Manuel Rubey: "Vielleicht sind wir alle zu gierig?"

    Interview23. September 2018, 09:00
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    Der Schauspieler zeigt in der internationalen Serie "The Team" seine böse Seite. Sich politisch zu äußern hält er für Notwehr

    Mit Flüchtlingen, Fremdenfeindlichkeit und Raubkunst ist die europäische Polizeieinheit "The Team" in der zweiten Staffel konfrontiert. Der ORF zeigt die vier Teile der internationalen Koproduktion ab Donnerstag, 27. September, wöchentlich um 20.15 Uhr in ORF 1. Aus Österreich sind etwa Manuel Rubey, Erwin Steinhauer und Nora Waldstätten dabei. Gedreht wurde in Dänemark, Belgien, Deutschland, Marokko und Österreich.

    STANDARD: Sie spielen in "The Team" einen windigen, kriminellen Galeristen. Sind Sie lieber der Böse oder der Gute?

    Rubey: Ich finde den Bösen meistens spannender, vielleicht weil bei solchen Rollen die inneren Konflikte größer sind. Die Lüge ist viel komplexer als die Wahrheit. Das kennen wir aus dem Alltag: Lügt man, muss man sich eine Riesengeschichte herum bauen. Da ist das Eis dünner. Ich habe aber auch nichts dagegen, bei den Guten dabei zu sein, wenn die Rolle schön ist.

    STANDARD: Werden Sie eher für die Guten gebucht und vorgesehen oder eher für die Bösen?

    Rubey: Bis zum Falco-Film im Jahr 2008 waren es fast ausschließlich so freundliche Schwiegersöhne, wenn es überhaupt Angebote gab. Spielt man plötzlich was anderes, muss man eh aufpassen, dass man nicht mehr nur das angeboten bekommt. Jetzt sind es eher diese windigen, schwer einzuordnenden Figuren. Vielleicht kann auch nicht jeder alles spielen. Schauspieler überschätzen sich oft. Am Anfang waren es also eher die Guten, jetzt sind es die anderen.

    STANDARD: Wie sieht es mit Ihrer eigenen kriminellen Energie aus?

    Rubey: Kriminelle Energie verwende ich tatsächlich als Wortlaut, das ist wichtig für das Spiel. Im besten Fall ist das originär, wenn sie beim Schauspiel, der Malerei oder bei anderer Kunst eingesetzt wird. Mein Beruf deckt da zum Glück recht viel ab, dass ich abseits davon relativ okay bin und die kriminelle Energie im Privatleben nicht so stark ausgeprägt sein muss.

    STANDARD: Also Schauspiel als Ventil?

    Rubey: Genau, es ist definitiv ein Ventil, auch wenn man es nicht als Therapieersatz betreiben darf. Ich merke aber, dass das unbewusst immer wieder passiert und durch das Ventil einiges raus kann. Das ist nicht immer der Fall, aber manchmal doch ein herrlicher Nebeneffekt.

    STANDARD: Schließen Sie Rollen schnell ab, oder arbeitet das in Ihnen weiter?

    Rubey: Deswegen hatte ich tatsächlich mit meiner Frau jahrelang einen Konflikt, und sie hat recht gehabt. Sie hat mir immer wieder vorgeworfen, dass gerade größere Rollen, mit denen ich mich länger beschäftige, auf den Charakter abfärben. Sprich: Ich verhalte mich komisch. Ich habe immer gedacht, ich kann es komplett trennen, weil ich etwa von Method Acting nichts halte, das stimmt aber wohl nicht. Mit manchen Rollen kämpft man länger, und irgendwas bleibt immer.

    STANDARD: Welche Rolle hat denn besonders abgefärbt?

    Rubey: Im Endeffekt jede irgendwie, außer vielleicht Dreitagesrollen, zu denen man kurz hinkommt. Ein Beispiel ist der Film "Gruber geht" von Marie Kreutzer (nach dem Roman von Doris Knecht, Anm.), als ich mich mit einer Krebserkrankung auseinandergesetzt habe. Das macht dich natürlich verletzlicher, brüchiger und sterblicher. Wir waren im AKH auf der Onkologie im dritten Stock unter der Erde. Das zehrt, und da bleibt etwas hängen.

    foto: petro domenigg/filmstills.at
    Manuel Rubey in "Gruber geht".

    STANDARD: Das Feedback etwa durch Ihre Frau ist ein Korrektiv?

    Rubey: Hört man auf, auf Menschen zu hören, die einem wirklich wichtig sind, wird es eh problematisch. Sagen meine Frau oder Kinder, dass ich plötzlich ein Arschloch bin, dann möchte ich mir schon genauer ansehen, wo das herkommt und ob ich was ändern kann. Im besten Fall wird man im Alter reflektierter. Ich hoffe, das trifft auch auf mich zu.

    STANDARD: In "The Team" geht es um große Themen wie Flüchtlinge, Nazis oder Terrorismus. Hat Ihnen diese Produktion zugesagt, weil sie ein Spiegel der Gesellschaft und am Puls der Zeit ist?

    Rubey: Schon beim Lesen habe ich mir gedacht: Wow, da hast du jetzt etwas in der Hand, das mit dem zu tun hat, was du in den Nachrichten siehst und worüber am Abend diskutiert wird. Ich habe dann recherchiert und bin komplett reingekippt. Man merkt, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Wir kennen viele Kriegsbilder, aber der Schritt, dass die auch noch in die staatlichen Museen marschieren und sich einfach dieses Zeug unter den Nagel reißen, ist sehr heftig: Und dass sich der gebildete Europäer daraus bedient und sich sofort ein Riesenschwarzmarkt von Syrien nach Europa entwickelt. Es ist nicht erfunden, dass sich viele Menschen Kunstwerke aus Kriegsgebieten zulegen. Ohne jetzt zu pathetisch sein zu wollen, aber das hat mich schon beschäftigt.

    foto: orf
    Erwin Steinhauer spielt den Milliardär Richard Adams. Das Galeristenehepaar Tebos (Manuel Rubey) und Lucy Meyer (Nora Waldstätten) soll für ihn ein antikes Kunstwerk beschaffen.

    STANDARD: Sie äußern sich sehr politisch und exponieren sich etwa auf Twitter, wo Sie über Innenminister Herbert Kickl geschrieben haben: "Ich schäme mich, dass Sie es in diesem Land so weit bringen konnten!" Wie waren die Reaktionen?

    Rubey: Die Regierung ist legitimiert und hat beinahe eine Zweidrittelmehrheit. Man muss kein großer Mathematiker sein, um zu erkennen, dass das viele Leute gut finden. Dementsprechend ist das ein bisschen Notwehr. Ich mache das nicht, weil ich Künstler bin oder glaube, irgendwas mehr begriffen zu haben. Es gibt den Spruch: Tue nicht so, als wärst du nicht die Gesellschaft. Ich finde, dass wir uns äußern müssen, das betrifft uns alle, und wir müssen um diesen Zustand der Demokratie gerade kämpfen. Ich finde nicht, dass Künstler zu jedem Thema den Mund aufmachen sollen. Das kann ich auch nicht, weil ich mich bei vielen Themen nicht auskenne. Was da gerade passiert, macht mir große Sorgen.

    STANDARD: Auch in Ihrer Rolle als Künstler?

    Rubey: In meiner Rolle als Teil der Gesellschaft. Wenn die Kunst ein Spiegel sein soll – und im besten Fall vielleicht etwas vorausahnen kann –, dann ist es ein vorsichtiges Mahnen. Ich glaube, dass wir alle miteinander kommunizieren müssen. Demokratie und das Gehirn sind zwei Dinge, die besser und nicht abgenutzt werden, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Natürlich ist es auch heikel, weil es Leute provoziert.

    STANDARD: Äußert sich das, wenn Sie auf auf der Bühne stehen?

    Rubey: Ja, speziell beim Präsidentschaftswahlkampf war es zu merken. Vor allem in den Bundesländern, wenn wir auf Tour waren. Es ist eh alles schön und lustig, aber lasst uns mit Politik in Frieden.

    STANDARD: Sie waren im Personenkomitee Alexander Van der Bellens.

    Rubey: Ja, ich weiß nicht, ob ich das wieder machen würde, aber gerade in dem Fall fand ich es so signifikant wichtig, gerade zwischen diesen zwei Personen. Was ich aber immer und weiter machen werde: Ich möchte mit den Menschen, die anderer Meinung sind, diskutieren.

    STANDARD: Vielleicht einmal mit Herbert Kickl?

    Rubey: Mit Herbert Kickl würde ich natürlich diskutieren. Ich weiß nicht, ob ich eine Chance hätte, irgendein Argument zu liefern, weil ich nicht so gebrieft bin, aber ich finde, dass ich viele Argumente habe. Was ich sagen will: Ich würde nicht das Gespräch verweigern. Leute müssen sich die Hand reichen, auch wenn sie komplett anderer Meinung sind.

    STANDARD: Sie haben ja ein Late-Night-Sitcom-Format für den ORF in der Pipeline. Ist das noch aktuell?

    Rubey: Es gibt verschiedene. Eines ist bereits ein paar Jahre alt, das wurde auf Eis gelegt. Im Moment arbeiten Alfred Dorfer und ich an einer Idee für ein neues Sitcom-Format. Hier wird es im Herbst hoffentlich ein paar Gespräche geben.

    STANDARD: Würden Sie das Format am liebsten im ORF realisieren?

    Rubey: Ich bin grundsätzlich ein großer Fan von öffentlich-rechtlich, weil ich das per Definition gut finde, hier auch mehr Nische sein kann und man nicht nur auf Quoten schielen muss. Gerade in Zeiten von Netflix, HBO und anderen tollen Plattformen möchte ich aber nichts kategorisch ausschließen. Der ORF bleibt erster Ansprechpartner.

    STANDARD: Apropos Netflix und HBO: "The Team" besteht aus vier Teilen. Würden Sie so eine Serie privat lieber am Stück konsumieren als wöchentlich portioniert im ORF?

    Rubey: Ehrlich gesagt schaue ich Serien gerne am Stück. Gerade wenn mich etwas abholt, möchte ich nicht eine Woche warten. Bei meiner Tochter habe ich letztens festgestellt, wie sehr sich das ändert. Zum 70. Geburtstag von Otto Waalkes habe ich gesagt: Schauen wir uns am Freitag um 20.15 Uhr "Otto – Der Film" an. Sie hat überhaupt nicht verstanden, warum wir das nicht jetzt machen. Was soll das sein am Freitag um 20.15 Uhr? Diese Generation kennt das gar nicht mehr. Ich habe auch gerne Zugriff darauf, aber vielleicht ist es nur die Gier? Vielleicht sind wir alle zu gierig? (Oliver Mark, 23.9.2018)

    Manuel Rubey (39) ist österreichischer Schauspieler, Sänger und Kabarettist. Er spielte unter anderem in "Falco – Verdammt, wir leben noch!", "Echte Wiener", "Braunschlag", "Gruber geht" und "Altes Geld". Er war Mitgründer und Sänger der Rockband Mondscheiner.

    • Hier entlang geht es zur Raubkunst: Nora Waldstätten und Manuel Rubey spielen in "The Team" ein Galeristenpaar.
      foto: orf/superfilm/toni muhr

      Hier entlang geht es zur Raubkunst: Nora Waldstätten und Manuel Rubey spielen in "The Team" ein Galeristenpaar.

    • Dänisch-deutsches Ermittlerduo: Marie Bach Hansen (Nelly Winther) und Jürgen Vogel (Gregor Weiss).
      foto: orf

      Dänisch-deutsches Ermittlerduo: Marie Bach Hansen (Nelly Winther) und Jürgen Vogel (Gregor Weiss).

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