Ist Wien ein gutes Pflaster für junge Kunst?

    25. September 2018, 06:00
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    Konzeptkünstler Alfredo Barsuglia und Performerin Barbis Ruder sind geteilter Meinung, wie es um junge Kunst in Wien bestellt ist

    Erntewoche ist: Verkauft werden muss die Kunst schließlich auch. In Wien wollen gleich zwei ernstzunehmende Messen die Sammler bezirzen: Die etablierte Vienna Contemporary (27. bis 30. September, St.-Marx-Halle) und die einst als widerständiger Satellit gegründete Parallel Vienna (25. bis 30. September). Allerdings hat sich das Gegenfestival, das heuer in einem ehemaligen Bürogebäude an der Lassallestraße Quartier bezieht, im 6. Jahr professionalisiert und präsentiert längst nicht mehr nur Kunst aus den Offspaces. Einzig das Timing ist mau: In Berlin findet zeitgleich die Art Week statt.

    Im eventreichen Kunstherbst scheint man mit dem Standort Wien zufrieden zu sein, während man den Rest des Jahres nicht so sicher ist. Das Galerienprojekt Curated By (bis 13. Oktober) feiert mit dem Motto "Viennaline" quasi sich selbst, und bei der Vienna Art Week (19. bis 25. November) klopfen sich die Vertreter des Kunstbetriebs gegenseitig auf die Schulter.

    Los wäre also genug. Her umgemosert wird aber dennoch immer. Wir fragen: Wie geht es den jungen Kunstschaffenden in Wien? (Roman Gerold, Anne Katrin Feßler, 25.9.2018)

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    foto: johannes siglär

    Alfredo Barsuglia (38)

    Im Gegensatz zu Städten wie New York fehlen in Wien die Superreichen, die Kunstwerke in exorbitante Preisbereiche treiben. Hier baut sich alles langsam auf, wenig wird gehypt. Der Markt in den Metropolen gibt wohl mehr her, aber ich frage mich: Bin ich lieber ein unglücklicher Künstler in N.Y. mit seinen hohen Lebenserhaltungskosten oder ein glücklicher in Wien?

    Es gibt hier viele Möglichkeiten. Dank vieler Offspaces kann man stets irgendwo ausstellen. Es geht auch nicht so sehr um die Institution: Wenn du etwas Gutes machst, funktioniert's überall. Ich glaube, dass Künstler die Möglichkeiten mitunter zu wenig nutzen. Da gibt's Kollegen, die sagen: Nein, in dieser Galerie stelle ich nicht aus, die ist mir zu gering. Und jetzt, 20 Jahre später, stellen sie noch immer nicht aus. Man muss irgendwo anfangen.

    Selbstbewusstsein braucht man im Fördersystem natürlich. Wenn zehn Absagen kommen, geben viele auf. Andere machen eine elfte Einreichung, und die 13. klappt. Ich habe da die "Unkrauttheorie": Neue Künstler werden im Prinzip nicht gebraucht. Die Jungen werden also zunächst "abgemäht". Wenn du aber immer wieder rauskommst, denkt man sich irgendwann: "Okay, den können wir nicht umbringen, lassen wir ihn stehen." Das Pflänzchen wird größer, und irgendwann gießt man es vielleicht sogar. Abgesehen davon bist du selbst dein wichtigster Mäzen.

    Zu den Messen: Die Parallel Vienna hat mir in puncto Verkauf wenig gebracht. Ich sehe sie eher als Kommunikationsplattform. Die Schwellenangst des Publikums ist niedriger als bei der Contemporary, du wirst nicht gleich vom Galeristen abgefangen. Durch die günstigen Räume machen sich Aussteller keinen Kopf und probieren mehr aus. Das bringt eine gewisse Ehrlichkeit mit sich.

    foto: barbis ruder

    Barbis Ruder (34)

    Die Politik übernimmt zu wenig Verantwortung für junge Kunst. Man müsste sie wertschätzen und erkennen, welches Kapital eine lebendige Kreativszene bringt – wenn nicht jetzt, dann in 100 Jahren. Wien könnte sich etwa als "Performancestadt" positionieren, aber vermarktet wird vor allem der Wiener Aktionismus. Man fragt kaum nach der Gegenwart.

    Die Gleichberechtigung der Geschlechter müsste stärker gefördert werden. Männliche Künstler werden viel eher gepusht; als Frau musst du viel mehr bringen, aber sobald du anfängst, aufmüpfig zu werden, hast du gleich wesentlich mehr Gegenwind – siehe Stefanie Sargnagel.

    Abseits dieser Missstände könnte man sagen, dass die Kunst es in Wien gerade deshalb schwer hat, weil es ihr gutgeht: Man kann von Förderungen quasi leben, aber sie machen uns zu Verwaltern und dabei kann auch der Mut zur Radikalität verloren gehen. Von einzelnen radikalen Projekten wie der Burschenschaft Hysteria abgesehen, geht es sehr marktorientiert zu. Es geht oft nur noch um Produkte. Dass es viele Offspaces gibt, ist toll, aber die Künstler müssten öfters ihre eigene Filterblase verlassen.

    Es wäre schön, wenn man sich gegenseitig mehr förderte. Die Wiener Neid- und Nörgelkultur funktioniert unterschwellig und bringt gerade in der bildenden Kunst viele Einzelkämpfer hervor. Ja, sooft wir daran Kritik üben: Genau genommen machen wir Künstler Marktwirtschaft und Kapitalismus pur.

    Zur Parallel Vienna gehe ich nicht mehr, die ist nur noch Event, wo man abhängt und sich produziert. Darauf habe ich keine Lust. Außerdem ist die Parallel längst kein Statement mehr gegen die Vienna Contemporary, sondern selbst ein kleiner Kunstmarkt. Es bräuchte eine neue Parallel.

    installation: marcus geiger / foto: elodie grethen
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