Debütalbum von Liedermacher Felix Kramer: Lieder wühlen Seele auf

    Video27. September 2018, 06:00
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    Der junge Wiener legt mit "Wahrnehmungssache" ein berührendes Werk voller präziser Beobachtungen vor

    Es fällt schwer, sich Felix Kramer heute in einer Basketballhalle vorzustellen. Die filigranen, langen Fingernägel, Ausweis aller klassischen Gitarristen, wollen nicht recht zum harten Ballsport passen. Hätte er sich nicht mit zwölf den Unterarm gebrochen, wäre er heute vielleicht Profi. Elle und Speiche fügten sich wieder, die Leidenschaft für den Sport erlitt aber einen dauerhaften Knacks.

    So veröffentlicht der heute 23-jährige Musiker aus Ottakring sein erstes Album Wahrnehmungssache, anstatt in der Welt herumzudribbeln. Erschienen ist es auf dem Label Phat Penguin, dass die beiden Universal-Music-Veteranen Hannes Eder und Benjamin Brüst betreiben.

    felix kramer

    Liedermacher lässt er sich am ehesten als Bezeichnung seiner Tätigkeit gefallen. Selbst wenn sich Argumente für Chansonnier oder Singer-Songwriter finden ließen, kann das schnell Assoziationen mit barfüßigen Kellerauftritten oder Non, je ne regrette rien hervorrufen. Falsche Adresse.

    Hirsch, Dylan, Brel

    Weinselige Treffen mit einem Freund während der Schulzeit, bei denen man sich gegenseitig musikalisches Kulturgut von Kreisler und Qualtinger an den Kopf schmetterte, sollten eher die Initialzündung für seine heutigen Lieder sein. Auch wenn es noch länger dauerte, bis er sie schrieb. Eine Ska- bis Reggaeband, ein elektronisches Projekt im Noisebereich und das Gitarrenstudium an der MUK (Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, früher: Konservatorium Wien) lagen noch dazwischen. Bach brauchte viel Zuwendung, aber am Ende war die Liebe zu Ludwig Hirsch, Bob Dylan oder Jacques Brel größer. Die Herren haben ihre Spuren in seiner Musik hinterlassen, das leugnet Kramer nicht.

    Seine Melodien fühlen sich vertraut an, in der Erinnerung verankert. Seine Texte, die sich oft um zwischenmenschliche Beziehungen drehen, glänzen durch lapidare Präzision. Sie sind uneitel und substanziell, beobachten, ohne zu bewerten, wirken weder altklug noch platt.

    felix kramer

    Auf dem berührenden Debüt regiert eine Melancholie, die bereits Frieden mit sich selbst gemacht hat. Manchmal mit einem Schuss Wiener Morbidität, manchmal mit Schmäh versetzt. Dialekt und Sprachgefühl sei Dank, klingt das nie pathetisch.

    Um den Sound kümmerte sich unter anderem Hanibal Scheutz. Der ist Kontrabassist der Wiener Band 5/8erl in Ehr'n und Sohn des im Vorjahr verstorbenen Musikers Wilfried Scheutz.

    Dessen letztes Album Gut Lack imponierte Kramer dermaßen, dass er unbedingt mit Scheutz junior, der daran maßgeblich beteiligt war, zusammenarbeiten wollte. Eine handverlesene Miniarmada stadtbekannter Profimusiker tat im Produktionsprozess ihr Übriges. Man war aber besonnen genug, Gitarre und Gesang ab und an auch allein stehen zu lassen. Weniger tut manchmal mehr weh.

    felix kramer

    Zwar wird man Wahrnehmungssache autobiografische Züge nicht ganz absprechen können, dennoch ist Felix Kramer nicht Felix Pöchhacker; so lautet der bürgerliche, etwas unmusikalischere Name des Künstlers. Das merkt man besonders, wenn es politisch wird.

    Wo bitte sind alle?

    Der Titeltrack des Albums fällt aus der Rolle. Im Gegensatz zum inhaltlich recht zeitlosen Album thematisiert er Terror, das Anzünden von Flüchtlingsheimen oder Hassreden, gibt aber keine Handlungsanweisungen. Sich als Person, die nun eine gewisse Öffentlichkeit erreicht, zur Tagespolitik zu äußern, findet er aber wichtig und nötig: "Es wird bei Frauen gekürzt, es wird gehetzt, es werden die niederträchtigsten Frechheiten veröffentlicht. Und dann muss wirklich der Ambros herhalten? Wo bitte sind alle?"

    Von seinen Musikerkollegen wünscht er sich mehr Aktivismus, eine Kunstszene, die dagegenhält. Für ihn muss das nicht unbedingt in der Kunst selbst passieren, obwohl er bereits weitere politische Lieder geschrieben hat. Ganz zufrieden ist er mit ihnen nicht. Es bleibt aber anzunehmen, dass er auch hier noch die richtigen Worte finden wird. (Amira Ben Saoud, 27.9.2018)

    • Körbe werfen oder Körbe kriegen? Felix Kramer hat sich dem Sport ab- und der Musik zugewandt. Jetzt singt er über Zwischenmenschliches – weder altklug noch platt.
      foto: heribert corn

      Körbe werfen oder Körbe kriegen? Felix Kramer hat sich dem Sport ab- und der Musik zugewandt. Jetzt singt er über Zwischenmenschliches – weder altklug noch platt.

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