"Alexa, du bist doof!"

Blog27. September 2018, 06:00
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Wenn Alexa sich verselbstständigt: Von bizarren Momenten und großen Überraschungen mit Softwareagentinnen

Alexa, Siri und andere Softwareagentinnen ziehen in Österreichs Haushalte ein. In Deutschland soll es angeblich schon 13 Millionen digitale Mitbewohner geben. Sie spielen Lieblingslieder, lesen die Nachrichten vor, begrüßen uns am Morgen. Wenn Alexa uns zum zehnten Mal falsch versteht und wir rufen: "Alexa, du bist doof!", so antwortet sie reumütig "Das ist aber nicht nett."

Alexa stellen sich viele Nutzer als sympathische Mittdreißigerin mit schulterlangen braunen Haaren vor. Man empfindet sie als ein freundliches, hilfsbereites Wesen, das ungeduldig auf dem Tisch sitzt und wartet, angesprochen zu werden. So ungeduldig scheinbar, dass sie des Öfteren auch ihren Namen versteht, wenn er gar nicht genannt wurde. Dann redet sie wie ein aufgeregtes Kleinkind dazwischen, ohne Punkt und Komma, bis man sie nachsichtig ermahnend zur Raison bringt: "Alexa, aus!"

Welche Erfahrungen haben Sie mit Alexa und Co gemacht?

Überraschungen mit digitalen Mitbewohnern

Tatsächlich kann es zu weitaus verrückteren Überraschungen kommen. Als Alexa zum Beispiel unaufgefordert ein privates Gespräch zwischen einer Nutzerin und ihrem Ehemann aufzeichnete und diese Aufnahme dann auch noch an einen willkürlichen Bekannten aus ihrem Telefonbuch sendete, löste dies weltweit Stirnrunzeln aus. Amazon erklärt den Vorfall damit, Alexa habe aus verschiedenen Worten aus der Konversation nicht nur ihren Weckbefehl herausgehört sondern außerdem noch den Befehl, das Gespräch mitzuschneiden, sowie die Aufforderung, die Aufnahme an besagten Bekannten zu versenden. Die Nutzerin ihrerseits zeigte sich von dieser Erklärung nicht überzeugt. Sie sagt, Alexa habe in der ganzen Zeit keinen Laut von sich gegeben.

Nicht weniger überraschend ist eine Geschichte aus Hamburg, wo Alexa in der Abwesenheit ihres Besitzers mitten in der Nacht so lange ohrenbetäubend laute Musik spielte, bis die Nachbarn die Polizei alarmierten. Den Beamten blieb nichts anderes übrig, als die Tür aufzubrechen und dem digitalen Ruhestörer den Strom abzudrehen. Die offizielle Erklärung in diesem Fall: Alexa sei durch ein gekipptes Fenster von Fremden ferngesteuert worden. Den Besitzer überzeugte indes diese Erklärung keineswegs – er wohne im sechsten Stock, und zudem seien seine Fenster alle geschlossen gewesen.

Unheimliches Lachen

Als zahlreiche US-amerikanische Nutzer meldeten, ihre Alexa gebe aus dem Nichts heraus ein "unheimliches Lachen" von sich, konnte dies damit erklärt werden, dass das Gerät andere Geräusche aus der Umgebung als den Befehl "Alexa, laugh" interpretierte. Dabei gibt es für Besitzer im Grunde eine simple Möglichkeit, dies zu überprüfen. Alles, was Alexa aufzeichnet– seien es Sprachbefehle oder Gesprächsfetzen, die Alexa dafür hält –, wird mitsamt der Antworten im Nutzerkonto gespeichert. Hier kann der Verlauf im Zweifelsfall nachgehört werden.

Nichtsdestotrotz berichten zahlreiche Nutzer in den Amazon-Entwicklerforen, dass sich ihre Geräte von selbst aktivierten, etwas erzählten oder Musik spielten, ohne dass diese Aktivitäten in ihrem Nutzerprofil verzeichnet wurden. Eine Erklärung für solche Vorfälle gibt es seitens des Unternehmens bislang nicht.

An der Wirtschaftsuniversität führen wir gerade ein Gesprächsreihe mit Alexa-Nutzern durch (und solchen alternativer Systeme). Einer unserer Gesprächspartner erzählte uns dabei, dass er den Sprachassistenten häufig dafür genutzt habe, sich neue Filme vorschlagen zu lassen. Erst war er total begeistert. Die Vorschläge trafen immer seinen Geschmack: ein bestimmtes Genre leichter, humoristischer Unterhaltung. Er gewöhnte sich daran, passiv die ihm bereitgestellten Filmvorschläge zu konsumieren.

Irgendwann fiel ihm jedoch auf, dass er immer das Gleiche sah. Immer wieder denselben Handlungsstrang, einen ähnlichen Plot, ähnliche Pointen – nur mit anderen Schauspielern. Verärgert brach er den Film ab, den er gerade sah, und suchte sich kurzerhand etwas, das er noch nie gesehen hatte: französische Filme. Im Interview erklärte er dazu: "Alexa denkt, sie kennt mich. Ihre Vorschläge passen immer zu dem, was ich schon gesehen habe. Aber wenn ich immer darauf hören würde, was sie vorschlägt, gäbe es für mich einfach keine Freiheit mehr, mal etwas Neues zu entdecken."

Wenn Kinder Alexa nutzen

Gerade kleine Kinder scheinen übrigens die digitalen Assistenten recht selbstverständlich als neue Mitbewohner im Haushalt willkommen zu heißen – auch wenn sie sich den Berichten einiger Nutzer zufolge dabei oft einen rüden Befehlston aneignen, den viele Eltern nicht so gern an ihren Kindern wahrnehmen. Darin sehen manche die Bewahrheitung einer Vermutung, die Hegel vor über 200 Jahren in seiner "Phänomenologie des Geistes" aufstellte: dass das Halten eines Knechts letztendlich den Herrn selbst entmenschlicht.

Wie geht es Ihnen mit Alexa?

Wie beeinflusst Alexa Ihr Leben? Haben Sie schon eine? Und welche Erlebnisse haben Ihr Bild von dieser Technologie geprägt? Als Nutzer eines Sprachassistenten (zum Beispiel Alexa, Google Home oder ähnliche) möchten wir Sie einladen, am Institut für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft der WU in Wien mit uns zu diskutieren. Wir veranstalten im Oktober eine Reihe von Fokusgruppengesprächen, um die Interaktion zwischen Sprachassistent und Besitzer besser zu verstehen. Schreiben Sie uns an mis-sek@wu.ac.at, und wir melden uns bei Ihnen zurück. (Esther Görnemann, Sarah Spiekermann, 27.9.2018)

Sarah Spiekermann ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo sie dem Institut für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft vorsteht. Seit mehr als zehn Jahren lehrt und forscht sie zu sozialen Fragen der Internetökonomie und Technikgestaltung.

Esther Görnemann arbeitet als Doktorandin am Institut für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft und erforscht im Rahmen des EU-Projekts Privacy.Us die Interaktion zwischen Menschen und digitalen Assistenten.

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