Sonnentor-Gründer: "Nach dieser Regierung wachsen auch noch Kräuter"

    Interview23. September 2018, 08:00
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    Durch die neue Regelung für Asylwerber in Lehre gehe Volksvermögen verloren

    Unter dem Namen Sonnentor vertreibt Johannes Gutmann seit 30 Jahren Biokräuter und -tees. Der Waldviertler wollte dabei selbst nie auf dem Feld stehen, sondern lieber hinter der Verkaufstheke.

    STANDARD: Viele heimische Bauern finden keine Hofnachfolge. Wie kann das geändert werden?

    Gutmann: Indem sie was Ordentliches verdienen. Den Bauern wird die Vision genommen, die sind von Förderungen abhängig. Ein Bauer im konventionellen Bereich ist kein Bauer mehr, der ist ein Almosenempfänger. Konventionelle Bauern sind die Knechte der eigenen Standesvertretung und der Agrarindustrie. Im Biobereich gibt es das zu 90 Prozent nicht.

    STANDARD: Sie selbst wollten den elterlichen Hof ja auch nicht übernehmen.

    Gutmann: Nein. Mein Vater hat mich das vor 34 Jahren gefragt, ich wollte aber lieber die Handelsakademie machen. Ich mochte die Feldarbeit nicht, habe mir nicht vorstellen können, da alle Frühjahre die depperten Steine wegzuräumen.

    STANDARD: Sie würde gerne die Gehälter in Ihrem Betrieb offenlegen, tun es aber dennoch nicht. Wieso?

    Gutmann: Ich bin da meinen Mitarbeitern gefolgt, selbst hätte ich das schon lange offengelegt. Da schlagen die Waldviertler Mentalität und der Neid durch. Viele sagen: Ich verdiene mehr als der andere, und wenn der das dann sieht, ist er neidig. Ich sage ja auch selbst, wie viel ich mir herausnehme. Ich bräuchte auch keine Stechuhr und den ganzen Schmarrn. Mir ist das wurscht. Aber das wird von der Gebietskrankenkasse so vorgeschrieben. Wenn die bei der Tür klopfen, musst du inklusive Unterhose alles zeigen.

    STANDARD: Ihr Gehalt beträgt also nach wie vor 2500 Euro?

    Gutmann: Ja, ich brauch nicht mehr, das reicht super. Und wenn ich mehr brauche, kann ich mir auch mehr nehmen. (lacht)

    STANDARD: Sollten wir in Österreich offener über Geld reden?

    Gutmann: Wir brauchen nicht über Geld reden, sondern über Gleichberechtigung. Frauen sind noch immer benachteiligt und bekommen in vielen Betrieben für die gleiche Arbeit weniger Geld. Das verstehe ich nicht. Da tickt Österreich noch ein bisschen vorvorgestern. Aber auch in vielen anderen Dingen tickt Österreich so, mit einer Gemütlichkeit, die man sich augenzwinkernd gönnt.

    STANDARD: Zum Beispiel?

    Gutmann: Ich denke da an die Verwaltung und an aufgeblähte Gesetze, wo man nicht weiß, wofür man bestraft wird. Es ist nicht lustig, immer wachsen zu müssen, speziell bei diesen ganzen Auflagen. Natürlich hält das auch unser Sozialsystem aufrecht, aber es gibt so viele Gesetze und Dummheiten, die einem das vermiesen können. Da denke ich immer, das hat sich nur ein Beamter ausgedacht, damit der seine Hacken hat und nicht, damit die Wirtschaft vorwärts gebracht wird. Allein in Niederösterreich haben wir über 1200 Gesetze, die ich einhalten darf, nur damit ich ein Packerl ins Regal stelle.

    STANDARD: Mit einem Umsatz von 44,5 Millionen Euro gehört Sonnentor nicht mehr zu den Kleinen. 70 Prozent der Ware landen im Export, auch viele Felder sind im Ausland. Gaukeln Sie Konsumenten da nicht eine Waldviertler Idylle vor?

    Gutmann: Nein, das steht auf jedem Packerl drauf. Wir sagen auch ganz offiziell: Kein einziger Teebeutel wird in Österreich erzeugt. Das, was da drinnen tatsächlich verpackt ist, wird in Tschechien gemacht, in unserem Zweitbetrieb. Aber viele Kräuter davon kommen aus dem Waldviertel.


    foto: laufer
    "Allein in Niederösterreich haben wir über 1200 Gesetze, die ich einhalten darf, nur damit ich ein Packerl ins Regal stelle."

    STANDARD: Sie haben in Österreich 23 Franchisefilialen, vier in Deutschland und drei in Tschechien. Wie lassen sich die mit dem Bild des Familienbetriebs, das Sie gerne vermitteln, vereinbaren?

    Gutmann: Super. Das sind lauter private Familien, die die Geschäfte betreiben. Ich weiß genau, wie es denen geht, weil ich auch selbst mal das erste Geschäft aufgesperrt habe. Wenn man Kunden zu Fans entwickelt, kann man gut davon leben. Reich wirst du nicht. Ich bin zwar sogar reich geworden, aber das ist passiert, das war nicht mein Ziel.

    STANDARD: Verlieren Sie da nicht ein Stück Kontrolle über Ihre Firmenphilosophie?

    Gutmann: Überhaupt nicht. Ich bin kein Kontrollfreak, bin ich auch nie gewesen. Mit den Franchisepartnern habe ich jemanden, der sein Geld in mein Geschäft investiert. In einer mitarbeitergeführten Filiale würde jemand sagen, ja da ist halt was passiert – aber keinen Kollegen anschwärzen. Wenn etwas nicht passt, verliert ein Franchisepartner sein Geld. Damit ist er ein zusätzlicher Qualitätsgarant.

    STANDARD: Wie laufen die Filialen?

    Gutmann: In Österreich läuft es gut, in Deutschland müssen wir noch einige Hausaufgaben machen. Der deutsche Markt tickt anders, hat aber auch eine ganz andere Potenz als jener in Österreich. Ich werde es noch erleben, dass wir auch in Deutschland erfolgreich sind.

    STANDARD: Hat nicht gerade Deutschland Sonnentor erfolgreich gemacht?

    Gutmann: Im Großhandel, ja. In Deutschland machen wir unseren Hauptumsatz. Dort sehe ich auch die langfristige Vision und das Potenzial für hundert Sonnentor-Geschäfte. Österreich hat vielleicht das Potenzial für 40. Das Wachstum ist noch lange nicht beendet. Wenn ich noch daran denke, was wir noch alles machen dürfen werden, wird mir schlecht.

    STANDARD: Wieso schlecht?

    Gutmann: Weil es viel Arbeit ist (lacht). Sehr viel Arbeit.

    STANDARD: Sind die Franchisefilialen eine Absage an den Handel?

    Gutmann: Nein. Das ist etwas, das wir uns gönnen – zusätzlich zum Biogroßhandel, der wächst. Mittlerweile machen wir 15 Prozent unseres gesamten Umsatzes mit unseren Geschäften. Das ist Unabhängigkeit. Wenn ich mich hundert Prozent an den Großhandel schmeiße – auch den Biogroßhandel – und keine eigene Idee entwickle, darf ich mich nicht wundern, dass die mir irgendwann das Messer ansetzen. Ich kann aber sagen: Leute, ich verstehe eure Forderungen, aber ihr kriegt sie nicht.

    STANDARD: Ist der Biogroßhandel besser als der konventionelle?

    Gutmann: Ja, er wurde von seiner Wertegemeinschaft und von der Basis her grundlegend anders erdacht und sehr lange auch anders gemacht. Jetzt gibt es bereits Tendenzen, die ein bisschen ähnlicher werden, aber wir sind noch immer weit weg von den Grauslichkeiten, die sich der konventionelle Handel einfallen lässt.

    STANDARD: Boomt Bio zu stark?

    Gutmann: Mich macht das überglücklich. Weil: Jeder Quadratmeter Biolandbau erspart uns viel Gift und viel Umweltbelastung. In Österreich werden pro Jahr 1900 Tonnen Spritzmittel von der Agrarindustrie ausgebracht – und das ist denen noch immer nicht genug. Biobauern können hingegen etwas Gesundes weitergegeben. Konventionelle Bauern aber leben von der Substanz und irgendwann wird es bei denen heißen, dass es sich nicht mehr ausgeht – auch nicht, wenn sie die Förderungen dazuzählen.

    STANDARD: Sie sind Mitglied im ÖVP-Wirtschaftsbund. Wäre eine politische Karriere für Sie reizvoll?

    Gutmann: Politik mache ich eh jeden Tag. Ich brauche mich da nicht von irgendjemandem wählen lassen. Meine Produkte sind jeden Tag im Regal wählbar. Wenn sie nicht gekauft werden, muss ich eben was ändern. Dazu muss ich nicht alle vier Jahre warten und in den Wahlkampf ziehen.

    STANDARD: Spüren Sie den derzeit oft diskutierten Fachkräftemangel?

    Gutmann: Im Waldviertel haben wir momentan genug Handwerker. Natürlich wird gejammert, dass niemand mehr Maurerlehrling werden mag, aber es haben sich einfach die Gewerke verändert. Aber wenn es sich so verändert, dass Leute sich darin nicht mehr wiederfinden und frustriert sind, dann musst du ja was anderes machen. Wenn ich ein sexy Unternehmen habe und auch was dafür tue, dann kommen die Bewerbungen. Wenn ich nur jammere, dass früher alles einfacher war und die einen und die anderen haben Schuld, dann hat man zu spät reagiert.

    STANDARD: Wie stehen Sie zu der neuen Regelung für Asylwerber in Lehre?

    Gutmann: Darüber bin ich einfach nur traurig. Was uns da an Volksvermögen und Geld entgleitet. Das sehen wir dann eigentlich nie mehr wieder. Deshalb sage ich immer: Nach dieser Regierung wachsen auch noch Kräuter.

    STANDARD: Wie würde Österreichs Wirtschaft aussehen, wäre sie, wie Ihr Betrieb, gemeinwohlorientiert?

    Gutmann: Dann würde es um Österreich ein ganzes Stück weit besser ausschauen. Hätten wir nur diesen Mut, das politisch nicht totzuschweigen. Was der ÖVP-Wirtschaftsbund oder auch die Wirtschaftskammer zu diesen Ideen sagen – da dreh ich mich im Grab um, obwohl ich noch gar nicht unten liege. Es tut mir sehr weh, dass solche Ideen mit Füßen getreten und mit Neo-Kommunismus und allen möglichen Dummheiten verglichen werden. Wir haben im Moment einen Glauben: Wer am lautesten deppert redet, der sagt die Wahrheit. Das kann es ja nicht sein.

    STANDARD: Sie finden in Ihrer Biografie durchaus Platz für Eigenlob. Sehen Sie sich als Sonnengott bei Sonnentor?

    Gutmann: (lacht) Ich muss schon sagen, dass es mir gut geht und ich meinen Traum leben darf. Das Selbstbewusstsein kommt erst dann, wenn man selbst das Gefühl hat, dass etwas funktioniert – und nicht erst von außen jemand sagt: Das hast du klass gemacht. (Nora Laufer, 23.9.2018)

    Zur Person: Johannes Gutmann (53) wollte den elterlichen Bauernhof als junger Mann nicht übernehmen, fand aber auch keinen Gefallen am Studium. Nach nur zwei Wochen in Wien kehrte Gutmann nach Niederösterreich zurück und gründete 1988 das Biounternehmen Sonnentor. Der fünffache Vater lebt in zweiter Ehe im Waldviertel.

    Zum Unternehmen: Sonnentor verarbeitet jährlich 1200 Tonnen Gewürze zu Biokräutermischungen und -tees, die von mehr als 300 Bauern weltweit angebaut werden. Im vergangenen Geschäftsjahr machte der Betrieb mit 340 Mitarbeitern einen Umsatz von 44,5 Millionen Euro. Weitere 140 Mitarbeiter sind im Zweitbetrieb in Tschechien angestellt. Knapp 70 Prozent der Waren landen im Export, wobei Deutschland der wichtigste Abnehmer für das Unternehmen mit Sitz in Sprögnitz bei Zwettl ist. Sonnentor betreibt außerdem 30 Franchisefilialen.

    • Laut Johannes Gutmann tickt Österreich in vielen Belangen "ein bisschen vorvorgestern".  Als Beispiele nennt er die Verwaltung und aufgeblähte Gesetzestexte.
      foto: laufer

      Laut Johannes Gutmann tickt Österreich in vielen Belangen "ein bisschen vorvorgestern". Als Beispiele nennt er die Verwaltung und aufgeblähte Gesetzestexte.

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