Yes, she can: Beim Wachaumarathon

Blog26. September 2018, 08:00
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Eine gelungene Generalprobe und eine Geschichte darüber, wie man sich selbst aus einem ziemlich tiefen, ziemlich schwarzen Loch herausziehen kann, wenn man nicht hadert, sondern tut

foto: thomas rottenberg

Manchmal ist es mehr als leiwand, sich zu irren. Das kann man auch zugeben. Darum hier und jetzt ein Geständnis: Ich hätte nicht geglaubt, dass Eva im Rahmen des Wachaumarathons beim Halbmarathon "PB", also eine persönliche Bestzeit, laufen würde.

Schlicht und einfach, weil ich es bis etwa drei Tage vor der 21. Auflage des Laufes von Spitz nach Krems für eine sichere Bank gehalten hätte, dass meine Freundin gar nicht starten würde. Und wenn, dann allerhöchstens beim 11er, also dem Elf-Kilometer-Lauf. Oder, falls sie sich doch über die Halbdistanz trauen würde, mit einer Zeit zwischen zwei Stunden 15 und zweieinhalb Stunden. Wenn überhaupt: Auch ein DNF ("did not finish") war nicht nur drin, sondern sogar relativ wahrscheinlich. In meinem Kopf.

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foto: thomas rottenberg

Nicht weil ich Eva keinen "besseren", also einen schnelleren, Halbmarathon zutraue, sondern weil ich weiß, was ihr diesen Sommer da alles ziemlich fette Striche durch die Rechnung gemacht hat: Ich hätte da vermutlich den Hut draufgehaut. Eva ja eh auch fast.

Aber dann sagte sie am Samstag, eine Woche vor dem Lauf, dass sie es eventuell doch versuchen wolle. Eh nur eventuell. Dann lief sie diesen Sonntag. Ich trabte nebenher – und staunte von Kilometer zu Kilometer ein bisserl mehr. Und dann, nach 21,1 Kilometern, war ich baff und stolz. #proudboyfriend lautet der Hashtag.

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Aber der Reihe nach. Die Geschichte beginnt nämlich wie immer ein bisserl früher als mit dem Zusammenstellen unserer Rennausrüstung am Abend vor dem Lauf. Wann genau, ist ein bisserl schwierig zu sagen.

Unter anderem, weil Eva den Lauf in der Wachau eigentlich nicht mag: Im Vorjahr lief sie dort ihren ersten Halbmarathon und hatte wenig Spaß dabei. Abgesehen davon ist meine Freundin einer von drei Menschen in meinem Bekanntenkreis, die der Wachau nichts abgewinnen können. Die beiden anderen laufen nicht, ersparen sich also die Diskussion, ob sie nicht trotzdem … und so weiter.

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Gleichzeitig ist der Wachaumarathon aber halt doch auch ein Fixtermin im Laufkalender: Er liegt ideal, um sich auf die meisten großen Herbstläufe vorzubereiten. Die Wachau liegt vor der Haustüre. Der Lauf ist super organisiert. Man rennt nicht endlos die immergleiche Rundkursschleife, sondern von A nach B (und das auch noch ganz leicht bergab). Wir, Eva und ich, haben heuer noch was vor. Deshalb … eh schon wissen.

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Außerdem, das kam heuer dazu, hat mein Freund Christoph dort mit seinem Team ein feines Charityprojekt auf die Beine gestellt. Christoph Riedl-Daser ist im echten Leben Kommunikationschef der Caritas St. Pölten. Gemeinsam mit Wachaumarathonchef Michael Buchleitner organisierte die Caritas St. Pölten hier ein Paket von Charityaktivitäten. Unter anderem sollten Jacken und Shirts, die bei Läufen nach dem Start die ersten Kilometer säumen, weil man zum Nichterfrieren im Startbereich halt Uraltgewand mitnimmt und wegschmeißt, gesammelt, gewaschen und verkauft werden.

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Ich hatte in meiner Naivität geglaubt, dass das Usus ist. Nicht zuletzt, weil ich es von großen Läufen so kenne. Dass bei uns Berge an brauchbarem Gewand weggeschmissen werden, war mir neu. Umso besser, wenn jemand ein Umdenken initiiert. Bloß: Dass ich mich nicht davor drücken können würde, zum Wachaumarathon zu kommen, war klar – egal ob als Läufer oder als Helfer.

Dass ich mich vor ein paar Wochen beim Traillaufen in Schweden – genauer: davor – leicht verletzt habe, spielt heute keine Rolle mehr. Dass Eva seit Juli schwer angeschlagen war und jedes Mal, wenn es aufwärts ging, der nächste Schlag kam, sehr wohl. Aber egal: Wir waren hier und froren wie alle anderen.

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foto: thomas rottenberg

Eva hatte eine Bedingung genannt: Ihr Tempo, egal wie langsam. Kein böses Wort, kein schiefer Blick, wenn sie mittendrin beschlösse, es bleiben zu lassen oder einfach nur spazieren zu gehen. "Gibt es jetzt eigentlich noch Marillenknödel?"

Für mich war das okay. Sehr okay: Auf einen schnellen Lauf hatte ich mich nicht vorbereitet. Und allein hätte ich Herzdame nicht laufen lassen. Also stellten wir uns in den vorletzten Block. Zielzeit 2:15 oder noch länger. Wir kamen rund fünf Minuten nach den ersten Starterinnen und Startern über die Linie.

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So weit hinten zu starten war richtig: Die Läuferinnen und Läufer hier gingen fokussiert und ehrgeizig ins Rennen, waren aber weder "pushy" noch übermotiviert: Die Gefahr, sich versehentlich an ein paar Overpacer (also Leute, die zu schnell wegrennen und dann eingehen) zu hängen, bestand nicht: Solche Figuren stellen sich vorne auf. Immer.

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Ich ließ Eva das Tempo machen. Und merkte rasch, dass es ihr weit besser ging, als sie es selbst wusste. Gut so: Auch wenn sie im Sommer beim Trainingscamp mit Harald Fritz einmal den Wörthersee umrundet hatte und vor zwei Wochen einen soliden 25er hingelegt hatte, ist es nach von Pech, Stress, Krankheit und Verletzungen geprägten Phasen gut, einen Tick zu defensiv unterwegs zu sein: Das heute war eine Generalprobe. (Wir haben noch was vor.)

Es ging um nix anderes als darum, trotz Wettkampfumfelds cool zu bleiben. In sich zu hören und sich nicht in ein Wettrennen hineintheatern zu lassen. Gerade und auch wenn eine innere Stimme mit "Ich kann doch eh mehr" lockt.

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Es ist relativ einfach herauszufinden, ob das Tempo einer Gruppe passt: Solange die Leute schnattern, sind sie in der Komfortzone. Spannend wird es, sobald es leiser wird. Da wird Pacen Arbeit: Musste man Anfangs bremsen, geht es jetzt ums Ziehen und Motivieren.

Dass es Eva nicht nur gut, sondern hervorragend ging, war leicht zu sehen: Normalerweise bin nur ich für den Blödsinn zuständig. Heute nicht.

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Trotzdem waren wir schneller als geplant. Beim Start hatten wir den 2:15er-Pacer (den markierten Läufer, der ein Tempo laufen würde, das alle um ihn in der auf seiner Fahne angegebenen Zeit ins Ziel bringen würde) weit vor uns wegziehen lassen. Nun kam er näher und näher – und wurde lange vor der Hälfte ein- und überholt.

Eva lief zügig, rund, sauber und konstant. "Du machst das super." – "Lass mich in Ruhe. Ich hab keine Ahnung, wie lange das gutgehen wird." Habe ich schon erwähnt, dass sie nicht unbedingt zu übertriebenem Optimismus neigt?

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Auf halber Strecke kommt der Tunnel von Dürnstein. Der weckt oft das zwanghafte Bedürfnis zu johlen, zu schreien oder zu klatschen. Besonders hell ist es hier drin nicht. Und auch wenn den halben Tag keine Autos fahren, riecht es giftig.

Mir ist das wurscht. Ich renn eben durch. Eva fühlte sich im Vorjahr hier absolut unwohl. Heuer? Herzdame trabte, ohne sich irgendeine Irritation anmerken zu lassen, neben mir her. Als hinter uns geklatscht wurde, grinste sie: "Nett, wie rasch Erwachsene wieder Kinder werden."

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Das Gute am Lauf in der Wachau ist auch das Blöde daran: die Gleichförmigkeit. Bei Kilometer 15 oder 16 hat es dann wirklich jeder verstanden: Links Weinberge, in der Mitte Straße, rechts Fluss. Ab und zu ein Ort. Eh nett, aber irgendwann fad: Hier die Volldistanz zu laufen kann ich mir nicht vorstellen.

Beim Halbmarathon geht es sich grad aus: Wenn die Wachau zu Ende ist, kommen noch ein oder zwei Kilometer Landstraße. Krems. Fertig.

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Bevor wir in die Stadt kamen, trafen wir Gina. Eva ist Ginas Yogalehrerin. Nebenbei steht auf der Bucketlist von Gina zufällig der gleiche Plan wie bei uns. Gina hat schon mehrere Marathons in den Beinen. Hier und heute wollte sie zwei Stunden laufen. "Oops, dann gehe ich lieber vom Gas", erklärte Eva und drosselte das Tempo.

Prompt wäre da der Mann im gelben Shirt beinahe in uns hineingerannt. "Oh, sorry. Ich klebe schon seit K5 hinter euch und lasse mich ziehen. Das geht super – glaubt ihr, ich schaffe sub zwei Stunden mit euch?"

Eva sah mich an, und mir ging ein Licht auf: Sie war tatsächlich einfach nur gelaufen – ohne Taktieren und Rechnerei. Ich hatte mitgerechnet: Wenn wir so weiterliefen, würden wir 2:02 schaffen. Für Eva PB. Für unseren Schatten zu langsam: "Wenn du 2:00 willst, häng dich an Gina. Wir gehen mal vom Gas. Viel Glück!"

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Den Wachaumarathon mitzudenken ist einfach: Die Bundesstraße entlang bis "Wachau Ende". Mauterner Brücke, Kreisverkehr, dann Krems mit seiner Psycho-Schikane: Am Ziel vorbei und wieder weg davon zu laufen, ohne dem "Stalltrieb" der Finisher, die einem da schon entgegenkommen, zu folgen, ist gar nicht so einfach.

Dass der Charity-Checkpoint der Caritas genau hier, an dieser unauffälligen Schlüsselstelle drei Kilometer vor dem Ziel stand, war kein Zufall: Raus aus dem Trott – kurz ablenken. Neu geordnet im Kopf weiter.

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Denn der Trick lautet, Läuferinnen und Läufer aus dem Autopilot-Modus rauszuholen, in dem man da oft ist: Nachdenken, refokussieren und einen Tick bewusster weiter.

Die St. Pöltener Caritas-Leute hatten deshalb nicht nur einen DJ (nebenbei: das war AMS-Chef Johannes Kopf) genau hier an die Strecke gestellt, sondern auch eine Glocke aufgehängt: Für jedes Läuten der "Charity Bell" würde ein Sponsor – der Laufgear-Hersteller Salomon – einen Euro zahlen.

Ich sah niemanden, der ohne zu bimmeln vorbeilief.

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Die letzten zwei Kilometer geht es verwinkelt durch die Gassen von Krems. Man hört das Röhren aus dem Zielraum und will nur noch ankommen. Gas geben.

Aber wir alle schalteten zurück. Ich sah in Evas und Ginas Gesichtern, dass gerade Selbstchecks stattfanden. Das dass "Jetzt nicht mitreißen lassen. Lauf dein Tempo, nicht das der anderen". das wir uns gegenseitig zugerufen hatten, mehr als eine Phrase war: Auf den letzten zwei Kilometern kann man ein Langstreckenrennen nicht gewinnen – aber alles verlieren.

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Ich sah meiner Freundin beim Laufen zu und staunte: Der Sommer war für sie trainings- und sporttechnisch eine einzige Abfolge von Katastrophen gewesen. Da war alles drin, was Bewegung zur Qual macht, nicht nur einen oder zwei Tage lang.

Aber davon war jetzt nix zu sehen: Eva lief rund, sauber, als hätte sie nicht 20 Kilometer in einem für sie hohen Tempo in den Beinen. Als meine Uhr knapp vor dem Zielbogen den beendeten 21. Kilometer anzeigte, glaubte ich, mich verschaut zu haben: War die Frau, die vor dem Rennen eine 6:20er-Pace angesagt hatte, den letzten Kilometer tatsächlich in 5:14 gerannt?

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Es geht um dieses Lachen. Nicht das meiner Freundin. Nicht das meiner Vereinskollegin Tanja, die wir zufällig im Ziel trafen. Sondern das Strahlen jedes Menschen, der realisiert, was er oder sie soeben geschafft hat: etwas, das man sich vielleicht selbst noch vor zwei Stunden, vor drei Tagen oder vor einer Woche nicht zugetraut hätte. Etwas, woran man, sogar während man es tat, nicht glauben wollte.

2:00:23,1 war Eva unterwegs. PB – aber egal. Was an diesem Tag zählte, waren nicht Zeit oder die Platzierung. Nicht Altersklassen- oder Gesamtrang. Schon gar nicht die 23,1 Sekunden über der Zweistundenmarke: Es war nie um Zahlen gegangen, sondern darum, "lächelnd und würdevoll durchkommen, ohne sterben zu wollen". Darum, sich selbst aus dem tiefen Loch, das dieser Sommer gewesen war, rauszuholen. Mut für das zu tanken, was noch kommt.

Und ich? #proudboyfriend, eh klar.

(Tom Rottenberg, 26.9.2018)

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Leitlinien:

Thomas Rottenbergs Startplatz wurde vom Veranstalter zur Verfügung gestellt, Evas voll bezahlt. Die Schuhe beider Läufer wurden von Salming für einen Langzeittest zur Verfügung gestellt.

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