganz Wien und Umgebung mit frischem Schnittgemüse beliefern können, unsere Mitbewerber brauchen dafür viel mehr Vorlaufzeit", sagt Mitgründer Ronald Frank über den Konkurrenzdruck.

    Pionier in der vertikalen Lebensmittelerzeugung war der österreichische Maschinenbauingenieur Othmar Ruthner, der bereits in den 1960er-Jahren einen 41 Meter hohen Turm zur landwirtschaftlichen Nutzung präsentierte. Jahrzehnte später werden bodenlose Projekte hierzulande langsam populär. Seit 2015 werden Austernseitlinge auf Wiener Kaffeesatz gezogen, in Bruck an der Leitha gedeihen Algen in sechs Meter hohen Glasröhren, und im Burgenland entsteht derzeit Europas größte Indoor-Wasabifarm.

    Die Landwirtschaft hat sich aber längst vom Boden losgelöst. So wachsen konventionelle Tomaten und Paprika üblicherweise in bis zu 15 Meter langen Stauden auf in der Luft hängender Steinwolle, getränkt mit Nährstoffsubstrat.

    Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent

    Anna Keutgen, Leiterin der Abteilung Gartenbau an der Universität für Bodenkultur in Wien, sieht in Vertical Farming großes Potenzial: "Bei Gemüse haben wir in Österreich einen Selbstversorgungsgrad von nur 60 Prozent, und es gibt immer weniger landwirtschaftliche Fläche." Vor allem um die erntearmen Winter- und Frühlingszeiten zu überbrücken, würden sich Microgreens und Sprossen anbieten um den Bedarf an frischem Grün zu decken.

    Herbeus Greens möchte bald Erdbeeren in Stockbetten anbauen, doch ob dieses Produkt auch massentauglich ist, bezweifelt Keutgen: "Indoor-Erdbeeren rechnen sich derzeit nur in isländischen Glashäusern, weil es dort sehr günstige Erdwärme gibt. In Österreich würde ein Kilo wegen den hohen Energiekosten geschätzt zwanzig Euro kosten."

    Im Endausbau wird die Halle in Raasdorf zwölf Etagen zählen und eigene Klimazonen für die verschiedenen Kulturen beherbergen. Trotz aller technischer Ausgefuchstheiten: Biozertifiziert werden Vertical-Farming-Produkte wohl nie werden, denn dafür dürfen die Pflanzen keinem künstlichen Licht ausgesetzt sein. (Nikolai Atefie, 27.9.2018)

    • Im niederösterreichischen Raasdorf wachsen Gartenkresse, Borretsch und Amarant gut behütet in Stockbetten.
      foto: lina kroencke

      Im niederösterreichischen Raasdorf wachsen Gartenkresse, Borretsch und Amarant gut behütet in Stockbetten.

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