48-Stunden-Test: Insta-Entzug – Insta-Beginn

    Test22. September 2018, 12:33
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    Des Leben ohne Instagram ist für die STANDARD-Moderedakteurin möglich, aber sinnlos. Ihre Kollegin aus der Kultur kannte die Foto-App bisher nur vom Hörensagen

    foto: apa / afp / angela weiss

    KALTER ENTZUG

    Warum der Sprung aus der Filterblase eine Herausforderung ist

    Harte 48 Stunden ohne Instagram, das hat sich angefühlt wie kalter Entzug. Zum ersten Mal konnte ich nachvollziehen, wie sich Helmut Schmidt gefühlt haben muss, als er mit 96 auf seine täglichen 40 Zigaretten verzichten musste. Um das verstehen zu können, sollte man wissen: Ich pflege ein ähnlich inniges Verhältnis zu Instagram wie Schmidt einst zu seinen Tschicks. 40 Interaktionen sind am Tag sicher drin. Normalerweise geht es schon morgens um halb sieben los. Dann tastet die rechte Hand zum Nachttisch. Ist das Handy nicht gestern Abend noch irgendwo zwischen Buch und Zeitschrift festgesteckt? Rumms, schon liegen Wecker und iPhone am Boden, halbe Drehung aus dem Bett heraus, endlich das Handy in der rechten Hand. Den PIN-Code tippe ich im Halbschlaf.

    Insta ist so was wie meine Bar

    Egal, wo ich aufwache, der erste Besuch gilt der Regenbogen-App: Instagram ist für mich das, was für Jenny Elvers-Elbertzhagen irgendwann einmal das morgendliche Glas Prosecco war. Die App ist aber noch mehr. Sie ist ein tägliches Ablenkungsmanöver, ein neugieriges "Was ist wohl wieder los in der Welt?", so genau lässt sich das nicht erklären.

    Eines ist klar: Ohne Instagram wären die Tage weniger abwechslungsreich. Und das sage ich, obwohl das mit Instagram schon seit drei Jahren so geht. Es läuft sogar so gut, dass mein Freund ab und zu eifersüchtig wird. "Ein bisschen Abstand täte dir gut", sagt er dann mit dem vorwurfsvollen Unterton eines Erziehungsberechtigten und verdreht die Augen, sobald ich zur Rechtfertigung ansetze. Wenn ich ihm erkläre, dass die App mein digitales Tagebuch und irgendwie auch Ausdrucksmittel sei und mir schon so manche Kontakte beschert habe, winkt er ab. Zum Kontaktemachen stehe er abends lieber an der Bar. Mein "Auf Instagram ist dafür rund um die Uhr was los" lässt der Freund nicht gelten.

    Er bekommt ja auch nicht mit, wie ich mich mehrmals täglich durch den Bilderstrom navigiere (ich habe über 1000 Accounts abonniert), Selfies like, die Partybilder von der Londoner Modewoche studiere und dann gleich noch ein paar Nachrichten beantworte. Kommunikation fühlt sich auf Instagram entspannter an, hier muss niemand "Viele Grüße" schreiben. Es geht auch nicht so ernst wie auf Facebook und Twitter zu. Keine Hetzjagden aus Chemnitz, keine Macho-Journalisten, die sich auf 280 Zeichen beweisen müssen – auf Instagram geht es nicht um Leben und Tod und meist auch nicht um die große Politik. Stattdessen schöne Frauen in Proenza-Schouler-Kleidern, Galerie-Schnappschüsse – es fühlt sich an, als blättere man morgens einmal die "Vanity Fair" durch.

    Entzug mit Ersatzdrogen

    Umso schwerer der Verzicht auf die App. Zum Glück lagen am Wochenende Ersatzdrogen parat. Zeitung, Bücher, für alles war (nach ersten überwundenen "Ich muss nur ganz kurz checken, was auf Insta los ist"-Reflexen) mehr Zeit. Nach 24 Stunden war es teils sogar erleichternd, nicht tausend anderen Menschen beim Posen zuzusehen. Das, habe ich gemerkt, ist trotz aller Neugier ganz schön anstrengend. Ich werde mich übrigens bald wieder für 48 Stunden von Instagram verabschieden. Wird sicher wie beim letzten Mal niemandem auffallen. (Anne Feldkamp, 23.9.2018)

    VON NULL AUF INSTA

    Die ersten Klicksgefühle zwischen Hashtags und Katzenfotos

    Michael Stipe will nicht mehr auf Instagram sein, lese ich. Der ehemalige Leadsänger der Rockband R.E.M. wünscht sich bessere Ausdrucks- und Kommunikationsweisen. Fotos mit Bildunterschriften in die Welt hinauszuschicken sei unbefriedigend. Echter, "analoger" Austausch unter Menschen vorzuziehen. Ja, eh. Aber warum nicht beides? Ich werfe also die Instagram-Maschine an und probiere, wie das so funktioniert. Damit gehöre ich dann zu einer Milliarde Menschen (Stand Juni 2018), die die audiovisuelle Onlineplattform nützen. Irgendwer wird mir schon followen.

    Bundesheer oder Beyoncé?

    Am besten, ich fange mal mit dem Followen der anderen an. (Da muss im Deutschen echt noch ein besseres Wort her). Die Anmeldung ist wie jede heutzutage: ein Tremolo auf der "Akzeptieren"-Taste, also ein Kniefall vor allem und jedem. "Du erhältst eventuell SMS-Updates von Instagram. Diese kannst du jederzeit abbestellen." Ja, ja. Also gut. Los geht’s. Der Sesam öffnet sich, und die erste Frage ist, soll ich dem "Hofer" folgen oder der "Beyoncé"? Auch das "Bundesheer.online" bietet sich mir an. So so.

    Da ich gerade in der Schweiz war, poste ich mal Fotos von dort. Matterhorn einerseits, Freddie-Mercury-Statue in Montreux andererseits. Zwei Beiträge von täglich 60 Millionen weltweit. Gnadenhalber finden das gleich ein Dutzend Leute toll. Das Wohlwollen gegenüber der Novizin! Ich fühle mich wahrgenommen. Darum geht’s auf solchen Plattformen schließlich. Ich schick was aus der Wiener U-Bahn nach (ein beliebter Topos, wie ich sehe) – und schon flaut das Interesse meinerseits ab. Ich brauch kein Facebook II!

    Aber ein Tipp zieht mich aus dem Motivationstief. Ich solle Hashtags machen, schreibt mir die wahrscheinlich professionellste Posterin meiner Runde. Na klar! Das hätte ich schon wissen können. Nur mit Hashtags kann ich viele Follower bekommen und Influencerin werden, ha! Es geht ja darum, möglichst viele Menschen zu erreichen. Die Konkurrenz ist groß – und ziemlich gut. Was für tolle Fotos jeden Tag! Handstände auf Berggipfeln, die prächtigsten Pflanzengewächse, der höchste Kartoffelsackstapel et cetera. Ich drücke also auch auf die Tube, aber schon habe ich das Gefühl, man könnte mir Oversharing vorwerfen. Ja, das geht schnell. Sämtliche Katzenfotos halte ich also zurück. War eh nicht meine Katze, aber trotzdem sehr lieb.

    Auch Insta hat Grenzen

    Auf einer Zugfahrt nach Linz suche ich dringend nach Bildoptionen. Nichts. Da war einfach nichts. Das Wetter zu duster, alles öde, aber so, dass es sich leider nicht in ein Bild bannen ließ. Auch Instagram hat Grenzen. Andererseits tun sich dort, wo man es nicht erwartet, die schönsten Momentaufnahmen auf. Auf dem Klo, in einer Apotheke oder vor der eigenen Haustür. Das ist doch nett.

    Plötzlich taucht mein 13-jähriger Neffe als Follower auf. Ja, darf er das denn schon?! Darf er. 13 ist Mindestalter. Seine Kürzelsprache werde ich zwar nie verstehen, aber egal, er macht Top-Bilder mit allen möglichen Filtern und hat echt Geschmack. Er wird mir bei nächster Gelegenheit bestimmt erklären, was auf Instagram "Du kannst jetzt ein selbstlöschendes Foto senden" bedeutet. (Margarete Affenzeller, 23.9.2018)

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