Wie Mutterschaft das Wohlbefinden beeinträchtigt

    24. September 2018, 07:13
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    Wie sich das mentale Wohlbefinden von Müttern nach der Geburt verändert, untersuchte eine deutsche Studie

    Mütter sollen alles können: Für ihre Kinder immer verfügbar sein, das Gros der Erziehungs- und Hausarbeit übernehmen, die Bedürfnisse der Familie über die eigenen stellen, nebenbei im Job erfolgreich sein und dabei schön, schlank und sexuell attraktiv aussehen. Kein Wunder, dass die gesellschaftlichen Rollenbilder und Mutterschaftsideale viele Frauen verzweifeln lassen. Mutterschaft hat einen negativen Effekt auf das mentale Wohlbefinden. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

    "Das mentale Wohlbefinden entwickelt sich bei Frauen nach der Mutterschaft sehr unterschiedlich. Dabei kommt es häufiger zu einer Verschlechterung als zu einer Verbesserung", sagt Marco Giesselmann. Er ist Studienautor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIW Berlin. Mithilfe repräsentativer Längsschnittdaten des sogenannten sozioökonomischen Panels (SOEP) haben sein Team und er nachgezeichnet, welchen Einfluss Mutterschaft auf das mentale Wohlbefinden hat. Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung von über 12.000 Privathaushalten in Deutschland, die jährlich seit 1984 durchgeführt wird. In der aktuellen Studie wurden Daten aus den Jahren 2002 bis 2016 verwendet.

    Unglückliche Mütter

    Mit dem Ergebnis: Bei rund 30 Prozent der befragten Frauen kommt es zu einer "substanziellen Verschlechterung" des gesundheitsbezogenen Wohlbefindens innerhalb der ersten sieben Jahre nach der Geburt eines Kindes. Schwermut, Depression, mentaler Stress, sozialer Rückzug und Angstgefühle sind die Ausprägungen dieses mutterschaftsspezifischen Unwohlseins.

    Interessant ist, dass die Symptome verstärkt bei Müttern vier bis sieben Jahre nach der Geburt des Kindes auftreten – und nicht in der frühen Phase der Mutterschaft, wo die stärkste Beanspruchung und Eingebundenheit besteht. Dazu Studienautor Giesselmann: "Wir erklären uns das so, dass das Leitbild der erwerbstätigen Mutter insbesondere in dieser Phase drängend wird und dass es in dieser Phase zu einem Spannungsverhältnis und den gesundheitsbezogenen Beeinträchtigungen kommt."

    Allerdings gibt es bei dem Befund auch Einschränkungen: Knapp 20 Prozent der untersuchten Frauen erfahren mit dem Übergang zur Mutterschaft eine "substanzielle Verbesserung" ihrer Gesundheit. Und: Ein Vergleich mit kinderlosen Frauen legt nahe, "dass zumindest ein Teil dieser Veränderungen genuin durch Mutterschaft und nicht sonstige altersbezogene Effekte erzeugt wird", heißt es in der Studie.

    Regretting Motherhood

    Dass Kinder nicht immer das größte Glück bedeuten, wurde 2015 unter dem Hashtag Regretting Motherhood, also dem Bereuen von Mutterschaft, ausführlich diskutiert. In der gleichnamigen wissenschaftlichen Studie hatte die israelische Soziologin Orna Donath 23 Frauen im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte 70 zu ihren Gefühlen gegenüber der eigenen Mutterrolle befragt.

    Ob allein die gesellschaftlichen Mutterschaftsideale die Ursache für ein verringertes Wohlbefinden von Müttern bilden, kann auf Basis des analytischen Ansatzes nicht mit Sicherheit belegt werden. Was getan werden kann, damit es Müttern in den ersten sieben Jahren nach der Geburt besser geht? Um eine Entlastung für Mütter zu schaffen, müssten "tradierte klassische Leitbilder von Mutterschaft aufgeweicht werden", sagt Marco Giesselmann. (Christine Tragler, 24.9.2018)

    • Muttersein allein ist kein Glücksrezept.
      foto: getty images/istockphoto

      Muttersein allein ist kein Glücksrezept.

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