Die Angst der Väter vor der Karenz

    Interview27. September 2018, 08:00
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    Psychologe Arno Hraschan über die Zweifel der Männer in der Karenz und darüber, was eine authentische Beziehung zum Kind ausmacht

    STANDARD: Die Zahl der Väter in Karenz geht aktuell zurück. Was hindert Männer daran, für mehrere Monate den Job bleibenzulassen, um beim Kind zu sein?

    Hraschan: Als besonders hinderlich für die Karenz erleben viele Väter ihre Arbeitsstelle. Für viele mittelständische oder kleine Betriebe scheint Väterkarenz keine Option zu sein. Ein Mann berichtete mir, dass er bei seinem ersten und einzigen Kind nun ein Jahr lang in Karenz gehen wird. Der Handwerksbetrieb, in dem er arbeitet, besteht aus gerade mal vier Personen. Er wird von einem neuen Mitarbeiter zumindest für zwölf Monate ersetzt. Seine Angst ist verständlicherweise groß, dass er nach seiner Rückkehr und nach Ablauf des Kündigungsschutzes den Betrieb verlassen muss.

    STANDARD: Wie oft hören Sie das Argument, wonach Männer mehr verdienen als Frauen und sie es sich deshalb nicht leisten können, Väterkarenz in Anspruch zu nehmen?

    Hraschan: In der Väterberatungsstelle habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Väter bereit sind, ihre finanziellen Ansprüche zumindest eine kurze Zeit lang herunterzuschrauben. Sie stellen die Bedeutsamkeit der Beziehung zu ihrem Kind über monetäre Aspekte.

    STANDARD: Mit welchen Unsicherheiten haben Ihrer Erfahrung nach Väter in der Karenz zu kämpfen?

    Hraschan: Väter setzen sich selten in Männergruppen hin und diskutieren über ihre Zweifel und Unsicherheiten – das geschieht eher so nebenbei, während der gemeinsamen Autoreparatur oder beim Spiel mit den Kindern am Väternachmittag im Nanaya. Und da kommen letztlich ähnliche Themen wie bei den Müttern: Wie legst du dein Kind schlafen? Sind nächtliche Schreikonzerte normal? Wie lange soll gestillt werden? Wann hat meine Frau eigentlich wieder Zeit für mich? Solche Fragen klingen banal, sind es aber nicht. Natürlich kommen auch Väter an ihre Grenzen, genauso wie die Mütter, und brauchen die Möglichkeit, von diesen Erfahrungen zu erzählen.

    STANDARD: Inwiefern verändert eine Väterkarenz den Blick auf Elternschaft?

    Hraschan: Väter sind überrascht, wie anstrengend es ist, den ganzen Tag mit dem Kleinkind als Hauptbezugsperson zusammen zu sein. Sie schaffen dann weniger im Haushalt oder sind abends fix und fertig. Als Psychologe erlebe ich auch oft den Druck, den Stress und die ungewohnte Belastung, die ein Baby für seine Eltern und die Beziehung mit sich bringt. Deshalb kommen Paare in der Krise zu mir in die Beratung. Der Vater wirkt hier durch eine Karenz entlastend auf die Paarbeziehung ein. Und: Die Karenz führt letztlich auch dazu, dass sie ihre Frauen und deren Sorgen um einiges besser verstehen können.

    STANDARD: Und umgekehrt? Was, wenn Männer keine Betreuungsarbeit übernehmen?

    Hraschan: Frauen akzeptieren es heute viel weniger als früher, dass Männer kein Engagement im Haushalt oder Familienleben zeigen. Umgekehrt ziehen manche Mütter die Fürsorge für das Baby eng an sich und lassen wenige Abweichungen zum eigenen Erziehungsplan gelten. Das kann sich störend und hinderlich auf die Beziehung zwischen Vater und Kind auswirken. Männer finden mit den Babys ihren eigenen Weg und können sie genauso gut versorgen. Allerdings hängen ihre Kompetenzen stark davon ab, ob sie von Anfang an die Betreuungsarbeit beim Säugling mit übernehmen durften.

    STANDARD: Wie viel Zeit braucht eine gute Vater-Kind-Beziehung?

    Hraschan: Qualitativ wertvoll verbrachte Zeit mit dem Baby beziehungsweise dem Kleinkind fördert die Bindung zwischen Vater und Kind. Aber es ist nicht unbedingt die Dauer der gemeinsam verbrachten Zeit, sondern vielmehr die väterliche Bereitschaft, auf Signale des Säuglings zu reagieren, welche das Bindungsverhalten positiv beeinflusst. Wenn Väter in der Karenz ihren Kindern vermitteln können, dass sie da sind, dass sie ein alltäglicher Anker sind, auf den man sich verlassen kann, dann fördert das nicht nur das Selbsterleben und den Selbstwert des Kindes, sondern auch seine Neugier auf die Welt und sein Erkundungsverhalten.

    Eine echte, authentische Beziehung zwischen Vater und Kind bedeutet nicht nur, die verspielten und angenehmen Seiten des Zusammenseins mit der eigenen Tochter oder dem eigenen Sohn zu genießen, sondern auch gemeinsam Probleme zu meistern. Zum Beispiel: Was macht ein Mann, wenn er bei 30 Grad im Schatten eine volle Windel mit nur einem Feuchttuch wechseln muss, deshalb mit seinem Kleinkind auf die nächste Herrentoilette stürmt und dann wieder einmal feststellen muss, dass es den Wickeltisch nur am Damen-WC gibt? (Christine Tragler, 27.9.2018)

    Arno E. Hraschan (geboren 1971) ist als Klinischer und Gesundheitspsychologe seit vielen Jahren in der Paarberatung sowie in der Väterberatung tätig. Er arbeitet im Nanaya, dem Zentrum für Schwangerschaft, Geburt und Leben mit Kindern, und in freier Praxis in Wien und Niederösterreich. Neben seiner psychologischen Tätigkeit bietet er in regelmäßigen Abständen einen Väternachmittag für Männer mit ihren Kleinkindern an. Zusätzlich zu dem Schwerpunkt "Eltern sein – Paar bleiben" unterstützt er auch Väter bei der Aufarbeitung schwieriger Geburten.

    Links

    Väternachmittag im Nanaya

    papainfo.at

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    • "Väter sind überrascht, wie anstrengend es ist, den ganzen Tag mit dem Kleinkind als Hauptbezugsperson zusammen zu sein", sagt Arno Hraschan.
      foto: getty images/istockphoto

      "Väter sind überrascht, wie anstrengend es ist, den ganzen Tag mit dem Kleinkind als Hauptbezugsperson zusammen zu sein", sagt Arno Hraschan.

    • Der Psychologe Arno Hraschan arbeitet in der Väterberatung.
      foto: privat

      Der Psychologe Arno Hraschan arbeitet in der Väterberatung.

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